Nach dem 2:1-Siegtreffer gegen die Elfenbeinküste lagen meine Freunde und ich uns alle in Armen. Und schon kurz danach hatte ich die Schlagzeile für die heutige Kolumne im Kopf: „Warum wir gegen Ecuador nicht gewinnen dürfen.“ Ja, ich hatte mir echt Sorgen gemacht. Denn ich dachte doch glatt, dass die Südamerikaner Curacao schlagen und Deutschland besser nicht Gruppenerster wird.
Beim Gruppensieg wartet im Achtelfinale nämlich ziemlich sicher Frankreich – vorausgesetzt, das Land, einer der Top-Favoriten auf den WM-Titel, gewinnt ebenfalls seine Vorrundengruppe und danach das Sechzehntelfinale. Dann könnte diese Weltmeisterschaft für uns schnell vorbei sein, und auf diese Kolumne hätte wohl auch kein Leser mehr Lust.
Es kam anders, und da sehen Sie mal, warum ich als angeblicher JF-Fußball-Experte auch beim redaktionsinternen Tippspiel immer auf dem Abstiegsrang lande. Durch das 0:0 von Ecuador ist Deutschland Platz eins nicht mehr zu nehmen. Ich wurde also Opfer der alten, abgewandelten Journalistenweisheit: Nichts ist so alt wie die Überschrift von gestern. Jetzt stelle ich mir aber die Frage, ob die Franzmänner unbedingt Lust darauf haben, so früh im Turnier in einem K.o.-Spiel gegen Deutschland anzutreten. Ich meine, wir haben jetzt elfmal hintereinander gewonnen und sind bestimmt auch nicht der Wunschgegner von Mbappé und Co.

Der amtierende Vizeweltmeister könnte versuchen, den vergifteten Sieg in seiner Gruppe I zu umgehen. Dafür dürfen sie zwar heute Abend den Irak schlagen, müssten dann aber im letzten Gruppenspiel gegen Norwegen verlieren, falls die Skandinavier morgen früh gegen den Senegal gewinnen. Sie sehen, alles noch sehr viel Konjunktiv.
0:10 gegen Ecuador?
Gegen Ecuador geht es am Donnerstag für unsere Jungs also um überhaupt nichts mehr. Selbst ein 0:10 könnte uns nicht mehr von Platz eins verdrängen, denn es zählt bei Punktgleichheit der direkte Vergleich, nicht das Torverhältnis. Das ist übrigens auch der Grund, warum das Ausscheiden der Türken schon nach zwei Spielen feststand. Damit habe ich jetzt auch eine Frage beantwortet, die einige Foristen zuletzt stellten und kann nun endlich auf das deutsche Team zu sprechen kommen.

Alle hacken auf Leroy Sané herum, und das zum Teil auch zurecht. Unsere Rechtsaußen-Position blieb wie schon gegen Curacao auch gegen die Elfenbeinküste ein Schwachpunkt. Es ist wirklich ein Jammer, dass sich Lennart Karl beim Training so schwer verletzt hat, dass der 18-Jährige für die WM ausfällt. Jetzt bleibt eigentlich nur Sané. Also überlasse ich das Thema den Meckerköppen im ÖRR.
Beim Bashing des Wahl-Istanbulers, das sich inzwischen zum Volkssport der Journalisten entwickelt hat, gehen zwei andere Enttäuschungen unter. Was haben wir uns nicht alle für Großtaten von unseren Jungstars Jamal Musiala und Florian Wirtz erhofft. Bisher bleiben die beiden 23-Jährigen allerdings komplett blass.
Nmecha statt Musiala und Wirtz
Gut, der Münchner hat gegen Curacao getroffen und der Liverpooler in der Auftaktpartie eine Vorlage beigesteuert. Aber bei 18 Scorerpunkten – neun Tore, neun Vorlagen -, die die deutschen Spieler bisher insgesamt gesammelt haben, ist diese Ausbeute – gemessen an den Erwartungen und dem Talent der beiden – doch ziemlich mager.
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Dafür sticht im Mittelfeld ein Mann heraus, den ich in dieser herausragenden Bedeutung für das Team vorher nicht so auf dem Schirm hatte: Felix Nmecha. Wie der am Sonnabend Deniz Undavs Siegtreffer mit einem in Schärfe und Timing perfekten Pass vorbereitet hat, war erneut weltklasse. Das ist neben dem Teamgeist, der sich auch beim kollektiven Jubel über das 2:1 zeigte, das Großartige an dieser Mannschaft: Wenn ein Spieler abfällt, ragt ein anderer heraus.
Und damit sind wir bei Undav. Der Mann ist echt ein Phänomen. Wissen Sie, wie viele Minuten der Stuttgarter bei diesem Turnier bisher auf dem Platz stand? 56! Davon 30 gegen die Elfenbeinküste und 26 gegen Curacao. Aber das reichte ihm, um die Scorerliste unter den Spielern aller 48 Mannschaften anzuführen. Drei Treffer und zwei Vorlagen bedeuten alle elf Minuten eine Torbeteiligung. Das ist wirklich irre. Damit hätte ich vor der WM auch niemals gerechnet.

