Joachim Kuhs
PCR-Test
Röhrchen mit dem Tupfer für einen PCR-Test Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Britta Pedersen

Lockdown und Quarantäne
 

Pandemiemaßnahmen: Neue Studie wirft Fragen zu PCR-Tests auf

DUISBURG. Erneut haben sich Wissenschaftler zu Wort gemeldet, die die Pandemiemaßnahmen der Bundesregierung in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen. Dieses Mal stehen die Ergebnisse von PCR-Tests im Fokus sowie deren Gebrauch für die Planung von Pandemiemaßnahmen, was sie als wenig zielführend beurteilten.

Forscher der Universität Duisburg-Essen sowie der Universität Münster konnten ihre Aussage dabei auf die Datengrundlage von 190.000 Testergebnisse von mehr als 160.000 Personen stützen, wie die Bild-Zeitung am Montag berichtete. „Ein positiver RT-PCR-Test allein ist nach unserer Studie kein hinreichender Beweis dafür, daß Getestete das Coronavirus auf Mitmenschen auch übertragen können“, sagte der Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiolgie des Universitätsklinikums Essen, Andreas Stang.

„Die am Ende errechnete Zahl von SARS-CoV-2 positiv Getesteten sollte daher nicht als Grundlage für Pandemiebekämpfungsmaßnahmen, wie Quarantäne, Isolation oder Lockdown, benutzt werden“, appelierte er. Die Forscher rieten deshalb, Daten aus anderen Bereichen zur Bewertung der Pandemie-Lage zu erheben beziehungsweise diese zu nutzen. „Geeigneter wären zum Beispiel verläßliche Angaben zur Intensivbetten-Belegung sowie zur Mortalität, also zu der jeweiligen Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit COVID-19“, schlug Stang laut dem Informationsdienst Wissenschaft vor.

Zudem könne die Aussagekraft des PCR-Tests erhöht werden, wenn der Zyklusschwellen-Wert (Ct-Wert) einbezogen werde. Müßten beispielsweise mehr als 25 Zyklen der Polymerasekettenreaktion (PCR) laufen, bis ein Test positiv wird, könne man davon ausgehen, daß der positiv Getestete nicht ansteckend sei. Die Virusmenge in der Probe wäre dann zu gering. Sei dagegen die Viruslast in der Probe groß, reichten weniger als 25 Zyklen, damit das Testergebnis positiv ausfällt.

78 Prozent der Positiv-Getesteten wahrscheinlich nicht ansteckend

„Bei durchschnittlich etwa 60 Prozent der Getesteten mit COVID-19-Symptomen wurden solch hohe CT-Werte nachgewiesen. In den Wochen 10 bis 19 waren es sogar 78 Prozent, die sehr wahrscheinlich nicht mehr ansteckend waren“, betonte Stang. „Auch das Abfragen von COVID-19-Symptomen bei Getesteten würde helfen, die Ergebnisse von RT-PCR-Tests besser bewerten zu können.“

Auf diesen Zusammenhang hatten im Verlauf des vergangenen Jahres bereits verschiedene Wissenschaftler hingewiesen. Selbst der Biochemiker Olfert Landt, dessen Firma Tib Molbiol PCR-Tests für Sars-CoV-2 vertreibt, äußerte sich dazu im Februar in der Welt. „Der Ct-Wert wird von vielen Laboren, Ärzten und Gesundheitsämtern völlig vernachlässigt. Dabei kann er ein wertvoller Hinweis sein, von welchen Personen tatsächlich eine Ansteckungsgefahr ausgeht“, sagte Landt damals. „Viele Bürger müßten bei dauerhaft geringer Viruslast eigentlich gar nicht in Quarantäne“.

Der Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, Hendrik Streeck, hatte laut RTL hingegen gesagt: „Es gibt da verschiedene Bereiche, wo unklar ist, ob da wirklich noch eine bedeutende Infektion vorliegt. Je höher der CT-Wert ist, desto niedriger ist die Viruslast im Rachen.“

In solchen Fällen sei es wichtig auch die Krankheitssymptome mit einzubeziehen. Dies müßten Fachleute unterscheiden, da die CT-Werte von Labor zu Labor unterschiedlich seien. „Und bei einem niedrigen CT-Wert kann ein Mensch ohne Symptome wahrscheinlich trotzdem das Virus übertragen, vor allem wenn er präsymptomatisch ist“, sagte Streeck.

Lauterbach: Ct-Werte hängen von Labor und Technik ab

Ähnlich sieht dies auch der SPD-Politiker Karl Lauterbach, der sich am Montag auf Twitter zu der Studie äußerte. „Ich schätze Herrn Stang eigentlich. Aber das ist nicht hilfreich. Bedenke folgendes: Ct-Werte hängen vom Labor ab. Sie hängen von der Technik der Probenentnahme ab.“ Ein Wert über 25 könne noch ansteckend sein. Ein CT-Wert von 29 könne bei einem Beginn der Infektion am darauffolgenden Tag schon bei 22 liegen.

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Lauterbachs Ex-Frau, die Epidemiologin Angela Spelsberg, die ebenfalls eine der Beteiligten der Studie ist, hatte bereits im September des vergangenen Jahres bei Servus TV gesagt, ein Testergebnis über 24 habe keine Relevanz. „Dann ist der Mensch nicht infektiös.“

PCR-Test ist „Goldstandard“

Mit dem vom Virologen der Berliner Charité Christian Drosten entwickelten PCR-Test, der seit Beginn der Corona-Pandemie als „Goldstandard“ zur Feststellung einer Infektion mit Sars-CoV-2 gilt, werden die bundesweiten Neuinfektionen ermittelt. Mit den Ergebnissen wird beispielsweise die Inzidenz errechnet, auf deren Grundlage Kontaktbeschränkungen und Anti-Corona-Maßnahmen begründet wurden.

Im April warnten bereits der ehemalige Leiter des Virologischen Instituts der Berliner Charité, Detlev Krüger, und der ehemalige Leiter des Globalen Influenza-Programms der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Klaus Stöhr, davor, die Inzidenz als alleinige „Bemessungsgrundlage für antipandemische Schutzmaßnahmen“ zu definieren.

„Eine leicht zu bestimmende und zu kommunizierende Bemessungsgrundlage wäre die tägliche Anzahl der COVID-bedingten intensivstationären Neuaufnahmen, differenziert nach Landkreis des Patientenwohnortes, Alter und Geschlecht mit Berücksichtigung diesbezüglicher zeitlicher Trends“, hielten auch sie damals bereits für einen geeigneteren Parameter, um Pandemiemaßnahmen einzuleiten als die durch PCR-Tests festgestellte Inzidenz. Damit kamen sie den Empfehlungen des Forscherteams um Stang und Spelsberg recht nahe, die unter anderem eine verläßliche Angabe zur Intensivbetten-Belegung als wichtiges Kriterium für die Planung von Maßnahmen nannten.

Divi habe stets belastbare Zahlen abgeliefert

Daß dies jedoch nicht selbstverständlich ist, zeigt der Inhalt eines Berichts des Bundesrechnungshofes, den dieser dem Haushaltsausschuß des Bundestages Mitte Juni vorlegte. So ging aus dem Bericht hervor, daß Krankenhäuser weniger freie Intensivbetten gemeldet hatten, um womöglich Ausgleichszahlungen vom Staat zu kassieren.

Sollte dies der Wirklichkeit entsprechen, wären die eigentlich sinnvollen Empfehlungen der Forscher nur noch bedingt praxistauglich. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Notfall- und Intensivmedizin (Divi) bezog nach Bekanntwerden der Vorwürfe sogleich Stellung und versicherte, sie habe stets belastbare Zahlen abgeliefert.

Bereits Mitte Mai hatten neun Wissenschaftler um den Medizinprofessor Matthias Schrappe eine drohende Überlastung der Intensivstationen wegen Corona-Patienten in Zweifel gezogen. Für ihre Einschätzung hatten sie Daten zur intensivmedizinischen Versorgung während der Corona-Pandemie neu ausgewertet. Ihr Bericht legte damals Manipulationen in offiziellen Statistiken, Subventionsbetrug und zweifelhafte Verwendung von Fördermitteln nahe. „Im Rückblick tun sich Fragezeichen auf, ob da redlich gespielt wurde“, sagte Schrappe der Welt. (hl)

Röhrchen mit dem Tupfer für einen PCR-Test Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Britta Pedersen
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