Joachim Kuhs
Heinz Herbert Karry Opfer eines Attentats
Polizeibeamte und Fotografen vor dem Schlafzimmerfenster von Karrys Villa in Frankfurt-Seckbach Foto: picture-alliance / dpa | Heinz Wieseler

Ermordung von Heinz Herbert Karry
 

Sechs Schüsse im Mai

Die ersten beiden Schüsse gingen daneben. Dann trafen vier Projektile das arg- und wehrlose Opfer. Die Täter hatten früh morgens, kurz vor 5 Uhr, mit Hilfe einer Leiter durch das zwar vergitterte, aber angelehnte Zimmerfenster direkt auf den schlafenden Bewohner des Bungalows in der Hofhausstraße in Frankfurt am Main-Seckbach feuern können.

Aus nächster Nähe getroffen, erliegt Heinz Herbert Karry, hessischer Wirtschaftsminister und stellvertretender Ministerpräsident, am 11. Mai 1981 seinen Verletzungen. Die Schüsse hatten seine Bauchschlagader zerrissen, der 61jährige FDP-Mann verblutete. Ein herbeigerufener Notarzt konnte nicht mehr helfen. Karry war der erste Politiker, der in der Bundesrepublik einem Attentat zum Opfer fiel.

Knapp drei Wochen später traf in der Redaktion des Sponti-Szene-Blatts Pflasterstrand sowie in einer Offenbacher Buchhandlung ein Bekennerschreiben ein, in dem sich die linksextreme Terrorgruppe „Revolutionäre Zellen“ des Verbrechens bezichtigten. Die Verfasser behaupteten, der Tod des Ministers sei „nicht beabsichtigt, sondern ein Unfall“ gewesen. Man habe den „Türaufmacher“ des Kapitals eigentlich nur hindern wollen, „seine widerlichen und zerstörerischen Projekte weiter zu verfolgen“. 

Schon lange Feindbild der westdeutschen Linken

Heinz Herbert Karry Opfer eines Attentats
Heinz Herbert Karry vor dem Hessischen Wirtschaftsministerium 1978 Foto: picture-alliance / dpa | Heinz Wieseler

Karry war schon lange ein Feindbild der westdeutschen politischen Linken. Denn er befürwortete und förderte alles, was ihre Anhängerschaft ablehnte und – bisweilen höchst gewalttätig – bekämpfte: den Wiederaufbau der Alten Oper in der Mainmetropole, vor allem aber den Ausbau des Frankfurter Flughafens (Startbahn West) und die Kernenergie (Atomkraftwerk Biblis). Darüber hinaus warfen die Täter in ihrem Schreiben dem ermordeten Wirtschaftsminister seine „Verwicklung“ in Waffengeschäfte mit Ländern in Krisenregionen vor.

Heinz Herbert Karry, geboren 1920 als Sohn eines Färbermeisters im Frankfurter Stadtteil Bornheim, hatte nach der Schule eine Lehre zum Kaufmann absolviert. Als „Halbjude christlichen Glaubens“ mußte er während des Krieges Zwangsarbeit leisten, sein Vater wurde verhaftet und in ein Konzentrationslager deportiert. Nach dem Krieg war Karry zunächst als Einzelhändler, später als Vermögensverwalter tätig. Er war Mitglied der Gesellschaft für Bürgerrechte und trat bereits 1949 der FDP bei, deren Bundesvorstand er seit 1974 angehörte. 1960 wurde Karry zum ersten Mal in den Hessischen Landtag gewählt. Für die Liberalen in dem Bundesland war er jemand, „ohne den nichts ging“. 

Personenschutz stets abgelehnt: „Des kost’ nur Geld …“

Die Zeit schrieb über ihn einmal, er habe sich „oft und gern als ‘lupenreinen Liberalen’ bezeichnet, doch dieser Liberalismus war kaum aus dem Stoff von Programmen und Reflexionen, sondern aus Temperament, Lebenserfahrung, eher handlichen Überzeugungen – und einem großen Spaß am politischen Geschäft gemacht“. Karry, von 1968 bis 1970 Fraktionsvorsitzender der FDP im Wiesbadener Landtag, wurde zum ersten Mal 1970 hessischer Minister für Wirtschaft und Technik, 1974 erneut. Er betrieb aktive Handelspolitik mit China und den Arabischen Emiraten, führte aber auch ein neues Bürgschaftssystem für klein- und mittelständische Unternehmen ein. Ab 1976 fungierte er in der sozialliberalen Koalition zudem als Stellvertreter des hessischen Ministerpräsidenten Albert Oswald (SPD).

Karry hatte sich stets geweigert, als Minister Polizeischutz oder erhöhte Sicherheitsmaßnahmen an seinem Haus in Anspruch zu nehmen. Der Liberale wollte den Bürgern nicht zusätzlich auf der Tasche liegen. „Des kost’ nur Geld, was meine’ Sie, was ich dem Staat einspar’?“ solle er im besten Hessisch gesagt haben. Und er war überzeugt: „Wer sollte mir etwas tun?“

Nach seiner Ermordung hatten die Behörden aufgrund der jüdischen Wurzeln des Ministers auch wegen möglicher antisemitischer Tatmotive ermittelt. Doch obwohl sich auch eine angebliche Gruppe „Bewegung Drittes Reich“ gegenüber der Bild-Zeitung der Täterschaft bezichtigt hatte, stuften die BKA-Experten dies als „nicht authentisch“ ein. Und obwohl das Verbrechen nicht vollständig aufgeklärt werden konnte, gilt der linksextreme Hintergrund als höchstrwahrscheinlich.

Tatwaffe wurde mit Joschka Fischers Auto transportiert

Heinz Herbert Karry beigesetzt
Die Witwe Maria Karry mit Sohn Ronald Karry während der Beerdigung am 15. Mai 1981 Foto: picture-alliance / dpa | DB

Dafür spricht auch die Herkunft der Tatwaffe. Die Pistole war dem Landeskriminalamt zufolge eine von 17 Schußwaffen, die elf Jahre vor dem Mord an Karry von Mitgliedern der militanten Schwarzen-Bewegung „Black Panthers“ aus der „The Rock“ genannten Ayers-Kaserne der amerikanischen Streitkräfte im hessischen Kirchgöns gestohlen worden waren.

Diese Waffen wiederum hatte im Jahr 1973 der zwei Jahre später am blutigen Überfall auf die Opec-Konferenz beteiligte Terrorist Hans Joachim Klein von einem Versteck in ein anderes transportiert. Pikant: Er verwendete dafür einen VW-Variant (Kennzeichen: F-MS 641), der auf einen Frankfurter namens Joseph Martin – genannt „Joschka“ – Fischer zugelassen war.

Die Polizei zapfte bei ihren Ermittlungen 1981 das Telefon des später prominenten Grünen-Politikers an. Der richterliche Beschluß stützte sich auf dessen möglicherweise bestehende „enge Nähe zu den Tätern“. Doch die Ermittler gelangten zu dem Ergebnis, Fischer sei mit dem Mord an Karry nicht in Verbindung zu bringen.

Der heute vor 40 Jahren erschossene Minister wurde mit einem Staatsakt in der Paulskirche sowie einem anschließenden Schweigemarsch durch die Frankfurter Innenstadt verabschiedet. Die Tat blieb bisher ungesühnt. Karrys Mörder wurden nie gefunden.

Polizeibeamte und Fotografen vor dem Schlafzimmerfenster von Karrys Villa in Frankfurt-Seckbach Foto: picture-alliance / dpa | Heinz Wieseler
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