Wenn es so etwas wie eine unterbewusste Massenerinnerung in der Millennial-Generation gibt, dann gehört dieses Logo in seine Symbolwelt: ein langes Rechteck, schwarz-weiße Kacheln, darin der Schriftzug: „Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage“. Im Jahr 2025 gehörten diesem Schulnetzwerk fast 5.000 Schulen an, also nur etwa 15 Prozent der fast 33.000 Schulen in Deutschland, aber meiner Erinnerung nach habe ich in meinem Leben eigentlich kaum ein Schulgebäude betreten, meine eigene Schule inbegriffen, in dem dieses Symbol nicht in der Aula prangte.
In Deutschland existiert das Netzwerk seit 1995, es will nach eigener Aussage gegen „jede Form von Diskriminierung“ vorgehen, weil es störe, „wenn Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft oder aufgrund ihrer Religion beschimpft, gemobbt oder gar körperlich bedroht werden“. Zu diesem Zweck organisiert die Organisation unter anderem Schreibwettbewerbe, Workshops und Demonstrationen.
Auch einen Online-Shop gibt es. Dort lassen sich Bücher, Flyer, Poster und Postkarten bestellen, die PDF-Versionen gibt es teils auch gratis zum Download. Die Postermotive sind teilweise in einem grauenvollen „Corporate Memphis“-Grafikstil gestaltet und präsentieren auch sonst den üblichen progressiven Kitsch: Menschen, die sich auf einem Globus umarmen, Grenzen durchbrechen oder gemeinsam an einem Tisch sitzen. Immer wieder gibt es Anspielungen auf die AfD, etwa beim Plakatdesign „Geschichte erinnern“, das ein rotes Recycling-Logo auf einen himmelblauen Hintergrund platziert.
Der Große Austausch schafft Frieden und Verständigung
Bei manchen Plakaten ist aber besonders unklar, inwiefern sie nun eigentlich hilfreich sein sollen, gegen „jede Form der Diskriminierung“ vorzugehen. Seit mindestens 2021 verkauft „Schule ohne Rassismus. Schule mit Courage“ etwa ein gelbes Plakat (es ist auch als Postkarte erhältlich), auf dem in schwarzer Schrift auf gelbem Grund schlicht „Großer Austausch“ geschrieben steht, darüber ein großes Friedenszeichen.
Die Gestaltung ist offensichtlich an das „Corporate Design“ der Identitären Bewegung angelehnt, ebenso der Slogan. Im Zusammenhang mit dem Friedenszeichen mag die Botschaft lauten: Der Große Austausch – den es gar nicht gibt – schafft Frieden und Verständigung. Ähnlich wie eine Abgeordnete der spanischen linken Partei Podemos, Irene Montero, im Februar während einer Kundgebung ihren jubelnden Parteigenossen zurief: „Natürlich wünsche ich mir einen Bevölkerungsaustausch!“ Migranten und People of Color sollten sie nicht „mit den Faschisten alleine lassen“ (JF berichtete).

Oder will uns hier die Jugend eine Botschaft senden? „Unsere Plakate“, verkündet das Projekt, „sind das Ergebnis einer engen Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen“. Die Plakatmotive seien eine visuelle Umsetzung ihrer gemeinsamen „Diskussionen über Flucht, Asyl, Rassismus, Rechtsextremismus, Sexismus, Vielfalt und gesellschaftliches Engagement“. Ein wenig fragt man sich da schon, wie diese Diskussionen wohl verlaufen sein müssen, damit es die Entscheider für eine fruchtbare Idee hielten, die angebliche Verschwörungstheorie eines Bevölkerungsaustauschs einfach offen zu bejahen und zu propagieren.
Kinder wollen eine Revolution
Es gibt noch ein paar andere Merkwürdigkeiten bei diesem Netzwerk. Keine grellen Signale von Radikalität, aber doch bemerkenswerte kleine Details. Von 2005 bis 2024 veröffentlichte die Organisation das Schülermagazin q-rage, in dem Schüler selbst zu Wort kommen sollten. So professionell die Gestaltung wirkt, so vorhersehbar ist der Inhalt. „Was für eine Welt wollen wir?“ war das Thema der letzten jemals erschienenen Ausgabe, und so vorgestanzt wie viele Aussagen der befragten Kinder dazu klangen, desto deutlicher lassen einzelne Statements aufhorchen.
Etwa die Aussage einer 14jährigen Schülerin, die, anders als die meisten anderen Teilnehmer, sogar extra mit einem Foto abgebildet wird – und die sich eine Revolution wünscht. Auf die Frage „Wie stellst du dir das Leben im Jahr 2050 vor?“ antwortet sie nämlich: „Ich stelle mir vor, dass entweder die Menschheit gar nicht mehr existiert oder alles wieder in Ordnung ist und eine Revolution passiert ist.“ Wer entmachtet werden soll, kann man an dieser Stelle nur raten.