Undavs acht Torbeteiligungen in einem Spiel
Sollte er also lieber immer von Beginn an spielen? Alle elf Minuten ein Scorerpunkt würden über 90 Minuten acht Tore bzw. Vorlagen in einem Spiel bedeuten. Hier kommt mein, von einem Leser sogenannter, „Statistik-Fetisch“ nun wirklich an seine Grenzen. Es gibt daher gute Gründe, dass er in der Jokerrolle bleibt. Er ist nach seiner Einwechslung frisch, kann die inzwischen müden Gegenspieler mit seinem Torinstinkt besser narren und ist imstande, so gut wie kaum ein anderer Einwechselspieler sofort eine Bindung zum Spiel zu finden.

Aber vielleicht gibt ihm Julian Nagelsmann ja gegen Ecuador einen Platz in der Startelf. Denn da geht es wie gesagt nur um die blecherne Ananas, und der Bundestrainer kann herumexperimentieren. Er könnte Nmecha schonen und auch dem bisher auf der rechten Außenverteidigerposition enttäuschenden Joshua Kimmich eine Pause gönnen. Der Kapitän hat seit dem Ende der Saison 2024/25 schon 62 Spiele in den Knochen. Vielleicht tut ihm ein bisschen Regeneration jetzt gut.
Zum Schluss will ich bei Ihnen noch ein bisschen an meinem Ruf als Statistik-Verrückter arbeiten. Und das führt mich zu der Frage: Was machen wir nun mit dem Spiel gegen Ecuador? Wenn wir gewinnen, wäre es der zwölfte Sieg in Folge. So etwas hat es in der Geschichte der Nationalmannschaft bisher nur einmal gegeben: von 1979 bis 1980 unter Bundestrainer Jupp Derwall. Mitten in dieser Serie lag der Europameisterschafts-Triumph in Italien. Könnte also ein gutes Omen sein.

Ganz gut, wenn wir am Donnerstag nicht siegen
Aber um auch Weltmeister zu werden, müssten wir nach Ecuador fünf weitere Spiele gewinnen. Heißt: 17 Siege in Folge. Das wäre schon unheimlich. Vielleicht ist es ganz gut, wenn wir am Donnerstag nicht siegen. Denn bei allen vier Turnieren, bei denen wir am Ende den Pokal holten, war vor den K.o.-Spielen immer eine Partie dabei, die wir nicht gewannen. 1954 das 3:8 gegen Ungarn, 1974 das 0:1 gegen die DDR, 1990 das 1:1 gegen Kolumbien und 2014 das 2:2 gegen Ghana.
Also hätte ich ruhigen Gewissens doch bei der Schlagzeile bleiben können, die mir nach unserem euphorischen Jubel mit meinen alten Freunden Tube und Steffen und meiner liebsten Annett in den Kopf kam: „Warum wir gegen Ecuador nicht gewinnen dürfen.“
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Folge 5: Spitzenreiter, hey! Die Mammut-Tabelle nach dem ersten Spieltag
Folge 4: Warum Argentinien nicht Weltmeister wird, sondern nur wir
Folge 3: Wie in schlechten alten Zeiten: Der Bundes-Jogi macht die Merkel
Folge 2: Nmecha, Tah, Brown – unsere großartigen deutschen Nationalspieler





