Das Buch des Wiener Südosteuropahistorikers Oliver Jens Schmitt verdankt den Anstoß zu seiner Entstehung der „militärischen Spezialoperation“, das heißt dem russischen Überfall auf die Ukraine, der, nach der Besetzung der Krim und einiger Gebiete im Osten des Landes, am 24. Februar 2022 begann und bis heute andauert (JF berichtete). Dieses Ereignis und die von ihm ausgelösten sehr erheblichen politischen Folgen bei den westlichen Nachbarn, wie etwa Finnlands und Schwedens Beitritt zur Nato (JF berichtete), haben vor allem in Westeuropa eine bis dahin kaum wahrgenommene Nord-Süd-Dynamik in einem riesigen Raum erkennbar werden lassen, der vom Nordkap bis an das Schwarze Meer reicht.
Dieses Geschehen hat eine Perspektive geschwächt und in Frage gestellt, in der die Betrachtung der Geschichte des östlichen Europas auf Moskau konzentriert ist, was zur Folge hatte und, wenngleich in etwas abgeschwächter Form, noch immer hat, daß die westlich an Rußland grenzenden Länder und die in ihnen lebenden Völker weitgehend übersehen werden und kaum als selbständige politische Größen zählen. Dieser Art der Betrachtung setzt der Autor eine andere entgegen, indem er die Blickachse umdreht und einen von ihm so genannten Betrachtungsraum ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.
Dieser Raum umfaßt, wenn wir von den heute gegebenen staatlichen Verhältnissen ausgehen, die westlichen Anrainer Rußlands, also Norwegen, Finnland, Schweden, Estland, Lettland (das an Moskaus Satelliten Belarus grenzt), Litauen, Polen, Belarus, Rumänien und die Republik Moldau. Bei der Betrachtung der Geschichte dieses Raums geraten der Moskauer Staat einschließlich seines Vorgängers, der Kiewer Rus, keineswegs aus dem Blick.
Auseinandersetzungen mit Moskau gehen bis ins Mittelalter zurück
Ganz im Gegenteil lautet die Leitfrage, auf die das Buch eine Antwort sucht, was es in historischer Betrachtung bedeutet, Nachbar Moskaus zu sein, seit dem ausgehenden Mittelalter mit dem Moskauer politischen System in Beziehungen vielfältiger Art zu treten. Moskau – um diese Chiffre weiter zu gebrauchen – ist also der entscheidende Bezugspunkt der Betrachtung, aber nicht mehr deren Mittel- und Fluchtpunkt.
Außer dem großen Umfang des Betrachtungsraums ist auch die große zeitliche Ausdehnung der Betrachtung wichtig, bei der dieser Raum über mehr als siebeneinhalb Jahrhunderte im Blick bleibt. Wichtig ist sie dem Autor deshalb, weil nur so die Grundstruktur der Auseinandersetzung Moskaus mit seinen westlichen Nachbarn deutlich werde, zurückreichend ins Mittelalter und in die Frühe Neuzeit. Eben deshalb liegt der zeitliche Schwerpunkt auch nicht auf jenen Epochen, die der Gegenwart besonders nahe stehen, denn vieles von dem, was im 20. Jahrhundert oftmals als besonders und einzigartig wahrgenommen werde, lasse sich in seinen Grundzügen bereits viele Jahrhunderte zuvor beobachten.
Der Autor setzt sich zum Ziel, den Betrachtungsraum als „politische Verflechtungsgeschichte“ zu erfassen, und zwar jeweils dann, wenn eine Gesellschaft dieses Raums in engere Beziehung zu Moskau trat, sei es, daß dieses als Bedrohung wahrgenommen wurde oder Ziel eigener Eroberungsbestrebungen – so vor allem im Anfang – war oder, später, als die baltischen Länder, die Ukraine, Finnland und große Teile des einstigen Königreichs Polen-Litauen dem zarischen Imperium direkt einverleibt waren.
Es geht auch um die Konkurrenz politischer Kulturen
Für die Art der Darstellung bedeutet der gewählte Zugang, daß diese nicht durchgängig, nicht konsequent, nicht mit gleichbleibender Intensität auf den Betrachtungsraum als ganzen ausgerichtet bleibt, sondern sich von Epoche zu Epoche auf diejenigen westlichen Anrainer Moskaus konzentriert, deren Beziehungen zu diesem in der jeweils gegebenen Epoche besonders intensiv waren, welcher Art diese Intensität auch jeweils war. So etwa tritt Schweden, das lange Zeit einer der mächtigsten Kontrahenten Moskaus gewesen ist, in der Darstellung zurück, nachdem es den Machtkampf endgültig verloren hat und zu einem zarischen Satelliten geworden ist.

