Einwanderung und Antisemitismus

In die Defensive gedrängt

Der französische Philosoph Alain Finkielkraut, Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender, ist am Rande einer Gelbwesten-Demonstration in Paris übelst angepöbelt worden. Vor körperlichen Attacken bewahrte ihn nur das Einschreiten der Polizei. Während die meisten deutschen Medien die Täter anonymisierten und den Vorfall dazu benutzten, den sozialen Protest im Nachbarland als antisemitisch und rechtsextrem unterwandert zu diffamieren, hat Finkielkraut klargestellt, daß die Täter keine weißen Franzosen waren, sondern dem arabisch-salafistischen Milieu entstammen.

Sie seien davon überzeugt, daß Frankreich dazu bestimmt sei, islamischer Boden zu werden. In der Welt äußerte er: „Alle zitieren jetzt Bertolt Brecht, der sagte: ‘Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!’ Es gibt ein widerwärtiges Wesen, aber es ist nicht derselbe Schoß.“ Die hassende Menge, die ihm entgegengetreten sei, hätte in Beleidigungen und Morddrohungen übersetzt, was er als intellektuelle Exkommunizierung von einem Teil der Linksintellektuellen seit Jahren höre.

Selbstüberschätzung und Feigheit

Der französische Staat kann die Sicherheit seiner jüdischen Bürger nur noch bedingt gewährleisten. Von Übergriffen und antisemitisch motivierten Verbrechen aufgeschreckt, ziehen Juden sich aus Gegenden, die von Einwanderern frequentiert werden, zurück oder übersiedeln nach Israel. Auch in anderen europäischen Ländern einschließlich Deutschland wird die Lage für sie immer problematischer. Finkielkraut sieht die Ursache in einer Gemengelage aus expansivem Islam, linker Ideologie und der Transformation Europas in multikulturelle Gesellschaften.

Wenn er konstatiert, „daß in bestimmten Bezirken die häufigsten Beleidigungen ‘dreckiger Jude’ und ‘dreckiger Franzose’ sind“, macht er deutlich, daß die Judenfeindschaft nur die Speerspitze eines Dominanzwillens ist, der die gesamte angestammte Bevölkerung Europas bedroht.

Hinter der Entwicklung steckt keine Verschwörung, sondern eine jahrzehntelange Kumulierung von Fehlkalkulationen, Selbstüberschätzung, Verblendung, Unkenntnis, Nachlässigkeit und schließlich Feigheit. Das postimperiale Großbritannien zum Beispiel duldete die Zuwanderung aus den nichtweißen Ex-Kolonien, um Reste seines Weltmachtprestiges zu bewahren. Die Franzosen pflegten aus ähnlichen Gründen einen farbenblinden Republikanismus. Und die mit Selbstgeißelung beschäftigten Deutschen waren mental außerstande, den Anspruch auf Selbsterhalt und Selbstverteidigung geltend zu machen.

Der Dritte-Welt-Migrant als revolutionäres Subjekt

Die Interessenlage der Dritten Welt formulierte vor 60 Jahren der auf der Karibikinsel Martinique geborene politische Theoretiker Frantz Fanon. In der Kampfschrift „Die Verdammten dieser Erde“ bescheinigte er den Europäern, daß sie ihre weltgeschichtliche Rolle ausgespielt hätten und für die koloniale Vergangenheit mit Gut und Blut bezahlen müßten. Jean-Paul Sartre stimmte ihm im Vorwort begeistert zu: Europa, dieser „fette und farblose Kontinent“, müsse die hereinbrechende Gewalt als seine Chance begreifen, denn „auch wir Europäer werden dekolonialisiert. Das heißt, durch eine blutige Operation wird der Kolonialherr ausgerottet, der auch in jedem von uns steckt.“

So wurde der Dritte-Welt-Migrant als revolutionäres Subjekt imaginiert. Ignoriert wurde die sakrale Kraft des Islam und die demographische Bombe nichteuropäischer Populationen. Doch statt Einsicht in den desintegrativen Effekt folgt eine weitere dialektische Drehung: Der Islam wird nun als Qualität, der exportierte Bevölkerungsüberschuß als Quantität begriffen, durch die die Dritte Welt ihre berechtigten Ansprüche an Eu­ropa anmeldet.

Die lange als singuläre Opfergruppe gehuldigten Juden schrumpfen unterdessen zu quengelnden Angehörigen jener weißen Welt, die den Untergang verdient hat. In den Worten Finkielkrauts: „Der moderne Antisemitismus ist keine Spielart des Rassismus, es ist eine Spielart des Antirassismus.“

Anpassungsbereite Mitläufer

Auch jüdische Funktionäre waren Schrittmacher der Fehlentwicklung. Aus dem Holocaust hatten sie den Schluß gezogen, daß eine ethnisch und kulturell fragmentierte Gesellschaft den Juden mehr Sicherheit böte als eine homogene. Noch 2005 forderte Israel Singer, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses: „Europa muß multikulturell sein.“ Nicht das Wohlgefühl der Mehrheitsgesellschaft, sondern das der Minderheiten sei „der Lackmustest der Demokratie“. Singer proklamierte sogar eine jüdisch-moslemische Interessenkongruenz.

In Wirklichkeit bestätigt sich in neuer Weise die altbekannte Tatsache, daß selbstbewußte Minderheiten in der Lage sind, eine demoralisierte Mehrheit in die Defensive zu drängen bis zur Unterwerfung. Zur Kundgebung gegen Antisemitismus versammelten sich in Paris  kaum 20.000 Menschen, viel zuwenig, um ein überzeugendes Signal auszusenden. In Großbritannien dekliniert Labour-Chef Jeremy Corbyn den britischen Machtpragmatismus neu, indem er offen die Millionen moslemischen Wählerstimmen höher gewichtet als die Belange und Besorgnisse von wenigen hunderttausend britischen Juden.

In Deutschland klappert die Gebetsmühle der Schuld- und Verantwortungsrhetorik zwar unaufhörlich weiter, doch auch hier verschieben die Kräfteverhältnisse und Interessenlagen sich unaufhaltsam. Insgeheim weiß jeder, daß die Sonntagsreden im Bewährungsfall wertlos sind, weil die induzierten Selbstbezichtigungen statt selbstbewußter, couragierter Menschen bloß anpassungsbereite Mitläufer erzeugt haben. Die Lage in Europa ist ernst. Nicht nur für die Juden.

JF 11/19

Teilnehmer der Solidaritätskundgebung „Berlinträgt Kippa“ der Jüdischen Gemeinde zu Berlin im April 2018 Foto: picture alliance/dpa

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load