Medienmorast

Fakten sind das Handwerkszeug eines Journalisten. Er darf sich mit der Wahrheit keine Freiheiten herausnehmen. Der mittlerweile von seinem Arbeitgeber, dem Fernsehsender NBC, vom Dienst suspendierte Nachrichtenmoderator Brian Williams jedoch schmückte seine Berichterstattung freizügig aus, wenn es seiner Karriere förderlich war. Wie vor kurzem bekannt wurde, geriet der Hubschrauber des furchtlosen Fernsehjournalisten im Irak nicht unter Beschuss.

Genausowenig stand sein Zimmer im Ritz-Carlton, von dem aus er über den Hurrikan Katrina berichtete, unter Wasser oder wurde von kriminellen Banden bestürmt. Das volle Ausmaß seiner journalistischen Verfehlungen ist der Öffentlichkeit vermutlich noch längst nicht bekannt, doch Williams’ Kollegen bemühen sich bereits nach Kräften, ihre Tragweite herunterzuspielen. „Journalisten übertreiben halt ab und zu ein bißchen“, wiegelte ein USA Today-Reporter ab.

Alberne Selbstverherrlichung

Ein anderer Mitarbeiter desselben Blatts wollte Williams’ Fabulierungen gar mit wissenschaftlicher Patina überziehen und berief sich dabei auf die Untersuchungen von Elizabeth Loftus zu dem Amalgam aus Einflüssen, die zusammenwirken und „falsche Erinnerungen“ erzeugen.

„Den Sturz eines Titanen des Journalismus mitzuerleben, löst keine heimliche Freude aus“, hieß es anderswo. Megyn Kelly vom Konkurrenten Fox News verlautbarte, Williams sei „ ein guter Mensch, der einen großen Fehler begangen hat“. Selbst in der altehrwürdigen New York Times forderte Kolumnist David Brooks Vergebung für Williams.

Zu seiner Entlastung könnte man anführen, daß Williams’ Flunkereien nicht die Ereignisse selbst betrafen, sondern seine vermeintliche Rolle in den Dramen, über die er berichtete. Ethisch gesprochen hat Williams mit dieser albernen Selbstverherrlichung nicht seinen Ruf als Journalist befleckt, sehr wohl aber seinen Charakter.

Großkotzigste Protzer

Daß die Damen und Herren der Journalistenzunft sich schützend vor ihn stellen, wundert wiederum wenig. Mit wenigen Ausnahmen ist der Medienmorast, in dem Silberzungen wie Williams sich so mühelos bewegen, von einer Korruption durchsetzt, wie sie weder im konservativeren Kanada noch in Europa anzutreffen ist. In den USA gefallen die Nachrichtensprecher der großen Sender sich als „Promis“.

Sie treiben sich in Talkshows herum, wo sie nicht nur mit den Moderatoren, sondern auch mit Film- und Popsternchen auf Du und Du sind. Und einmal im Jahr geben sie sich alle ein Stelldichein beim großen Kriecher-Dinner im Weißen Haus, wo die großkotzigsten Protzer aus Politik, Medien und Showbusiness – die Angehörigen der amerikanischen Idiokratie – sich gegenseitig umschmeicheln und umschwänzeln.

Daß nicht wenige dieser Promi-Journalisten in die Kreise, über die sie berichten, hineinheiraten, ist insofern auch nicht weiter verwunderlich. So ist die CNN- und ABC-Korrespondentin Claire Shipman mit Obamas Pressesekretär Jay Carney verheiratet, und Chuck Todd, der die Sonntagmorgen-Talkshow „Meet the Press“ moderiert, mit der demokratischen Strategin Kristian Denny Todd.

Eitelkeit statt Wahrhaftigkeit

Während die Presstituierten sich an den Fleischtöpfen der Hauptstadt laben, sind wir, das Volk, wieder mal die Doofen. Sie schlüpfen mühelos von einer Haut in die andere: ob als Aktivisten, Experten oder Nachrichtensprecher, Verleger oder Publizisten, Pin-Ups oder Pontifizierer. George W. Bushs Pressesprecherin Dana Perino, wechselte nach ihrem Ausscheiden aus dem Weißen Haus zum vermeintlich „konservativen“ Verlag Crown Forum, wo sie für den weiteren Niedergang des amerikanischen Geistes verantwortlich zeichnete, um Allan Blooms berühmten Titel zu zitieren.

Und Megyn Kelly nutzt ihren Hochsitz bei Fox News, um Werbung für die Bücher ihres Ehegatten Douglas Brunt zu machen, ohne darin auch nur den geringsten Interessenkonflikt zu sehen, während CNN-Sprecherin Suzanne Malveaux mit Vorliebe ihre Zwillingsschwester Suzette Malveaux als Rechtsexpertin heranzieht. Und so weiter ad infinitum.

Eitelkeit statt Wahrhaftigkeit; Narzißmus statt Integrität: Das ist das wahre Handwerkszeug der amerikanischen Promi-Journalisten.

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