Einwanderer
Einwanderer vor der griechischen Insel Lesbos Foto: picture alliance / AP Photo

Meinung
 

Ein Kontinent am Scheideweg

Am Mittwoch meldeten die französischen Behörden die erfolgreiche Räumung des „Dschungels“, des lange Zeit geduldeten Camps außereuropäischer Einwanderer nahe der Kanalstadt Calais. Ihr Ziel: Großbritannien. Unter Zuwanderern konkurriert die britische Insel mit Deutschland um die höchste Attraktivität.

Sei es die Sprache, seien es die starken Gemeinden der Herkunftsländer, die den Neuankömmlingen die rasche Integration in die jeweilige Parallelgesellschaft versprechen – um nach England zu kommen, harren Tausende auch monatelang an der Kanalküste aus.

Mittelmeeranrainer weiter unter Druck

Nun hat sogar die sozialistische Regierung in Paris die Reißleine gezogen. Zwischen 6.000 und 8.000 Illegale sollen in dem Lager gehaust haben; sie wurden nach Polizeiangaben in Auffangstationen in anderen Departments verteilt. Journalisten, die am Mittwoch in Calais waren, meldeten jedoch, Gruppen Minderjähriger seien weiterhin in der Stadt, auch viele Erwachsene hätten sich in die Büsche geschlagen und warteten auf ihre Rückkehr nach Abzug des Polizeiaufgebots.

Mag auch in Deutschland der Eindruck vorherrschen, die Welle der Zuwanderung sei durch die Balkanzäune annähernd zum Erliegen gekommen – die europäische Politik und vor allem die Mittelmeeranrainer Italien und Griechenland stehen weiter vor erheblichen Herausforderungen.

Europäer müssen sich Gedanken machen

275.000 Einwanderer sind bis August 2016 nach Europa gekommen, über 95 Prozent auf dem Seeweg. Von diesen knapp 40 Prozent von Nordafrika nach Italien, der Rest von der Türkei auf die griechischen Inseln. Über 10.000 sind auf Lesbos, Chios und Samos untergebracht, für Griechenland ein unhaltbarer Zustand.

Solange die Hoffnung auf ein besseres Leben ohne Gewalt oder Armut größer ist als die Angst vor dem Ertrinken auf offenem Meer und einer völlig ungewissen Zukunft, wird der Zustrom nicht versiegen. Ob sie es wollen oder nicht, die Europäer werden sich Gedanken machen müssen, wie sie dem Einwanderungsdruck im Kern begegnen.

Das ist eine Aufgabe, die unbedingt für ein gemeinsames, abgestimmtes Vorgehen spricht – wenn jedes Land nur nach seinem eigenen Interesse handelt, werden sämtliche Ankommenden bis zu ihrem Reiseziel durchgewunken, und das ist Deutschland oder England.

Angst vor Schleppern muß größer werden

Gemeinsames Vorgehen darf aber nicht bedeuten, wie die deutsche Kanzlerin es einige Monate lang – ergebnislos – betrieben hat, daß ein Land „Refugees welcome“ ruft und die anderen Länder zu Kost und Logis verpflichtet. Das gemeinsame Vorgehen wird darauf hinauslaufen, daß man die Anreize für Migration abgestimmt und koordiniert herunterfährt.

Am Ende muß die Angst vor den Seelenverkäufern der Schlepper größer sein als die Hoffnung, sich als illegaler Migrant in Europa durchzuschlagen. Daß dieser Prozeß sich im Rahmen der europäischen Zivilisation bewegen muß, steht außer Frage. Aber es werden eben nicht die hochgespannten „Werte“ der Lichtmenschen sein, die da zum Zuge kommen.

Das Übel an der Wurzel packen

Denn nur so kann verhindert werden, daß die europäischen Völker sich irgendwann radikalen, autoritären Heilsgestalten an den Hals werfen, die versprechen, das Übel an der Wurzel zu packen, mit Stumpf und Stiel auszurotten, klar Tisch zu machen mit allem Störenden der Welt. Das wäre das Ende der europäischen Demokratie, und es nicht ausgeschlossen, daß die Geschichte diesen Weg geht.

Verhindern können das nur Eliten, die nicht in Wolkenkuckucksheimen aus moralischem Größenwahn leben, trunken vor Paulskirchen- und Friedensreden, sondern die über Härte und Maß zu gleichen Teilen verfügen. Eliten, die lieber heute kleine Freiheiten beschneiden, als morgen der großen Adé zu sagen. Viel Zeit bleibt nicht. Nicht nur Deutschland, der Kontinent steht am Scheideweg.

Einwanderer vor der griechischen Insel Lesbos Foto: picture alliance / AP Photo
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