Wie die siechende protestantische, sucht die ebenfalls vom Mitgliederschwund gebeutelte katholische Kirche in Deutschland ihr Heil im Kampf gegen Rechts. So startete Gerhard Feige, der seit Jahrzehnten einen strammen Linkskurs fahrende Oberhirte des Bistums Magdeburg (JF berichtete) unlängst die Kampagne „Bewusst wählen“. Diese ist faktisch ein Aufruf, zu der in Sachsen-Anhalt anstehenden Landtagswahl für jede Partei außer für die AfD zu stimmen. Begründet wird diese einseitige Parteinahme einer Kirchensteuerkirche damit, dass die AfD die von „antireligiösen Vorurteilen“ geprägte Partei der Unvernunft sei, die nur wählen könne, wer sich von seinen Bauchgefühlen, von Angst und Wut leiten lasse.
Bei weitem nicht so plump steigt Gregor Freiherr von Fürstenberg, promovierter Soziologe, Vizepräsident des Internationalen Katholischen Missionswerkes „Missio“ und Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, in den gegen Rechts geführten Kulturkampf seiner Kirche ein (Herder-Korrespondenz, 5/2026). Angesichts der jüngsten AfD-Wahlerfolge im Bund und in den Ländern sowie mit Blick auf den aktuellen demoskopischen Höhenflug der Partei sieht Fürstenberg die Saat eines langfristigen, durchaus rationalen politischen Konzepts aufgehen, das allerdings von Linksaußen stammt, von Antonio Gramsci (1891–1937), dem Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens.
Der hatte erkannt, dass Lenins gewaltsame Oktoberrevolution und die anschließend etablierte bolschewistische Diktatur für die kommunistischen Parteien West- und Mitteleuropas keine brauchbare Strategie zur Eroberung der Macht war. Das bestätigten ihm das Scheitern kurzlebiger „Räterepubliken“ in Ungarn, Bayern (Lesen Sie hier ein JF-Geschichtsstück) und Lettland sowie die Desaster des Spartakusaufstandes (1919), des roten Ruhraufstands (1920) und des Hamburger Putschversuchs der Thälmann-KPD (1923).
„Ist erst das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus“
Um bürgerlich-kapitalistische Gesellschaften aus dem Sattel zu heben, genügte für Gramsci kein bewaffneter Aufstand, kein Coup nach dem bolschewistischen Vorbild des Sturms auf das Winterpalais. Dazu sei vielmehr ein langer Atem nötig. Wohl eine Generation, dreißig bis vierzig Jahre werde es dauern, bis die fest im Alltagsbewusstsein der Massen, nicht nur der bürgerlichen Schichten, verinnerlichten Weltbilder, Überzeugungen und Werte durch alternative Orientierungen und Sinngebungen ersetzt werden.

Diese neue Ordnung könne nur entstehen, wenn das gesamte Netzwerk der dominanten öffentlichen Kultur und Meinung, der Inbegriff dessen, was „man“ denken und tun soll, sukzessive durch den Aufbau einer kulturellen Gegenhegemonie zerrissen werde, bis ein neuer, für Gramsci selbstredend kommunistischer „Hegemonieapparat“ an dessen Stelle trete. Der preußische Staatsphilosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat dieses Konzept kürzer und prägnanter so formuliert: „Ist erst das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus“ (Brief an Friedrich Immanuel Niethammer, Oktober 1808).
Der wie Hegel lange als „toter Hund“ (Karl Marx) gehandelte Gramsci kam bei deutschen Linken erst in den 1970ern zu Ansehen, als die revolutionären Blütenträume der Studentenrebellion verwelkt und erneut Geduld und das Prinzip Hoffnung gefordert waren, um den nächsten Anlauf zum Systemsturz abzuwarten. Fast gleichzeitig, wie Fürstenberg bedauert, bemächtigten sich indes „rechtsintellektuelle Kreise“ des metapolitischen Konzepts Gramscis. So proklamierte der französische Philosoph Alain de Benoist 1985 eine „Kulturrevolution von rechts“ unter dem Diktum: „Um die politische Mehrheit auf Dauer zu erringen, muss man zunächst die ideologische Mehrheit erringen.“
Bereiteten Zeitschriften die AfD vor?
In den folgenden Jahrzehnten entfaltete sich in Zeitschriften, Verlagen und Zirkeln der Neuen Rechten „ein regelrechter Ideentransfer von links“. Gramscis zur Redewendung verkürzten Traum von der „kulturellen Hegemonie“ griffen „rechtsextreme Rechte“ begeistert auf. Indem sie, wie der ungeniert rechts und rechtsextrem gleichsetzende, keinerlei Differenzierung zwischen Konservativen und Rechten zulassende Fürstenberg behauptet, über Jahrzehnte an Büchern, Zeitschriften und Denkfabriken arbeiteten, schufen sie ein neues geistiges Klima, das rechtes Gedankengut salonfähig machte. „Kleine Verlage und Magazine – von der JUNGEN FREIHEIT (gegründet 1986) bis zur Zeitschrift Sezession (seit 2003) – boten Raum, um eine ‘Gegenöffentlichkeit’ aufzubauen und nationalistische Ideen intellektuell aufzupolieren“.
Bereits lange vor der Gründung der AfD habe dieses Milieu ihren Aufstieg mit vorbereitet. Und als Generationsprojekt habe es nach vierzig Jahren, also ziemlich exakt in dem für Gramsci dafür erforderlichen Zeitraum, „das Reich der Vorstellungen revolutioniert“ und zumindest partiell die kulturelle Hegemonie erobert.
Wenn die Kirche die linksliberale Hegemonie verteidigt
Tatsächlich geben führende AfD-Politiker wie Björn Höcke, „der Chef des völkisch-nationalen Flügels“ in Thüringen, freimütig zu, von dem linken Theoretiker Gramsci „entscheidend beeinflusst“ worden zu sein. „Ausgerechnet“ der von einem kommunistischen Theoretiker inspirierte Höcke propagiere einen „‚strategischen Kulturkampf‘ als Vorbereitung der Machtübernahme“. Darum wirke die Neue Rechte darauf hin, Gramscis Ideen organisatorisch in die Praxis umzusetzen und die AfD und ihr „Vorfeld“ (Thinktanks, Bürgerinitiativen, Verlage, Zeitungen, rechtsgerichtete soziale Medien) noch enger zu verzahnen, Begriffe wie Heimat, Patriotismus, Meinungsfreiheit neu zu besetzen um eine breite „rechte Gegenkultur“ zu schaffen.
Das Ergebnis dieser offensiven Anstrengungen hält Freiherr von Fürstenberg für „zutiefst problematisch“, weil „rechtspopulistische Positionen heute weit tiefer in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen sind, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war“. Die deutliche Positionierung der katholischen Kirche sei deshalb „ein wichtiger Beitrag im Kampf um die Hegemonie in der Zivilgesellschaft“. Gemeint ist die auch von der katholischen Kirche zu verteidigende linksliberale Hegemonie.






