Quotenbringer

Thomas Gottschalk ist kämpferisch. Es geht ihm nicht um die Befriedigung seines persönlichen Ehrgeizes, die verlorene Saalwette einzulösen und im Deutschen Bundestag zu reden. Er will, daß sich in diesem Land etwas bewegt. In Kalifornien, wo er seinen Lebensmittelpunkt hat, wurde ein gelernter Bodybuilder und Actionstar von einer Aufbruchsstimmung ins höchste Regierungsamt des Bundesstaates getragen. Ein klein wenig von dieser Bereitschaft, unkonventionelle Wege zu beschreiten, werden sich auch die Deutschen aneignen müssen, wenn sie aus ihrer Misere herausfinden wollen. Der Deutsche Bundestag könnte also ein Signal setzen, daß es ihm ernst ist mit dem Aufbrechen verkrusteter Strukturen. Statt dessen schaltet er auf stur und zieht sich hinter formale Scheinargumente zurück. Parlamentspräsident Wolfgang Thierse verkündet süffisant, daß die Geschäftsordnung des Hohen Hauses einen Auftritt Gottschalks nicht zulasse. Diese könnte man aber einvernehmlich ändern, sofern nur der politische Wille dazu dawäre. Der CDU-Abgeordnete Norbert Lammert krakeelt, daß der Deutsche Bundestag keine Showbühne sei. Dies mag de facto zwar leider stimmen, zeugt aber von einem geringen Gespür für die Tradition und den tieferen Sinn des Parlamentarismus. Peter Ramsauer schließlich meint anmerken zu müssen, daß Gottschalk sich ja um ein Abgeordnetenmandat bewerben könne. Dieses Spiel mit dem Feuer kann sich der CSU-Funktionär aber nur leisten, weil er weiß, daß der Entertainer auch durch zynische Provokationen nicht davon abzubringen ist, seinem Volk auf eine viel ehrenvollere Weise zu dienen: durch Zerstreuung, die die Menschen für ein paar Stunden die Zumutungen des Staates vergessen läßt. Wer als Politiker Thomas Gottschalk den Weg ans Rednerpult im Reichstagsgebäude versperrt, legt einen Dünkel an den Tag, der einer modernen Demokratie unangemessen ist. Er handelt zudem unprofessionell, weil er verkennt, daß Politik ein Geschäft von Geben und Nehmen ist. Es soll nicht wenige Prominente aus Parlament und Parteien geben, die großen Wert darauf legten, bei „Wetten daß ..?“ wenigstens im Zuschauerraum so positioniert zu werden, daß sie von Kameras nicht zu übersehen wären. Nun, wo sie alle die Gelegenheit haben, Gottschalk ein kleines Dankeschön dafür zukommen zu lassen, daß er sie ausnahmsweise einmal in einen erfreulichen Zusammenhang stellte, schweigen viele oder stellen sich gar quer. Wo der Deutsche Bundestag seine Würde zu wahren meint, verspielt er in Wirklichkeit den letzten Rest an Sympathie in der Öffentlichkeit. Thomas Gottschalk würde, wie er beteuert, weder eine Verkleidung anziehen noch Heino mitbringen. Er würde vermutlich aber eine Rede halten, die die Meßlatte für den weiteren parlamentarischen Alltag sehr hoch legt. Vielleicht wären seine Einschaltquoten nicht ganz so triumphal wie sonst. Höher als bei den sonstigen Ereignissen in diesem Saal wären sie allemal.

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