Eine weitere rote Linie der in dem Buch durchgehaltenen Betrachtungsweise liegt in der Überzeugung des Autors begründet, der zufolge der wichtigste Unterschied zwischen Moskau und dessen westlichen Nachbarn nicht sprachlicher, auch nicht konfessioneller Natur war und ist, sondern einer politischer Natur: Bei allen sehr erheblichen Unterschieden im einzelnen verbindet die Länder des Betrachtungsraums der Umstand und unterscheidet sie von Moskau, daß es in ihnen eine politische Mitbestimmung größerer Bevölkerungsgruppen in klar umrissenen Institutionen sowie politische Konzepte wie Freiheit und Recht gab, wie sie sich in dieser nachhaltigen Form in Moskau bis zum heutigen Tag nicht haben entwickeln, geschweige denn durchsetzen können.
Für die dem Buch zugrundeliegende Art der Darstellung bedeutet diese Schwerpunktsetzung, daß die Auseinandersetzungen Moskaus mit seinen westlichen Nachbarn nicht als nur mit militärischen Mitteln ausgetragene Kämpfe aufgefaßt und beschrieben werden, sondern auch und gerade als Konkurrenz unterschiedlicher politischer Kulturen, wie sich etwa beim Zerfall der Sowjetunion zeigte oder, schon früher, bei dem vergeblich bleibenden Bemühen der zarischen Herrschaft, das seiner staatlichen Selbständigkeit beraubte Polen dem Imperium so einzuverleiben, daß es kein ständiger Unruheherd bleiben würde.
Rußland mußte sich erst von der mongolischen Herrschaft befreien
Die große zeitliche Ausdehnung ist auch deshalb wichtig, weil nur so erkennbar wird, daß das Moskauer Zarenreich keineswegs von Anfang an so stark war, daß seine westlichen Nachbarn zum Gegenstand seiner Expansion hätten werden können. Damit es so weit kommen konnte, mußte es sich erst einmal selbst von der mongolisch-tatarischen Oberherrschaft befreien und sich als Erbe der Rus durchsetzen. Hinzu kommt, daß diese Nachbarn durch nicht selten kriegerische Auseinandersetzungen untereinander selbst dazu beitrugen, sich zu schwächen und damit Moskaus Aufstieg zu begünstigen.
Bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert waren Schweden, Nowgorod, vor allem aber das durch Personalunion verbundene Polen und Litauen dem Moskauer Staat ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen. Bis ungefähr zum Beginn des 18. Jahrhunderts herrschte eine Art Gleichgewicht. Erst dann, in der Regierungszeit Peters I., kam es zu einem völligen Umschwung, als Schweden und Polen-Litauen zu Satelliten des zarischen Imperiums hinabsanken und letzteres 1795 schließlich vollständig von der politischen Landkarte verschwand.
Der Krieg bildet den Ausgangspunkt
In dieser Besprechung konnte es nur darum gehen, Zielsetzung und Grundlinien des hier vorgestellten Buches anzudeuten. Im Anschluß an die Einleitung führt der Autor seine Leser in umfangreichen Kapiteln von der Welt der Kiever Rus bis zum Zerfall der Sowjetunion und zu der zweiten – nach der vorübergehenden ersten vom Ende des Ersten Weltkriegs — Befreiung Polens, des Baltikums, der Ukraine und der Moldau aus dem Griff des Imperiums, einer Befreiung, die, wie der Autor hervorhebt, wesentlich einer politischen Kultur zu verdanken war, die historische Muster mit einem demokratischen Aufbruch verband.
Den Abschluß bildet ein Blick auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine seit 2022 und die Bedeutung der Geschichte. Schließlich bildet dieser Krieg den Ausgangspunkt für die geschichtliche Betrachtung in diesem Buch. Zu Recht unterstreicht der Autor, daß Moskau auch und nicht zuletzt deshalb groß werden und bleiben konnte, weil führende Mächte und Politiker Europas wie etwa in Deutschland Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier Moskaus unmittelbare westliche Nachbarn übersahen und ihren Blick nur auf Moskau richteten. Oliver Jens Schmitts beeindruckendem Buch sind möglichst viele aufmerksame Leser zu wünschen.
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Prof. Dr. Werner Lehfeldt lehrte von 1975 bis 2011 Slavistische Sprachwissenschaft an den
Universitäten Konstanz, Basel und Göttingen.






