Anzeige
Anzeige

Sowjetunion: Tschernobyl-Katastrophe: Die entfesselte Radioaktivität

Sowjetunion: Tschernobyl-Katastrophe: Die entfesselte Radioaktivität

Sowjetunion: Tschernobyl-Katastrophe: Die entfesselte Radioaktivität

Aus der Luft wird versucht, den Atomreaktor in Tschernobyl abzusichern.
Aus der Luft wird versucht, den Atomreaktor in Tschernobyl abzusichern.
Aus der Luft wird versucht, den Atomreaktor in Tschernobyl abzusichern. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Sowjetunion
 

Tschernobyl-Katastrophe: Die entfesselte Radioaktivität

Vor vierzig Jahren erschütterte die Atom-Katastrophe von Tschernobyl ganz Europa. Neben den unmittelbaren Folgen für die Region hatte sie auch weitreichende politische Auswirkungen.
Anzeige

In der Nacht vom 25. zum 26. April 1986 fand im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl unweit der heutigen ukrainisch-weißrussischen Grenze ein Experiment statt, welches eigentlich der Erhöhung der Betriebssicherheit dienen sollte, dann aber in weniger als einer Minute zum ersten Super-GAU in der Geschichte der friedlichen Nutzung der Atomenergie führte.

Durch den Versuch wollte die Bedienmannschaft unter der Leitung des stellvertretenden Chefingenieurs Anatoli Djatlow herausfinden, ob die Rotationsenergie der nach einer Notabschaltung herunterfahrenden Turbinen des Blocks 4 ausreicht, die Kühlung des graphitmoderierten Siedewasser-Druckröhren-Reaktors vom Typ RBMK-1000 zu gewährleisten. Allerdings befand sich der Atommeiler schon vor Beginn des Tests um 1.23 Uhr in einem gefährlich instabilen Zustand. So hatten die Operatoren zu viele der mit Borcarbid gefüllten Steuerstäbe, welche die nukleare Kettenreaktion bremsten, aus der aktiven Zone herausgezogen – dabei unterschritten sie am Ende sogar die vorgeschriebene Mindestzahl von 28. Außerdem lag auch die Nennleistung um immerhin 440 Megawatt zu niedrig.

Deswegen kam es unmittelbar nach der simulierten Notabschaltung zu einem blitzartigen Leistungsanstieg. Von Panik erfüllt forderten der Schichtleiter Alexander Akimow und dessen rechte Hand Leonid Toptunow den sofortigen Abbruch des Experiments. Das quittierte Djatlow mit den schneidenden Worten: „Noch ein, zwei Minuten, und alles ist vorbei! Etwas beweglicher, meine Herren!“ Trotzdem wies Akimow Toptunow dann um 1.23 Uhr und 40 Sekunden an, den „manuellen Havarie-Schutz der 5. Kategorie“ auszulösen.

Explosion schleuderte Reaktordeckel beiseite

Hieraufhin fuhren alle Steuerstäbe ins Reaktorinnere ein. Dadurch wiederum machte sich nun ein gravierender Konstruktionsfehler der RBMK-1000-Reaktoren bemerkbar: Anstatt den Neutronenfluss und damit die Kernreaktion augenblicklich abzubremsen, sorgten die Graphitspitzen der Stäbe zunächst für den gegenteiligen Effekt – die gewünschte Wirkung sollte erst beim tieferen Vordringen in die heiße Zone eintreten. In Tschernobyl verklemmten sich die Bremsstäbe jedoch gerade an der kritischsten Stelle am Anfang, weil die steigenden Temperaturen im Reaktorkern bereits zur Deformierung der Leitkanäle geführt hatten.

Infolgedessen überschritt der Block 4 binnen vier Sekunden nach dem Rettungsversuch das zulässige Leistungsmaximum um den Faktor 100. Die Folge war eine erste schwache Detonation im Reaktorinnern, bei der Wasserstoff freigesetzt wurde. Nach dessen Kontakt mit dem Luftsauerstoff erfolgte um 1.23 Uhr und 56 Sekunden eine heftige Knallgasexplosion mit der Wucht von zehn Tonnen TNT-Sprengstoff. Diese reichte aus, um den mehr als tausend Tonnen schweren Reaktordeckel beiseite zu schleudern und das Hallendach von Block 4 zum Einsturz zu bringen.

Anschließend trug die tagelang aufsteigende Rauchsäule des Graphitbrandes im Herz des aufgerissenen Meilers radioaktives Material in die Atmosphäre – darunter vor allem Cäsium 137 und Jod 131. Die strahlenden Isotope wurden durch den Wind über weite Teile Europas, Vorderasiens und Nordafrikas verteilt. Nun rächte sich auch der zweite große Konstruktionsfehler des RBMK-1000, nämlich das Fehlen eines Sicherheitsbehälters um den Reaktor.

