Im Jahr 1930 erschien die Übersetzung eines Buches des französischen Rechtsintellektuellen Henri Massis, das den Titel „Verteidigung des Abendlandes“ trägt. Die Schrift konnte mit Aufmerksamkeit rechnen, da sie an die breite Debatte der 1920er Jahre über Oswald Spenglers früh zum Klassiker avanciertes Untergangs-Werk anschloß. Der Übersetzer und Verfasser der Einleitung, Georg Moenius, lobte Massis wegen seiner wortmächtigen Ablehnung von „Asiatismus und Barbaren-Einfluß“.
Gemeint waren mit diesen Gegnern wohl die nach dem Ersten Weltkrieg allgemein ins Bewußtsein getretenen Flügelmächte: die Sowjetunion und die in bestimmten Kreisen als zwar technisch-zivilisiert, aber ebenso als kulturlos geltenden Vereinigten Staaten. Gleichfalls hatte Massis Feinde im Inneren ausgemacht, die er unter den kulturkritischen Topos „Dekadenz“ subsumierte. Massis verteidigt die griechisch-römische Überlieferung genauso mit Verve wie die christliche Tradition.
Nach fast einem Jahrhundert erkennt man unschwer Veränderungen wie Kontinuitäten. Der Althistoriker und Publizist David Engels engagiert sich schon seit einiger Zeit als wichtigster Vertreter seiner Generation für einen zeitgemäßen Neuansatz des Abendland-Denkens. Sein Abweichen vom Hauptstrom der zumeist linken und linksliberalen Zunft führte sogar dazu, daß ihn seine Kritiker zum „Apologeten der Diktatur“ (Markus Linden) abstempelten.
Engels spielt virtuos auf der kulturpessimistischen Klaviatur
Daß es sich bei einer solchen Polemik um Diffamierungen handelt, belegt auch die neueste Darstellung. Engels’ Sicht eines abendländisch-subsidiären Patriotismus firmiert unter dem Stichwort „Hesperialismus“. Er greift diesen Gedanken auch in der vorliegenden Publikation auf und zieht entsprechende Grundlinien neu aus. Schlagwortartig kann man die entsprechenden Phänomene mit „Transzendenz“, „Stolz“ und „Stärke“ umschreiben, die Europa künftig verstärkt prägen sollen.
Konkret wendet sich der belgische Gelehrte sowohl gegen einen Rückfall Europas in nationalistische Kleinstaaterei wie gegen den ungleich mächtigeren technokratisch-ökonomistischen Zentralismus Brüsseler Provenienz. Letzterer verkörpert für ihn den materialistisch-multikulturellen Globalismus. Eine einseitige Souveränitätsideologie hingegen mache Europa zum Schachbrett imperialer Interessen der Großmächte.

Im Kapitel „Die große Verwirrung“ spielt der Autor virtuos auf der kulturpessimistischen Klaviatur – und das wesentlich genauer und fundierter, als das ein morphologisch orientierter Denker wie Spengler jemals vermocht hätte. Die Destruktion von Transzendenz, Mensch, Familie, Tradition, Nation, Demokratie, Wirtschaft, Natur und Schönheit wird in einem kurzen, aber nichtsdestoweniger präzisen Durchgang geschildert.
Europa hat eine vielfältige Tradition
Zu den wichtigen Passagen der Erörterungen zählt der Abschnitt über Identität. Die Verantwortlichen in Europa haben sich der Herausforderung der Klärung nicht gestellt, sondern gern auf den vagen Begriff der „Wertegemeinschaft“ verwiesen, der alles und nichts besagt. Aus der Perspektive des 20. wie frühen 21. Jahrhunderts kommt man nicht herum, neben dem römisch-griechischen und christlichen Erbe, das sich früh vermengte, auch den faustischen Geist als eine der neuzeitlichen Hauptpotenzen Europas herauszustellen. Dieser Kontinent ist schon vor dem Hintergrund seiner kulturellen Entwicklung vielfältig, benötigt also mitnichten „Diversity“-Gegröle vorrangig aus der Propaganda-Abteilung der global organisierten Multikulti-Fraktion.
Doch Engels analysiert nicht nur; er zeigt auch grundlegende Lösungsversuche auf, darunter die Heilung der Familie, ein verstärkter Blick auf das Göttliche, die Aufarbeitung der Geschichte und die Gründung eines europäischen Zivilisationsstaates. Daß die Realität Europas weithin eine andere ist, hat Engels nicht aus den Augen verloren. Es ist daher kein Zufall, daß ein Abschnitt die „Grenzen des Möglichen“ im Jahre 2025 beschreibt.
Der Wunsch ist auch hier Vater des Gedankens
Der Niedergang des Glaubens, der auch durch diverse religiöse Renaissance-Phänomene nicht umgekehrt werden kann, gibt nur zu wenigen Hoffnungen Anlaß. Der Autor möchte aber Mut machen und sieht durchaus Chancen sogar für eine „hesperialistische Jugend“. Sie bedürfte guter Führungspersönlichkeiten. Da es aber kaum medialen Rückenwind gibt, wird sie wohl mit der zahlenmäßigen Relevanz wie der aktionistischen Klimajugend und mit deren Ersatzkult nicht mithalten können. Der Wunsch ist auch hier Vater des Gedankens.
Der abschließende Absatz („Zwischen Hoffnung und Realismus“) skizziert die augenblickliche Stimmungslage in Teilen Europas und präsentiert die vor einiger Zeit entworfene und bereits an anderer Stelle publizierte „Präambel einer Verfassung für eine Konföderation europäischer Nationen“. Das Wahre, Gute und Schöne zu verteidigen mag zu allen Zeiten – heute erst recht – schwierig sein; aber der im Glauben Verwurzelte blickt auf das Einzige, was man ihm nicht nehmen kann: das Streben nach Erlösung. Diese Absicht ist von allen empirischen Erfolgsmeldungen unabhängig und daher nicht untergangsbedroht. In dieser Erkenntnis liegt mehr als nur ein schwacher Trost.





