War das nicht einer schöner WM-Auftakt? 7:1 – da kamen doch Erinnerungen hoch an das legendäre Brasilien-Spiel vor zwölf Jahren. Allerdings wirklich nur vom Ergebnis her. Die Gegner von 2014 und gestern haben so gar nichts miteinander gemein. Dafür hätten die Siege sowohl in Maracana 2014 als auch gestern in Houston gegen Curaçao jeweils noch höher ausfallen können.
Ja, es war das erste deutsche Spiel bei dieser Mammut-WM. Aber eigentlich hatte es mehr den Charakter einer Qualifikations- als den einer Vorrunde. Natürlich dürfen wir uns trotzdem alle freuen über die gelungene erste Partie. Und das haben wir, die wir uns gestern in der schwarz-rot-gold-geschmückten Wohnung meines Sohnes und seiner Freundin in Berlin-Wilmersdorf zum Fußballgucken getroffen haben, auch getan.
Ging schon feierlich los: Die jungen Leute haben alle die Hymne mitgesungen. Und wir hatten alle Deutschland-Trikots an: Mein Sohn und sein bester Freund jeweils das aktuelle schöne schwarz-rot-goldene, meine Freundin das von 2014 und ich das von 1954 mit einem Original-Autogramm von Horst Eckel, einem der Helden von Bern.
Krasse Außenseiter waren bei Weltmeisterschaften immer schon dabei. Aber dieses Jahr ist es echt extrem: Usbekistan, Jordanien, Katar – und eben Curaçao. Die Fans und Spieler unseres sympathischen Gegners haben sich nach dem Schlusspfiff fast genauso gefreut wie unsere Jungs und Fans. Und das dürfen sie auch. Sie leben den guten olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles“.
Die Türken sind vielleicht sauer
Dabei haben sich die Fußballzwerge mit der gestrigen Ausnahme bisher durchaus achtbar aus der Affäre gezogen – zumindest vom Ergebnis her. Ein völlig überfordertes Katar holte einen Punkt gegen die Schweiz – genau wie die hilflosen Kanadier gegen Bosnien. Oder dann waren da noch die Antifußballer aus Südafrika, die nur 0:2 gegen Gastgeber Mexiko verloren. Haiti unterlag lediglich 0:1 gegen Schottland.

Und Australien fegte sogar die favorisierten Türken vom Platz. Oh Mann, die Leute hier in Berlin waren vielleicht geladen. Statt hupenden Autokorsos am frühen Morgen flogen reihenweise die Fernseher aus den Fenstern. Und die türkischen Fahnen, die man in der Hauptstadt häufiger sieht als die deutschen, wurden schnell von den Fassaden entfernt.
Da haben wir es doch viel besser. Seit Donnerstag habe ich mir jetzt jeden Abend ein Spiel angeschaut. Und da war das gestern im Vergleich mit diesen Langweilern wirklich ein Highlight. Denn das Niveau war bisher so flach wie der Rasen in den schönen kanadischen, amerikanischen und mexikanischen Stadien; bei 48 Mannschaften auch kein Wunder.
Deutschland hat die bisher mit Abstand beste Leistung in diesem Turnier gezeigt. Von WM-Stimmung ist trotzdem irgendwie nicht viel zu spüren. Bei keinem der sieben Tore schoss gestern Abend irgendjemand eine Rakete in den Himmel. Wir haben in unserer Runde trotzdem schön gefeiert. Nehmen wir, wie es kommt. Feiern wir die Partys, wie sie fallen. Denn viele Anlässe haben wir ja in diesem Stillstand-Land sonst nicht.
Lasst uns genießen
Gut, es war nur Curaçao. Aber die teils wunderschönen Spielzüge auf engstem Raum haben gezeigt, wozu die Deutschen fähig sind. Das habe ich bisher von keiner anderen Mannschaft gesehen. Seien wir glücklich, und freuen wir uns auf die nächsten Spiele gegen die Elfenbeinküste und Ecuador. Das sind tatsächlich gestandene Gegner, kein Fallobst.
Heute früh trafen unsere Gruppengegner übrigens aufeinander, und die Afrikaner siegten 1:0. Es war das zweite starke Spiel. Könnte also schon am kommenden Sonnabend spannender werden, wenn wir gegen die Ivorer spielen – als gestern Abend.
Aber jetzt genießen wir erst einmal das 7:1. Das kommt nicht so häufig vor. Nach dem letzten Sieg in dieser Höhe wurden wir am Ende Weltmeister. Auf eine schöne WM!





