Niemand ist mehr sicher

Herr Professor Micossi, hat die deutsche Regierung den Ernst der Lage erkannt?

Micossi: Es erfüllt mich mit großer Sorge, daß Berlin mitunter so tut, als sei Deutschland nicht einer der wichtigen Spieler im großen Spiel der internationalen Finanzen. Sicher, man muß zugestehen, Ihr Deutschen habt einige der schlimmsten Finanzexzesse vermieden — aber eben nur einige. Auch Eure Banken haben schließlich das gefährliche Spiel mit der Fremdfinanzierung gespielt.

Haben die Banken den Ruf Deutschlands auf dem Finanzsektor zerstört?

Micossi: Einige in Deutschland haben offenbar geglaubt, unverwundbar zu sein. Weit gefehlt. In Italien haben wir erleben müssen, daß die UniCredit, eine der großen italienischen Banken, die die deutsche Hypovereinsbank gekauft hat, nicht zuletzt durch deren fragwürdige Investitionen in Schwierigkeiten geraten ist. Deutschland muß schon einiges tun, um das Vertrauen wiederherzustellen.

In den letzten Tagen machte Ihre in einem Beitrag für die Londoner „Financial Times“ geäußerte Warnung, die Deutsche Bank könnte in Gefahr geraten, die Runde.

Micossi: Ja, denn das wäre ein Katastrophe, nicht nur für Deutschland, sondern auch für andere europäische Märkte. Das Problem ist, daß die Deutsche Bank im Gegensatz zur  Hypo Real Estate, von der derzeit alle sprechen, ein Merkmal aufweist, das sie im Falle einer Krise zu einer fast tödlichen Gefahr für Deutschland machen würde: Sie ist zu groß. Und zwar — und das ist das Dilemma — sowohl zu groß, um sie pleite gehen zu lassen, als auch zu groß, um sie zu retten. Denn ihre Verbindlichkeiten belaufen sich auf 2.000 Milliarden Euro. Das ist mehr als Fannie Mae in den USA und entspricht mehr als achtzig Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes! Zudem ist der Verschuldungsgrad der Deutschen Bank bedenklich.

Sie sprechen von fünfzig Prozent.

Micossi: Eine Krise der Deutschen Bank wäre einfach zuviel für die Bundesbank, ja selbst für den deutschen Staat. Denn Deutschland ist an die Regeln des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakts gebunden und kann nicht — wie es die Amerikaner können — seine Zentralbank anweisen, einfach mehr Geld zu drucken.

Sehen Sie die Deutsche Bank in Gefahr?

Micossi: Nein, im Moment nicht. Aber eine Bank mit einem so hohen Anteil an Verschuldung ist hochgradig vom Finanzmarkt abhängig. Das heißt, sie könnte durchaus in den Strudel geraten, wenn sich die Panik auf den Finanzmärkten fortsetzt. Dafür sind also gar keine hausgemachten Manage­mentfehler nötig — es sei denn, man bezeichnet es als einen internen Fehler, eine solche Gefahr zu unterschätzen und nicht darauf vorbereit zu sein, was nicht von der Hand zu weisen ist. Übrigens, es geht nicht nur um die Deutsche Bank: Es gibt in Europa natürlich noch weitere Banken dieses Kalibers, die im Falle eines Kollapses zur Katastrophe für ihre jeweilige nationale Regierung führen könnten. Deshalb ist es dramatisch, daß wir nun nicht zu einer europäischen Lösung gekommen sind.

Sie sprechen von der Zurückweisung des europäischen Stabilitätsfonds durch Deutschland.

Micossi: Die Bundesregierung unterschätzt die Lage offensichtlich dramatisch: Denn inzwischen ist niemand mehr sicher!

Deutschland ist größter EU-Nettozahler, kein Wunder, daß man abgelehnt hat.

Micossi: Nein, das ist ein großer Fehler. Sich nach den jüngsten Erfahrungen einer europäischen Vorsorgeplanung zu verweigern und statt dessen einfach zu hoffen, daß künftig nichts Schlimmes passiert, ist nicht nur gefährlich, es ist undeutsch.

Undeutsch?

Micossi: Deutsch ist es, überlegt zu handeln, sich einen Notfallplan, eine Rückversicherung zurechtgelegt zu haben. Sich nicht von einer Situation überraschen zu lassen, sondern überlegt und souverän auch dann noch eine gültige Entscheidung treffen zu können, wenn es brenzlig wird. Die Deutschen sind ein organisiertes Volk. Deshalb entspricht die Entscheidung der Bundeskanzlerin für mich nicht den deutschen Traditionen.

Manche Analysten (siehe Interview unten) halten die gegenwärtige Schockwelle lediglich für ein Vorbeben.

Micossi: Ich befürchte auch, daß die europäische Wirtschaft noch einen dornenreichen Weg vor sich hat: Arbeitslosigkeit, Produktivitätsverfall, Finanzkrach.

Bis vor wenigen Tagen war von der deutschen Politik- und Wirtschaftsfachleuten noch zu hören, Deutschland würde lediglich mit einem Null-Wachstum davonkommen.

Micossi: Diese Dinge sind sehr schwer vorauszusagen, und so will ich nicht zu hart mit den Deutschen ins Gericht gehen. Aber ich muß sagen, daß mir die Reaktionen Ihrer Eliten mitunter etwas apathisch bis selbstgefällig erscheinen.

Also Sie meinen, eine große Krise könnte vermieden werden, wenn man anders reagieren würde?

Micossi: Das ist nicht das Ende des Kapitalismus, das ist „nur“ eine Krise. Wir sollten einen kühlen Kopf bewahren. Natürlich kann die Krise bewältigt werden. Was wir dazu jetzt brauchen, ist eine — temporäre — staatliche Intervention.

Das heißt, es ist der Steuerzahler, der jetzt büßen darf.

Micossi: Bitte erinnern Sie sich an Japan während der neunziger Jahre, das damals in einer sehr ernsten Krise steckte. Man entschied sich, die Heilung den Kräften des Marktes zu überlassen. Ergebnis: zehn Jahre Stagnation. Dagegen das Beispiel Schweden: Auf ihre erhebliche Finanzkrise Anfang der neunziger Jahre reagierten die Skandinavier mit der vorübergehenden Verstaatlichung der Banken. Ergebnis: Rasch folgte ein Aufschwung.

Es gab Fachleute, die den Krach vorausgesagt haben, etwa die Professoren Max Otte oder in dieser Zeitung Eberhard Hamer (Interview in JF 45/03), und die dafür verlacht wurden.

Micossi: Ja. Das waren zwar nur einige wenige, aber es gab sie. Heute müssen wir anerkennend zugeben, daß sie recht hatten. Ich habe leider nicht zu diesen Warnern gehört, sondern zu jenen, die die Gefahren fatal unterschätzt haben. Heute fühle ich persönlich Bedauern, die Warner so leichtfertig übergangen zu haben, und als Fachmann Scham, nicht vorausschauender gewesen zu sein. Ich denke aber, ich habe meine Lektion nun gelernt. Mir macht nur Sorge, daß die Bundesregierung sich der Einsicht leider offenbar weiterhin verschließt.

Professor Stefano Micossi  war von 1995 bis  1998 Generaldirektor für Industrie der Europäischen Kommission in Brüssel und zuvor Direktor des Instituts für Wirtschaftsforschung der italienischen Zentralbank in Rom. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Zeitungsbeiträge, darunter immer wieder in der Financial Times und in Il Sole 24 Ore, Italiens führender Wirtschaftszeitung. Heute ist der 1946 in Bologna geborene Jurist und Wirtschaftswissenschaftler Chef des traditionsreichen, 1910 gegründeten, italienischen Wirtschaftsverbands Assonime (www.assonime.it) und lehrt am Center for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel sowie am College of Europe in Brügge und Warschau.

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