Weitaus besser gestellt

Wäre der Erste Weltkrieg nicht ausgebrochen, hätte die wilhelminische Monarchie fast automatisch den Weg zur Republik und zur parlamentarischen Demokratie beschritten. Setzt man die Möglichkeit einer solchen „stillen Parlamentarisierung“ voraus, wäre es um die sich immer noch als gesunkenes Kulturgut beim gebildeten Publikum zäh haltende Legende vom „deutschen Sonderweg“ geschehen. So weit will es Thomas Kühne, Professor am Strassler Familiy Center for Holocaust and Genocide Studies in Worcester/USA, aber nicht kommen lassen (Geschichte und Gesellschaft, 2/05). Er hat die Gefahr erkannt, die von Margaret L. Andersons bahnbrechender, bislang noch nicht übersetzter Untersuchung („Practicing Democracy“, Princeton 2000) für die von deutschen Historiker erzählte Mär von Bismarcks Obrigkeitsstaat und dem „Untertanengeist“ vor 1918 ausgeht. Anderson hat festgestellt, daß die „Habitualisierung demokratischer Praktiken“ zu Kaisers Zeiten schon viel weiter ausgeprägt war, als es bundesdeutsche Historiker zwecks „Abstützung der Sonderwegsvorstellung“ zugeben. Anderson hat auch anhand des Wählerverhaltens gezeigt, daß es um die „demokratische Kultur“ im Deutschen Reich besser bestellt war als im so oft als Vorbild gerühmten „Westen“, wo „Wahlmanipulation, Bestechung, Gewalt und Fälschung der Wahlergebnisse“ zur „demokratischen Kultur“ zählten, während diese Praktiken „in Deutschland nahezu unbekannt waren – dank einer ausgeprägten, auch von den Behörden gewahrten legalistischen Tradition“. Diese von Anderson konturierten positiven Entwicklungen lassen Kühne um liebgewonnene Klischees fürchten, so daß er jene Tendenzen herausstreicht, die dieser stillen Demokratisierung entgegenstanden: die Unfähigkeit der Parteien, zu wahren „Volksparteien“ zu werden, und die mit der „gesunden“ Neigung zur Austragung politischer Konflikte wachsende Idealisierung der konfliktfrei-harmonischen „Volksgemeinschaft“, womit Kühne den Weg von 1871 zum 30. Januar 1933 wieder geschichtspolitisch korrekt freiräumt.

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