Die italienische Politik bleibt volatil. Befürchtungen, dass das Mitte-Rechts-Bündnis nach Jahren der Umstürze und technischen Regierungen Ruhe und Berechenbarkeit in den parlamentarischen Alltag bringt, waren unbegründet – glaubt man den Umfragen vom vergangenen Wochenende. Der Wirbelsturm, der die Meinungsforscher umtreibt, heißt Roberto Vannacci. Der ehemalige Divisionsgeneral erreicht mittlerweile fünf bis sechs Prozent der Stimmen – in einigen Erhebungen überholt er bereits die Lega von Matteo Salvini.
Für Salvini ist Vannacci eine Art Nemesis. Eigentlich hatte der Lega-Chef ihn als Verstärkung für die schwächelnde Partei gewinnen wollen. Als unabhängiger Kandidat fuhr Vannacci auf dem Lega-Ticket als Spitzenkandidat ins EU-Parlament. Später trat Vannacci auch offiziell der Lega dabei, stieg bis zum stellvertretenden Sekretär der Partei auf. Aber das Agreement platzte im Februar 2026. Da verkündete der General, dass er nun lieber seine eigene Partei anführen wolle: Futuro Nazionale – Nationale Zukunft. Eine heftige Klatsche für Capitano Salvini.
Gesamtes Mitte-Rechts-Lager ist betroffen
Nicht nur den Posten in Straßburg und einige Lega-Weggefährten hat Vannacci mitgenommen. In vielen Belangen gilt das auch für das Salvini-Programm. In der Regierungsverantwortung ist Straßenpopulismus out. Vannacci hat dagegen den Vorteil, völlig frei zu agieren. Bei Migration und EU-Politik kann er lauter poltern als der angeschlagene Lega-Chef im Infrastrukturministerium. Indem Vannacci nunmehr auch offen von „Remigration“ und „Reconquista“ spricht, verschärft er den Diskurs. Insbesondere kritisiert er das Engagement in der Ukraine. Der Krieg sei kontraproduktiv für Italien, die italienischen Waffenlieferungen müssten eingestellt und mit Russland verhandelt werden.
Es ist demnach nicht so sehr die Partei von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die Fratelli d’Italia, die unter dem abrupten Aufstieg des Generals leidet. Für das gesamte Mitte-Rechts-Lager verschiebt Vannaccis Partei die Prozente jedoch entscheidend. Das dürfte auch im Palazzo Chigi für Sorgenfalten sorgen. Noch vor einigen Monaten schien die Parlamentswahl 2027 ein Spaziergang für das Meloni-Kabinett. Jetzt umwirbt Vannacci auch den ehemaligen römischen Bürgermeister Gianni Alemanno, der einst ein Parteifreund von Meloni war, als beide noch der Alleanza Nazionale angehörten – der Vorgängerpartei der Fratelli.
Wer profitiert vom „Vannacci-Faktor“?
Die Schwäche der Lega sorgt dafür, dass das linke Lager die Regierungskoalition in den Umfragen überholt hat. Ipsos sieht Fratelli d’Italia (27,6 Prozent), Forza Italia (8,2 Prozent), Lega (5,7 Prozent) und die Kleinpartei Noi Moderati (0,8 Prozent) nur noch zusammen bei 42,3 Prozent. Die Linken, bestehend aus Partito Democratico (20,1 Prozent), Movimento 5 stelle (14,5 Prozent), Alleanza Verdi e Sinistra (6,8 Prozent) kommen auf 41,4 Prozent. Problematisch bleibt aber die Lage der Linksliberalen, die in der Vergangenheit eher zum „progressiven“ Lager tendierten, namentlich Italia Viva (zwei Prozent) und Azione (3,1 Prozent). Damit gibt es eine Mehrheit jenseits des bestehenden Mitte-Rechts-Bündnisses.
Frappierend bei diesen Zahlenspielen: Die Fratelli haben ihr Ergebnis seit der Wahl verbessert, die Sozialisten und ihre Verbündeten nur marginal dazugewonnen; einzige Gewinner sind Verdi e Sinistra, die wörtlich übersetzt als „Grüne und Linke“ exakt das Programm widerspiegeln, das von den gleichnamigen Parteien in Deutschland vertreten wird. Im Vergleich zur EU-Wahl 2024 haben die Parteien links der Mitte sogar verloren. Profitiert die Linke also am Ende vom rechten „Vannacci-Faktor“?
Schlagabtausch mit Trump verleiht Meloni Rückenwind
Man sollte weder Meloni noch Vannacci abschreiben. Der Schlagabtausch mit Donald Trump hat der Ministerpräsidentin einen überraschenden Rückenwind verliehen – obwohl es über anderthalb Jahre eine Allianz mit dem US-Präsidenten gab. Von links wie rechts gab es Zuspruch – auch von Vannacci. Das Gefühl, von außen bevormundet zu werden – ob nun Brüssel, Berlin oder Washington – hat jeher dazu geführt, dass sich auch die Wähler hinter der Regierung zusammenschließen. Meloni steht für Stabilität, Kontinuität und Selbstvertrauen in einem Land, das seit 2011 unentwegt Krisen und Demütigungen erlebt hat.
Zugleich gilt die italienische Volatilität auch für Aufsteiger. Von den mehr als 30 Prozent, die Salvini einst auf dem Zenit in Umfragen errang, realisierte sich bei der Parlamentswahl wenig. Vannacci braucht den Erfolg nicht im Sommer 2026, sondern im Herbst 2027. Dafür hat Vannacci Netzwerke gebildet, wichtige Überläufer gewonnen, seine Partei ist in den wichtigsten Parlamenten vertreten. Gewinnen kann er, wenn Meloni im Wahlkampf weiter Richtung Mitte rücken muss, um der Linken dort Wählerstimmen wegzuschnappen.
Vannacci muss sich weiter als strikt unabhängig zeigen
Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Solange der Partito Democratico mit Elly Schlein auf eine Linksradikale setzt, muss Meloni sich nicht bewegen. Damit könnte sich das Spektrum auch für Vannacci auf maximal sechs bis acht Prozent beschränken, wenn er die rechten Kleinparteien abfischt. Es gibt weiterhin eine „rechte Szene“, deren Vertreter an der Dreiprozenthürde scheitern. Ähnliches gilt auch für die linken Parteien: Welche Allianzen und Bündnisse dort noch gebildet werden, um die Kleinparteien ins Parlament zu hieven, ist weiterhin offen.
Die wichtigste Frage bleibt allerdings das Verhältnis zu Meloni. Futuro Nazionale hat bei Misstrauensanträgen einmal für und einmal gegen sie gestimmt. Zugleich betont Vannacci wiederholt, dass die derzeitige Regierung nicht „rechts“ genug sei, er aber jederzeit einen Anruf von Meloni annehme. Vannacci spielt Opposition, flirtet aber bereits mit der Regierungsbeteiligung. Auch dazu gibt es eine Umfrage: Denn Vannaccis Popularität hängt stark davon ab, ob er im Wahlkampf unabhängig bleibt. Hier liegt die eigentliche Crux. Sollten die Parteien nach jetzigem Stand tatsächlich ins Parlament einziehen und Vannacci Melonis Koalition danach beitreten, summierte sich das gesamte rechte Lager auf 47,1 Prozent. Damit läge es wieder vor den Linken – angereichert um die Stimmen der bisher nicht repräsentierten Rechtsparteien.






