Ein deutscher Flüchtlingsfriedhof in Dänemerk nach dem Zweiten Weltkrieg Foto: picture alliance
Ein deutscher Flüchtlingsfriedhof in Dänemerk nach dem Zweiten Weltkrieg Foto: picture alliance
Deutsche Flüchtlinge 1945

„Meine Mutter ist für uns verhungert“

Ihr Ziel war Dänemark. Sie kamen in Zügen und auf Schiffen – Kinder, Frauen und alte Männer. Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten. Wochenlang waren sie auf der Flucht vor den Russen und den Polen gewesen. Alles hatten sie zurücklassen müssen, viele hatten Angehörige verloren. Jetzt hofften sie, in Sicherheit zu sein.

Welch fataler Irrtum! Ihr Schicksal würde für Jahre heißen: Hunger, Krankheit und Tod. Insgesamt werden 250.000 deutsche Flüchtlinge bis zu vier Jahre in Dänemark hinter Stacheldraht vegetieren. Ihr Verbrechen: ihre Nationalität. Allein 10.000 deutsche Kinder unter fünf Jahren werden in den Lagern sterben. Die JUNGE FREIHEIT konnte mit einer Zeitzeugin sprechen: Gisela Busch war damals elf Jahre alt.

„Meine Mutter Gertrud ist für uns verhungert“, erinnert sie sich, und ihre Stimme zittert dabei. „Ohne sie hätten wir Dänemark nicht überlebt.“ Gisela Busch war in der ersten Klasse der Oberschule, als sie mit ihrer Familie auf die Flucht ging. „Wir waren zehn, meine Mutter und meine vier Schwestern, eine davon war schwanger, natürlich ich und meine Tante mit ihrer kleinen Tochter und die Großeltern.“ Die Heimat der Familie war Arys, Kreis Johannisburg, Ostpreußen. Ihr Ziel Ende Januar 1945 hieß Gotenhafen. „Jeder wollte mit einem Schiff raus. Es war schrecklich. Wir wurden von den Flugzeugen beschossen. Wir hörten das Donnern der Geschütze.“

Dänische Ärzte verweigern Hilfe

Giselas Familie hatte Glück. Ihre ältere Schwester Ursula hatte im Rathaus von Arys eine Lehre begonnen. Auf der Suche nach Essen trifft sie den Bürgermeister von Arys. Der besorgt ihnen die Passagen. „Weil meine Tante ein Baby hatte, bekamen wir alle gemeinsam Platz auf einem Schiff.“ Tausende eingepfercht in den Frachträumen, auf Deck lagen die Toten unter Persennings. Fünf Tage und Nächte dauerte die Überfahrt, Torpedobeschuß. „Ich höre heute noch die Wellen gegen die Schiffswand schlagen.“ Während der Überfahrt geht es Gisela Busch schlecht – Blinddarmvereiterung, Gefahr des Bruchs. Dann erreichen sie Kopenhagen.

Je mehr Flüchtlinge und Verwundete das von Deutschland besetzte Dänemark erreichen, desto schwieriger wird die medizinische Versorgung, die von der deutschen Wehrmacht sichergestellt werden muß. Die Lage eskaliert am 10. März 1945, als Dr. Mogens Fenger, der Vorsitzende des dänischen Ärzteverbandes, die Unterstützung bei der Behandlung von schwererkrankten Flüchtlingen und Schwangeren verweigert. Sie seien als Wehrmachtsangehörige anzusehen und damit von dänischen Ärzten nicht zu behandeln. Kommt es kurzfristig zu einer Lockerung, beschließt am 25. März 1945 die Generalversammlung des Ärzteverbandes, daß ihre Mitglieder deutschen Flüchtlingen keine ärztliche Hilfe leisten müssen.

So ergeht es auch Gisela Busch. „Die dänischen Ärzte wollten mich nicht operieren.“ Gisela kommt erst mit ihrer Familie in eines der 1.100 Flüchtlingslager, die noch der Wehrmacht unterstehen. Sein Name ist Grove, in Mitteljütland, ein Fliegerhorst der Wehrmacht. „Zum Glück operierten mich dort deutsche Ärzte in einer Schule außerhalb des Lagers Gedhus, das über eine Stunde Fahrt von Grove entfernt war.“ Über zwölf Wochen liegt das Kind dort allein. Der einzige, der das Mädchen besuchen darf, ist ein Geistlicher. „Er hieß Pfarrer Gemmel, war schon über 70 Jahre alt, und er brachte immer einen Apfel mit, den er mit mir teilte, ich werde ihn nie vergessen.“

Dänen internieren die Flüchtlinge

Während Gisela in der Schule liegt, kapituliert die Wehrmacht, es beginnt das große Sterben der Kinder. „Ich habe das erst später erfahren. Die kleine Tochter meiner Tante, sie hieß Karin, sie hatte uns ja die Überfahrt nach Dänemark beschert, war gestorben. Sie ist etwas über ein Jahr geworden.“ Das Baby Karin ist kein Einzelfall, doch jahrzehntelang wurde das Kindersterben in den Lagern, wenn dieses Thema überhaupt öffentlich in Dänemark diskutiert wurde, offiziell mit den unmenschlichen Fluchtbedingungen erklärt.

