Joachim Kuhs

 

Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger in den Zivildienst?

Da die Bundesregierung den Wehrdienst aufgrund des begrenzten Einzugs von Wehrpflichtigen auf kaltem Wege abschafft, ist auch der Zivildienst, der als Ersatz der Wehrpflicht gilt, gefährdet. Deshalb wird bei der personellen Besetzung der Zivildienststellen ein erheblicher Engpaß in den verschiedenen Bereichen eintreten. Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger, welche Leistungen der Allgemeinheit erhalten, haben die Pflicht, dafür auch eine Leistung zu erbringen. Dazu eignen sich Zivildienststellen. Um die Aufgaben in diesen Einrichtungen zu erfüllen, stelle ich die Forderung auf, daß Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger verstärkt auch in solche Stellen vermittelt werden. Dies ist diesem Personenkreis zumutbar, und auch Anbieter von Zivildienststellen haben die Pflicht, eine entsprechende Einarbeitung zu gewähren. Die Kritik von Sozialverbänden an diesem Vorschlag ist für mich nicht nachvollziehbar. Die Motivation von Zivildienstleistenden ist für mich nicht unbedingt höher anzusiedeln als die Langzeitarbeitsloser. Manch mangelnde Qualifikation muß den Zivis und auch den Langzeitarbeitslosen und Sozialhilfeempfängern vermittelt werden. Auf freiwilliger Basis wären die Zivildienststellen mit Sicherheit nicht einmal zu fünf Prozent besetzt. Im Natur- und Umweltschutzbereich, bei Verbänden und kirchlichen Einrichtungen werden oft Stellen angeboten, die handwerkliches Können erfordern wie zum Beispiel die Pflege von Biotopen. Diese Einsätze sollen Langzeitarbeitslose auch als Chance der Wiedereingliederung in ein reguläres Berufsleben verstehen und begreifen. Deshalb ist es sinnvoll, Langzeitarbeitslose und Sozialhilfeempfänger in Zivildienststellen zu vermitteln. Max Straubinger ist CSU-Bundestagsabgeordneter und stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Arbeit. Wir haben 1,5 Millionen Langzeitarbeitslose in Deutschland, überwiegend sind diese über 50 oder sogar über 55 Jahre alt. Die sollen nun plötzlich Putzarbeiten verrichten, die sonst Aushilfskräfte oder 400-Euro-Kräfte ausführen? Man müßte dann ja wiederum diese Menschen entlassen. Zusätzlich bleibt die Frage, ob Leute – obwohl sie nicht mehr in den Betrieben arbeiten dürfen – so flexibel und in der Lage sind, um Arbeiten zu verrichten, die Zivildienstleistende machen: Essen auszufahren, Kranke zu transportieren oder hilfsbedürftige Rentner in Altersheimen zu betreuen. Es ist keine Lösung, die Langzeitarbeitslosen jetzt in Zivildienststellen einzusetzen. Langfristig muß das Ziel doch sein, den Dauerzustand der Langzeitarbeitslosigkeit zu beenden. Ich hoffe, daß die Wirtschaft und die Arbeitgeberverbände endlich dazu kommen, wieder mehr Menschen über 50 und 55 zu beschäftigen. Wir haben doch momentan den Zustand, daß Betriebe keine Mitarbeiter über 50 mehr einstellen – dort muß der Hebel angesetzt werden! Die Zivildienstleistenden verrichten eine Arbeit und lernen dabei auch für ihr Leben. Sie lernen beispielsweise soziale Kompetenz, wie ich aus vielen Gesprächen und Diskussionen erfahren habe. Viele von ihnen sagen mir, daß sie zu Beginn oft wenig begeistert über die Tätigkeiten gewesen seien, aber im Rückblick für das Leben sehr viel gelernt hätten, so daß sie diese Zeit nicht missen möchten. Ein großer Teil dieser jungen Menschen wäre ansonsten nie mit soviel sozialen Lebenswirklichkeiten konfrontiert worden. Setzt man nun hochqualifizierte ältere Arbeitslose für diese Dienstleistungen ein, ist noch ein weiterer Effekt von großem Nachteil: Fachkräfte, die Hilfsarbeiten verrichten, fehlen dem Markt ersatzlos! Walter Hirrlinger ist Präsident des Sozialverbandes VdK Deutschland e. V. und war von 1968 bis 1974 Arbeits- und Sozialminister der SPD in Baden-Württemberg.

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