Joachim Kuhs
Katar
Hassan al-Thawadi, Generalsekretär des WM-des Organisationskomitees aus Katar Foto: picture alliance/AA

Fußball-WM 2022
 

Fifa, Scheichs und Ramadan

Noch immer bebt die Aufregung von den Sportfunktionärsetagen bis in die Boulevardpresse: Weil es im Sommer in Katar ziemlich heiß ist, soll die zu den Scheichs verschobene Fußball-WM 2022 eben im Winter stattfinden. Konnte ja vorher keiner wissen, daß man da im Sommer gar nicht kicken kann.

Und während die einen sich den Unfug schon wieder schönreden (Fanmeilen und Fußballparties im Wintermantel bei Glühwein können ja auch ganz schön sein, oder?), die europäischen Topklubs und Fußball-Ligen lautstark um Entschädigungen für die zerhackte Saison, den ruinierten Spielbetrieb und die entgangenen Einnahmen schachern und die Geldakkumulationsmaschine Fifa sich erwartungsgemäß stur stellt, ist die Feigheit der Klub- und Ligafunktionäre mal wieder titelverdächtig.

Das meint weniger die vor allem unter Sportjournalisten heißdiskutierte Frage, warum die europäischen und südamerikanischen Klubs und Verbände die korrupte Fifa samt ihrer Schnapsidee einer WM im Wüstensand in einer Gegend, in der die mutmaßlich einzigen von den Einheimischen selbst praktizierten Breitensportarten Beizvogeljagd, Kamelrennen und Geländewagenfahren sind, nicht einfach boykottieren und ihren eigenen Laden aufmachen.

Religiös-kulturelle Befindlichkeiten

Viel jämmerlicher ist, daß die Vereinigung der Europäischen Spitzenklubs und ihr Vorsitzender, der FC-Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge, mit keinem Wort mehr auf ihren Kompromißvorschlag vom vergangenen Herbst zurückkommen, die WM 2022 im April und Mai durchzuführen. Da ist es am Golf zwar auch heiß, aber wenigstens nicht schlimmer als etwa in Brasilien, wo wir’s ja bekanntlich sogar bis zum Titel geschafft haben. Dafür gäbe es keine Kollisionen mit dem Wintersport, und mit einem um ein paar Wochen verkürzten Spielplan in der Rückrunde kämen die Top-Ligen auch besser zurecht.

An sich der vernünftigste Weg im Unvernünftigen also, geht aber trotzdem überhaupt nicht, hat die Fifa schon letzten November abgeschmettert. Denn im April beginnt – der islamische Fastenmonat Ramadan. Und da würde den Kataris ja ihre teuer eingekaufte WM nicht gar so viel Spaß machen. „Die unmittelbaren Turniervorbereitungen würden gestört“, heißt das ins Fifa-Sprech übersetzt.

Lassen wir uns das mal langsam auf der Zunge zergehen. Wegen der religiös-kulturellen Befindlichkeiten einer Region, in der man Fußball gemeinhin eher von Söldnern aufführen läßt als selber spielt, mutet Fifa-Chef Joseph Blatter, der den Wintertermin für die Spiele durchgeboxt hat, den Heimatländern und Hochburgen dieses Sports, ihren Spielern und Abermillionen Fußballbegeisterten eine WM zum maximal ungünstigen Zeitpunkt zu, für die sie selbstverständlich trotzdem kräftig blechen sollen.

Die Scheichs freuen sich

Daß er mit seiner Ramadan-Beflissenheit Millionen europäischer und amerikanischer Fans die Advents- und Weihnachtszeit versaut, ist ihm offensichtlich wurscht, solange seine Kasse klingelt. Deren Traditionen und Gebräuche sind schließlich nicht schützenswert, darauf muß ein Weltfunktionär keine Rücksicht nehmen.

Die europäischen Klubs und Ligen kuschen, statt auf der besseren Lösung zu bestehen, und fordern lediglich eine finanzielle Kompensation als Preis für ihre Unterwerfung. Und die Scheichs freuen sich, wie alles nach ihren Dollars tanzt.

Wenn das die „große Kompromißbereitschaft“ ist, die laut Rummenigge „von allen verlangt“ wird – nur nicht von den Ausrichtern –, dann geschieht es der arroganten politisch-korrekten Fußball-Funktionärskaste nur recht, wie man mit ihnen Schlitten fährt. Die Fußballfreunde in aller Welt haben es in der Hand, diese absurde Veranstaltung zum verdienten Flop werden zu lassen.

Hassan al-Thawadi, Generalsekretär des WM-des Organisationskomitees aus Katar Foto: picture alliance/AA
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