Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Ausbildungszeit verkürzen?

Im Vergleich zu anderen Industrienationen haben wir in Deutschland die kürzeste Lebensarbeitszeit weltweit. Die Deutschen gehen relativ früh in den Vorruhestand und treten enorm spät in das Arbeitsleben ein. Dafür sorgen schon die vergleichsweise langen Studienzeiten an den Universitäten. Auch im Bereich der Auszubildenden sind die Berufsanfänger relativ alt. In vielen Bereichen, bei denen früher Realschulabschlüsse notwendig waren, ist heute Abitur Mindeststandard. Dies führt auch zur Belastung der Sozialsysteme und ist ein Problem des Steuereinnahmen. Die Arbeitnehmer zahlen nun einmal die Beiträge. Je früher ein Auszubildender zum Arbeitnehmer wird, desto eher wird er zum Beitragszahler für die Systeme. Bei den Lehrlingen ist ein Verteilungsproblem festzustellen. In der Ausbildung muß zu oft Schulstoff nachgeholt werden. Dies beginnt immer öfter beim Lesen und Schreiben und den Grundrechenarten. Darüber hinaus wird ihnen Stoff vermittelt, den sie schon vorher bekamen – wie Sport oder Religion. Dies hält sie von der eigentlichen Ausbildung ab. Dort sollte man umsteuern und nach dem Sinn solcher Ausbildungsstoffe fragen. Die Berufsausbildung sollte eine Fachausbildung bleiben und kein Nachholen der Allgemeinbildung sein. Dies ist und bleibt Aufgabe der Schule und der Elternhäuser. Wir haben das Phänomen, in vielen Ausbildungsberufen zusätzlich Abiturienten begrüßen zu können. Wenn wir in den Ausbildungsberufen jedoch normale Haupt- oder Realschüler hätten, wäre eine Ausbildung schon um drei bis vier Jahre verkürzt. Leider ist das Abitur heutzutage eine Jedermannsausbildung und führt nicht mehr explizit zur Hochschulreife. Es sollte nur Abitur machen, wer studieren will und studieren kann! So würden Ausbildungszeiten generell verkürzt. An dieser Stelle hätten alle Beteiligten gewonnen. Uwe Barth ist seit November 2003 Landesvorsitzender der FDP in Thüringen und war Spitzenkandidat für die Landtagswahl. Als Berufsschullehrerverband stehen wir einer Verkürzung der Ausbildungszeit sehr kritisch gegenüber. Denn neben der Vermittlung von fachtheoretischen Kompetenzen ist die parallel zur betrieblichen Ausbildung laufende Berufsschule auch persönlichkeitsbildend. Hierfür haben wir insbesondere die Inhalte der allgemeinbildenden Fächer wie Deutsch, Sozialkunde, Wirtschaftslehre oder die erste Fremdsprache. Zu diesem Fächerkanon gehören auch Religion und Sport. Diese Fächer würden bei einer Verkürzung noch weiter eingeschränkt. Sie sind aber die letzte Möglichkeit, den Jugendlichen auf dem Weg in die Gesellschaft das nötige Fundament zu geben, damit sie später als selbständige, selbstverantwortliche Staatsbürger in unserem Staat ihr eigenes Einkommen erarbeiten können. Sie sollen auch politisch als Bürger mitdenken können. Wenn wir die Ausbildungszeit noch weiter verkürzen, ist dies kaum zu schaffen. Die Auszubildenden der auf zwei Jahre reduzierten Ausbildungsgänge, zum Beispiel Fahrradmonteur, Fachlagerist oder Kraftfahrzeugservicemechaniker, sind eher praxisorientierte Jugendliche. Bisher haben diese Jugendlichen in ihrem gesellschaftlichen Dasein nicht die besten Erfahrungen mit Schulen gemacht. Die berufsbildende Schule hat heute mit den modernen pädagogischen Ansätzen die Möglichkeit, den jungen Menschen das Rüstzeug für ein späteres selbständiges Erwerbsleben zu geben. Wir brauchen in unserer Wissens- und Informationsgesellschaft der Zukunft eben nicht reine funktionierende menschliche Arbeitsmaschinen, sondern verantwortlich mitdenkende Staatsbürger. Das darf nicht vernachlässigt werden. Deshalb sind wir der Meinung, gerade weil viele dieser jungen Menschen langsamer lernen als andere, brauchen wir mehr Zeit, um notwendiges Wissen zu vermitteln. Wolfgang Herbst ist stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen e. V. und Mitglied im Hauptausschuß des Bundesinstituts für Berufsbildung.

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