MÜNCHEN. Jedes zwölfte Unternehmen in Deutschland hat laut einer Befragung Angst um seine Existenz. „Die Insolvenzzahlen dürften vor dem Hintergrund der geopolitischen Unsicherheit in den kommenden Monaten auf einem hohen Niveau bleiben“, sagte der Leiter der Umfragen des Ifo-Instituts, Klaus Wohlrabe, am Montag. „Die Krise überträgt sich entlang der Lieferketten. Wenn Kunden wegbrechen oder Aufträge stornieren, trifft das die Zulieferer und Dienstleister mit voller Wucht.“
Insgesamt berichteten laut Ifo-Institut 8,1 Prozent der Betriebe im April davon, dass sie ihr Fortbestehen gefährdet sehen. Am größten ist die Angst mit 17,4 Prozent im Einzelhandel. Am zweitstärksten betroffen ist mit 7,6 Prozent die Dienstleistungsbranche. Darunter fallen auch Beherbergungs- sowie Gastronomiebetriebe, bei denen fast 20 Prozent ihre Existenz gefährdet sehen. Im Großhandel sowie in der Industrie geben 7,5 Prozent und im Baugewerbe 7,3 Prozent an, um ihr Unternehmen zu bangen.

Besonders drei Probleme sollen für eine branchenübergreifend bedrohliche Lage sorgen: „fehlende Aufträge und schwache Nachfrage, steigende Betriebs- und Energiekosten sowie eine zunehmend belastende Bürokratie“, nannten die Meinungsforscher. Dazu kämen beim Einzelhandel die Kaufhemmungen der Verbraucher, bei der Industrie die hohen Energie- und Rohstoffkosten sowie der internationale Wettbewerbsnachteil gegenüber asiatischen Anbietern und beim Baugewerbe die langen Genehmigungsverfahren und die Zurückhaltung der Banken bei der Baufinanzierung.
Tausende Arbeiter verlieren ihre Stellen
Allein in der vergangenen Woche meldeten zahlreiche Unternehmen insolvenz an oder wollen aufgrund der Wirtschaftskrise Stellen abbauen.
Der Chemiekonzern „Wacker“ etwa möchte über ein Freiwilligenprogramm 1.600 von 10.600 Stellen (15,09 Prozent) in Deutschland abbauen. Der Standort in der bayerischen 20.000-Einwohner-Stadt Burghausen sei mit 1.300 abzubauenden Stellen von der Entscheidung am stärksten betroffen. Gründe für den Kahlschlag nannte das Unternehmen in seiner Bekanntmachung vom Freitag nicht.

Zudem will „Festo“ mit 1.300 von 8.200 Stellen (15,85 Prozent) in Deutschland rund jeden sechsten Arbeitsplatz streichen. Das Unternehmen produziert Steuerungs- und Automatisierungstechnik. Die Entscheidung sei aufgrund von tiefgreifenden Veränderungen in den Märkten, zunehmendem Wettbewerb aus Asien sowie geopolitischen Krisen getroffen worden, sagte „Festo“-Chef Thomas Böck in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung am Freitag.
Porsche schließt drei Tochterunternehmen
Das irische Elektrotechnik-Unternehmen „TE Connectivity“ kündigte an, die Produktion in der rheinland-pfälzischen 50.000-Einwohner-Stadt Speyer bis Ende 2028 schrittweise zu beenden. Damit sollen 630 von rund 7.100 Stellen (8,87 Prozent) in Deutschland wegfallen, sagten Mitarbeiter der Stadt Speyer am Donnerstag. Der Stellenabbau soll eine Reaktion auf einen anhaltenden Kosten- und Wettbewerbsdruck sowie eine schwache Nachfrage in Westeuropa sein.
Außerdem möchte Porsche die drei Tochterfirmen „Cellforce“, „eBike Performance“ und „Cetitec“ schließen. Über 500 Stellen sind von der Entscheidung betroffen. Hintergrund seien veränderte Marktbedingungen und eine stärkere Fokussierung auf das Kerngeschäft. „Das zwingt uns zu schmerzhaften Einschnitten – auch bei unseren Tochtergesellschaften“, begründete Porsche-Chef Michael Leiters am Freitag.
Pleitewelle erreicht die Autoindustrie
Der Autozulieferer „Bayrak Technik“ meldete vergangenen Montag Insolvenz an. Das Unternehmen beschäftigt über 400 Arbeitnehmer im niedersächsischen Rehburg-Loccum und im hessischen Gedern. Grund für die Pleite sollen unter anderem steigende Energie- und Materialkosten sein, erklärte der Insolvenzverwalter Manuel Sack gegenüber BILD.
Der brandenburgische Autohändler „Autolöwen“ gab am Dienstag bekannt, in Insolvenz zu gehen. Mehr als 170 Mitarbeiter in unter anderem Schwäbisch Hall, Heilbronn, Crailsheim, Aalen, Öhringen und Ludwigsburg sind betroffen. „Das Unternehmen erlebte – wie andere Autohäuser auch – in den vergangenen Monaten eine starke Kaufzurückhaltung sowohl bei Firmen- als auch bei Privatkunden“, begründete der Insolvenzverwalter Markus Schuster.
Diese Anküdnigungen passen auch zu den jüngst bekanntgewordenen Insolvenzzahlen. Sie erreichten im April den höchsten Stand seit 2005. Rund 1.780 Unternehmen gingen laut dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle bankrott, zehn Prozent mehr als im April 2025 und drei Prozent mehr als im März 2026. „Im Vergleich zu einem durchschnittlichen April der Jahre 2016 bis 2019 – also vor der Corona-Pandemie – liegt die aktuelle Zahl um 82 Prozent höher“, berichteten die Forscher am Dienstag. (mas)