Sicherlich befanden sich die Dänen nach dem 8. Mai in einer Zwickmühle, verlangten doch die Briten, daß die Flüchtlinge weiterhin in Dänemark blieben, was mit den katastrophalen Zuständen in der britischen Zone begründet wurde. Vier Millionen Dänen hatten eine Viertel Million deutsche Flüchtlinge durchzufüttern. Eine Herkulesaufgabe. Aber Dänemark war nicht zerstört. Sofort begannen, zwar nicht überall, diverse Repressalien.

Deutsche Flüchtlinge stehen vor einer Baracke in ihrem Flüchtlingslager in Dänemark Foto: (c) dpa - Report
Deutsche Flüchtlinge stehen vor einer Baracke in ihrem Flüchtlingslager in Dänemark Foto: (c) dpa – Report

Die Flüchtlinge wurden in rund 40 größere oder kleinere Lager verlegt, teils in Viehwaggons und mit Waffengewalt. Die dänischen Behörden internierten „die Flüchtlinge ohne Kontakt zur dänischen Bevölkerung in den schon existierenden Lagern unter notdürftiger Versorgung“, heißt es bei dem EU-Projekt Virtuelles Museum (www.vimu.info). Die Schlußfolgerung, daß die dänische Regierung sich um „eine notdürftige, aber verantwortliche Fürsorge“ für die Deutschen, ohne es ihnen „zu gut gehen“ zu lassen, bemüht habe, kann anhand der Sterbezahlen allerdings nicht gezogen werden.

Die Wanzen fallen von den Barackendecken

1999 veröffentlichte die dänische Ärztin und Historikerin Kirstin Lylloff in der Zeitung Politiken Zahlen zur Sterblichkeit der deutschen Kinder in Dänemark. In ihrer Dissertation „Kinder oder Feinde?“, sie ist leider nicht ins Deutsche übersetzt, weist sie nach, daß 80 Prozent aller Kinder starben und fast 100 Prozent aller Kinder bis zu einem Jahr, so berichtet es die Reihe Kieler Schriften zur Friedenswissenschaft im Band „Vergangenheitsdiskurse in der Ostseeregion“ über die Forschungen der Ärztin. Lylloff kam zu dem Ergebnis, daß die Kinder nicht durch Fluchtereignisse, sondern durch Hunger, unterlassene medizinische Hilfe und schlechte Lagerverhältnisse nach dem Krieg starben. Die oben genannte offizielle Begründung für die vielen Toten kontert Lylloff: „Babys sterben nicht im November, weil ihre Mütter im Mai fliehen, sondern aus Mangel an Fürsorge im November.“

Was die Dänen damals im Lager Grove unter verantwortlicher Fürsorge verstanden, erinnert Gisela Busch so: „Bewaffnete Dänen liefen bei uns immer Streife. Einmal spielte ein Junge mit einem Ball, der war dabei über den Stacheldraht geflogen. Der Junge wollte unter dem Zaun durchkrabbeln und ihn holen, dabei wollte ihn die Streife erschießen, ein Verwandter warf sich dazwischen, konnte den Jungen retten.“ Die Wachen gehörten dem dänischen Widerstand an. Dessen Wurzeln lagen in England. Dort waren Dänen für Sabotageakte gegen Deutsche und deutschfreundliche Dänen ausgebildet worden.

In den Baracken des Lagers lebten die Deutschen in dreistöckigen Betten, Toiletten waren außerhalb, geheizt wurde mit Torf. „Die Decken stanken muffig, die Betten waren voller Wanzen, die in den Ritzen saßen. Mich fraßen die förmlich auf. Meine Mutter legte mich deshalb zum Schlafen auf einen Holztisch, mitten im Raum. Geholfen hat das nichts“, erzählt Gisela Busch und scheint dabei zu lächeln, „die fielen auch von der Decke.“

„Ich hatte Glück“ 

Im Winter froren die Flüchtlinge, Hunger hatten sie allerdings das ganze Jahr über. „Zu Essen gab es Graupensuppe aus dem Blechgeschirr. Wir hatten zusammen zwei Löffel. Manches Mal gab es eine halbe Scheibe gelbes Brot dazu. Wir schlugen es so lange auf den Boden, bis es schäumte. Es schmeckte dann ganz süß.“ Von dem Geringen teilte die Mutter ihre Ration mit ihren Kindern. So sind die von Karl-Georg Mix in seinem Buch „Deutsche Flüchtlinge in Dänemark“ genannten offiziellen Kalorienmengen für Flüchtlinge von 2.000 Kalorien für Insassen und 2.500 für Kranke und Kinder zu bezweifeln.

1946 wird die Familie entlassen. „Wir kamen nach Nordhorn, meine Mutter konnte kaum noch laufen. Ich saß an ihrem Bett, als sie starb.“ Gisela ist 14 Jahre alt, ihre Mutter Gertrud stirbt mit 43 Jahren. An Schule und Ausbildung ist nicht zu denken, „ich hatte meiner Mutter versprochen, auf meine kleineren Geschwister aufzupassen.“ Heute lebt sie in Itzehoe. „Ich hatte Glück. Mein Mann und ich haben drei prächtige Söhne, auf die ich sehr stolz bin.“

Und dann blitzt bei Gisela Busch auch nach 75 Jahren das durch, was ihr das Überleben ermöglichte – Trotz! „Das haben die Dänen nicht gedacht, daß ich denen von der Schippe springe.“ Die letzten Flüchtlinge verließen 1949 die Lager.

JF 22/20

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