Geistersiedlungen entstanden durch Evakuierungen

Um die Katastrophe einzudämmen, warfen Hubschrauber in den Folgetagen 40 Tonnen Borcarbid, 800 Tonnen Dolomit, 2.400 Tonnen Blei und 1.800 Tonnen Sand und Lehm über dem Reaktor ab, was für die Piloten lebensgefährlich war. Selbiges galt für den Einsatz der rund 800.000 Liquidatoren, die unter unter dem Befehl von Generalleutnant Nikolai Tarakanow das Gelände des Blocks 4 samt Umfeld zu dekontaminieren versuchten. Parallel dazu mussten 116.000 Menschen ihre Wohnungen und Häuser in der 30-Kilometer-Sperrzone um das Kraftwerk verlassen, wodurch etliche Geistersiedlungen wie Prypjat entstanden.

Angeblich kamen während des Reaktorunfalls und der Einsätze der Liquidatoren etwa fünfzig Menschen uns Leben, darunter auch Akimow und Toptunow, welche dem Versuch von Anfang an skeptisch gegenübergestanden hatten. Die beiden Nukleartechniker erhielten eine tödliche Strahlendosis und starben am 11. beziehungsweise 14. Mai 1986. Djatlow hingegen konnte die Klinik im November 1986 als geheilt verlassen und wurde später wegen des „kriminellen Leitens eines potentiell explosionsgefährlichen Experiments“ zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Die gleiche Strafe erhielten der Kraftwerksdirektor Wiktor Brjuchanow und der Chefingenieur Nikolai Formin.

Ansonsten gehen das Tschernobyl-Forum der Vereinten Nationen sowie die Weltgesundheitsorganisation WHO und die International Atomic Energy Agency (IAEA) von bis zu 8.000 weiteren Toten durch Krebserkrankungen in der Ukraine, Belarus und Russland aus – eine Zahl, die vermutlich entschieden zu niedrig liegt. Außerdem fielen Kosten für die Beseitigung der unmittelbaren Folgen der Havarie in Höhe von etwa 18 Milliarden Rubel an.

Tschernobyl brachte friedliche Nutzung der Kernenergie in Verruf

Noch gravierender waren freilich die politischen Folgen des „Störfalls“ in Tschernobyl. Dieser wurde auf direkte Anweisung des neuen KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow geschlagene 76 Stunden lang verheimlicht, was dem internationalen Ansehen der UdSSR ähnlich schwer schadete wie der Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan im Dezember 1979. Daher veranlasste die Tragödie Gorbatschow dazu, künftig mehr Glasnost, also Transparenz und Offenheit, zu wagen.

Parallel dazu geriet auch die friedliche Nutzung der Kernenergie in Verruf. Das galt nicht zuletzt für die Bundesrepublik Deutschland, wo sich teilweise regelrechte Hysterie breitmachte, obwohl die mittlere Strahlenbelastung durch Tschernobyl hier unter den Dosen lag, die üblicherweise aus der natürlichen Radioaktivität und medizinischen Untersuchungen resultieren. So stieg die Zahl der Kernkraftgegner schlagartig an, woraufhin SPD und Grüne den Atomausstieg forderten, den Angela Merkel dann mehr als zwanzig Jahre später exekutierte.

Russland besetzte zu Kriegsbeginn Tschernobyl-Gelände

Für das Unglückskraftwerk von Tschernobyl, das 2000 komplett außer Betrieb ging, ist mittlerweile die Ukraine verantwortlich. Seit 2019 liegen die strahlenden Trümmer des Blocks 4 unter der Schutzhülle des zwei Milliarden Euro teuren New Safe Confinement, welches die radioaktiven Partikel mindestens hundert Jahre lang zurückhalten soll.

Das Gelände des ehemaligen Kernkraftwerkes wurde gleich am ersten Tage des russischen Einmarschs vom Februar 2022 von entsprechend ausgebildeten Spezialeinheiten des Kreml besetzt. Dass dies so schnell und kampflos erfolgte, resultierte aus der Existenz zweier russischer Maulwürfe. Der erstere war der Sicherheitschef von Tschernobyl und Oberst des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU Walentin Witer. Dieser erteilte dem Kommandeur der 169 Mann starken Wachmannschaft den Befehl zur Kapitulation.

Darüber hinaus hatte der SBU-Brigadegeneral Andrij Naumow sein Wissen über die Sicherheitseinrichtungen in Tschernobyl an Moskau verkauft. Inzwischen steht die Atomruine freilich wieder unter der Kontrolle Kiews.

Aus der JF-Ausgabe 18/26. 

Aus der Luft wird versucht, den Atomreaktor in Tschernobyl abzusichern. Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Anzeige
Anzeige

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles