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Europäische Infrastruktur: Wie der Ukrainekrieg für die Renaissance einer Pipeline sorgt

Europäische Infrastruktur: Wie der Ukrainekrieg für die Renaissance einer Pipeline sorgt

Europäische Infrastruktur: Wie der Ukrainekrieg für die Renaissance einer Pipeline sorgt

Das Foto zeigt das Rohrleitungsnetz des Spezialpionierregiments 164 „Nordfriesland“. Ein transnationales Pipeline-System soll Europa im Ernstfall verteidigen können.
Das Foto zeigt das Rohrleitungsnetz des Spezialpionierregiments 164 „Nordfriesland“. Ein transnationales Pipeline-System soll Europa im Ernstfall verteidigen können.
Das Rohrleitungsnetz des Spezialpionierregiments 164 „Nordfriesland“: Transnationales Pipeline-Netzwerk soll Europa im Ernstfall unterstützen. Foto: JF
Europäische Infrastruktur
 

Wie der Ukrainekrieg für die Renaissance einer Pipeline sorgt

Eine Pipeline für den Kriegsfall: Das CEPS-Netz führt quer durch Europa und zeigt, wie sehr moderne Verteidigung von unsichtbarer Logistik abhängt. Gerade der Ukraine-Krieg sorgt für ein neues Gefahrenbewusstsein.
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Reicht das Kerosin noch? Diese bange Frage stellen sich derzeit vor allem diejenigen, die in den kommenden Sommerferien eine Flugreise gebucht haben. Die Bundesregierung beschwichtigt, es gebe „aktuell keine Knappheiten“, man befinde sich mit der Branche „intensiv im Austausch“, so ein Sprecher des Wirtschaftsministeriuns jüngst gegenüber der Presse. Doch angesichts der weiterhin nicht frei passierbaren Straße von Hormus und des von Russland blockierten Transits von Öl aus Kasachstan drohen nach Ansicht von Experten durchaus Engpässe.

Wie aber sieht im Hinblick darauf die Situation für die Streitkräfte aus, die im besonderen Maße auf Sprit in jeglicher Form angewiesen sind? „Wir haben erhebliche Tank- und Reservemöglichkeiten an den jeweiligen Stützpunkten und zentral, so dass die Versorgung der Streitkräfte für Übungsbetrieb, Grundbetrieb und Einsatzbetrieb sichergestellt ist“, erwiderte ein Sprecher von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) kürzlich auf eine entsprechende Frage. Ein Grund für die zur Schau gestellte Gelassenheit: die Versorgung der Bundeswehr über das Nato-Pipelinesystem, die den normalen Einkauf bei Vertragspartnern ergänzt.

Versorgungsnetz ist in Deutschland weitgehend unbekannt

Seit 1958 verfügt die Allianz über ein europaweites Treibstoffnetz. Galt das unterirdisch verlegte Pipeline-System nach dem Fall des Eisernen Vorhangs lange Zeit als Relikt des Kalten Krieges, feiert es seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine eine strategische Renaissance. Es soll zudem bis 2035 zur autarken Treibstoffversorgung alliierter Luft- und Landstreitkräfte schrittweise in Richtung Nato-Ostflanke erweitert werden.


In 80 bis 120 Zentimetern Tiefe befindet sich ein weitreichendes Rohrleitungssystem, durch das das wertvolle schwarze Gold fließt. Mit einer Gesamtlänge von rund 5.300 Kilometern ist die mal mit rot-weißen, mal mit orange-weißen Pfählen oberirdisch gekennzeichnete Nato-Pipeline ein Meisterwerk der Militärlogistik. Das „Central Europe Pipeline System“ (CEPS), so die exakte Bezeichnung, verknüpft 29 Nato-Depots und sechs nicht-militärische Lagerstätten mit einer Gesamtspeicherkapazität von 1,2 Millionen Kubikmetern an fossilen Treibstoffen.

Dass die transatlantische Verteidigungsallianz über ein europaweites Versorgungsnetz für Kerosin, Benzin, Dieselkraftstoff und Rohbenzin verfügt, ist in Deutschland nahezu unbekannt. Die mit Hochdruck-Aggregaten ausgestattete Pipeline kann Treibstoffe in unterschiedlichen Verarbeitungs- und Gebrauchsformen von französischen Atlantikhäfen sowie belgischen und niederländischen Nordsee-Stützpunkten zu militärischen Operationsschwerpunkten pumpen.

Nach dem Kalten Krieg wurde das Kernnetz reduziert

Generell in West-Ost-Ausrichtung betrieben, zweigt das CEPS über Schleswig-Holstein nach Norden ab, um Dänemark anzubinden und endet aktuell im niedersächsischen Bramsche und im bayerischen Ingolstadt. Die beiden finalen Knotenpunkte, entlang des ehemals westdeutschen Grenzverlaufs  gelegen, gehen auf die Block-Konfrontation zurück. Die Nato-Pipeline ist ein unmittelbares Produkt des Kalten Kriegs. Als Teil der Nato-Reaktion auf die potentielle Bedrohung durch den kommunistischen Machtblock jenseits der Elbe, sollte das zwischen 1958 und den frühen sechziger Jahren im Rahmen des General Defence Plans (GDP) entstehende Kernnetz der Treibstoffversorgung zur Vorneverteidigung an der innerdeutschen Grenze dienen.

Die Umsetzung folgte der militärischen Devise, Treibstoff durch „logistische Redundanz“ sicher und unabhängig von Straße und Schiene transportieren zu können, da diese als durch feindliche Angriffe als leichter verwundbar eingestuft wurden. Mit der Auflösung des Warschauer Paktes, der deutschen Einheit und dem Wegfall des GDP erschien das Pipelinesystem zusehends als Relikt des Kalten Krieges. Als Friedensdividende wurde es drastisch auf ein Kernnetz reduziert.

Die Pipeline als Rückgrat im Kriegsfall mit Russland

Nachdem Russland im Februar 2022 die gesamte Ukraine angegegriffen hatte, erfolgte ein massives Umdenken in der Nato. Nun stellt das CEPS in den Augen der alliierten Spitzenmilitärs erneut eine Infrastruktur von strategischer Bedeutung dar. Denn sollte es im Baltikum zu einem Angriff auf das Bündnis kommen, wäre die Pipeline das Rückgrat, um Truppenaufmärsche über die Drehscheibe Deutschland sicherstellen zu können.

In ein mehrstufiges Sicherheitskonzept zum Schutz vor Terror- und Sabotageakten eingebettet, sollen die Trassen für rund 21 Milliarden Euro  über den Osten der Bundesrepublik bis nach Polen und in die Tschechische Republik vorangetrieben werden, um die Spritversorgung der Land- und Luftstreitkräfte an der Ostflanke des Bündnisses sicherzustellen. Bei einer geplanten Gesamtbauzeit von 25 Jahren sollen strategisch bevorzugte Teilstrecken bereits bis 2035 für die militärische Nutzung bereitstehen.

Aus der JF-Ausgabe 22/26.

Das Rohrleitungsnetz des Spezialpionierregiments 164 „Nordfriesland“: Transnationales Pipeline-Netzwerk soll Europa im Ernstfall unterstützen. Foto: JF
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