Joachim Kuhs

 

Netzwerke statt Nationen

Europäisierung als gesellschaftliche Selbstverständlichkeit“ – dies gilt für das Europa der institutionellen und strukturellen Verflechtungen, das nach dem Zweiten Weltkrieg in einem nun schon Jahrzehnte währenden Prozeß von Politikern, Bürokraten und Wirtschaftsgrößen gestaltet wurde und als dauernde Verpflichtung tagtäglich präsent bleibt. Dieser politisch gewollte Zusammenschluß von nunmehr 25 Staaten Europas zur Europäischen Union ist aber nur ein Teil der Realität Europas. Europa ist vor allem auch ein gemeinsamer Kulturraum: Erinnert sei an das hohe Mittelalter, als sich die Gebildeten überall in Europa in Latein verständigen konnten und bei Schwierigkeiten mit ihren lokalen Institutionen Professoren von Bologna nach Paris, von Paris nach Köln wechselten – wie Thomas von Aquin. Zu Zeiten des Humanismus war Europa aber nicht nur für Intellektuelle eine geistige Einheit. Baumeister und Steinmetze des Kölner Doms zogen weiter nach Burgos – wie Hans und Simon, dort nach ihrer Herkunft genannt „von Köln“ -, was an der dortigen Kathedrale augenfällig wird, wie vordem die französische Gotik Albertus Magnus und damit die Pläne des Kölner Doms beeinflußte – Beispiele, auf die Erwin K. Scheuch häufig verwies. Allerdings, Europa als Kulturraum war weitgehend beschränkt auf die städtischen Inseln und Klöster. Dabei war mitentscheidend, daß etwa vor 200 Jahren bis eigentlich zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges die gebildeten Bewohner Mitteleuropas ihre wirksamen Bindungen weniger in der Einheit als Volk sahen. Der Begriff „Volk“ wurde erst mit dem Entstehen der Nationalstaaten in Europa etwa ab Ende des 18. Jahrhunderts zum Gegenbegriff zu der legitimen politischen Organisation nach dem Prinzip der Dynastie. Nur in Ausnahmen und mit gewaltsamen Veränderungen wurden dann Volk und Staat deckungsgleich zum Nationalstaat. Die Schweiz ist ein Exempel dafür, daß der Begriff „Volk“ als Grundlage für den Nationalstaat nicht wie scheinbar selbstverständlich so zu verstehen ist, wie er in der Diskussion um ein Weiterbestehen beispielsweise eines deutschen Volkes gedeutet wird: als Zusammentreffen eines eigenen Volkes, einer eigenen Kultur, einer eigenen Sprache und einer eigenen politischen Ordnung. In diesem Sinn war Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg ohnehin kein wirklicher Nationalstaat. Preußen umfaßte mehr als ein Volk, aber weniger als alle Deutschen. Der Begriff „Nation“ als Einheit von politischer Organisation und Volk war historisch in Europa ein Kampfbegriff gegen die damaligen politischen Ordnungen, die bei Fehlen einer Übereinstimmung zwischen Volk und Staat als illegitim gegenüber den wirklich natürlichen Ordnungen charakterisiert werden sollten. Die Spannung zwischen Realität und Begriff wird am Prozeß der Nationenbildung faßbar; denn die für die Menschen vor diesem Zeitpunkt in Mitteleuropa wirksamen Bindungen waren vorrangig nicht die Einheit als deutsches oder italienisches Volk, sondern anderer Art wie die Bindung an die Region, an einen Berufskreis – eventuell mit eigener Rechtsperson versehen – und die Bindung an Kirchen. Gemeinsam fühlten sich die Menschen in Europa als Christen im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen, die vom Mittelmeerraum her kamen, wie zum Beispiel die Araber unter den Kalifen. Sie verstanden sich als Bayern oder als Piemonteser, wenn sie an einem anderen Ort, etwa an einer Universität, mit anderen Menschen auf damals multikulturelle Art zusammenlebten, und je nach den Außenbezügen aktivierten sie eine andere Loyalität. Solche Mehrfachidentitäten waren für Menschen in diesen traditionellen Ordnungen vor allem kennzeichnend: Man verstand sich zugleich als Badener, Winzer und Katholik – auch wenn diese Identitäten durchaus nicht konfliktfrei nebeneinander existierten. Der Prozeß der Nationenbildung wird charakterisiert als Konkurrenz zwischen den überkommenen Identitäten und dem Anspruch auf Monopol aller Bindungen, der von dem neuen Nationalstaat erhoben wurde. In Europa vollzog sich dieser Prozeß als eine Abfolge typischer Konflikte – wie beispielsweise dem Gegensatz zwischen Zentrum und Peripherie. Anders als Frankreich, wo mit der Revolution ab 1789 die überkommene regionale Gliederung zerschlagen und durch die künstlichen Departements ersetzt wurde, blieb Deutschland immer ein föderales Gebilde. In der internationalen Diskussion über Unterschiede in der Regier-barkeit galt in den Sozialwissenschaften die Entlastung des Staates durch das verbliebene Nebeneinander von Loyalitäten und damit Mehrfachidentitäten als besonderer Vorzug: Hier schien die unvollkommene Staatlichkeit der Bundesrepublik als das Organisationsprinzip, das andere Nationalstaaten zu imitieren versuchen sollten. Dies ging einher mit der staatlichen Wiederbelebung der überkommenen Regionen in den „klassischen“ Nationalstaaten Großbritannien und Frankreich. Extreme Formen nimmt dieser Prozeß zwischenzeitlich in Spanien an. ……………………………. Der Begriff „Nation“ war historisch in Europa ein Kampfbegriff gegen die damaligen politischen Ordnungen, die bei Fehlen einer Übereinstimmung zwischen Volk und Staat als illegitim charakterisiert werden sollten. ……………………………. Von heute gesehen wird deutlich, daß der Nationalstaat im Sinne des Selbstverständnisses der Französischen Republik als Modell für kaum eines der europäischen Länder wirklich paßt. Nicht wenige dieser Länder sind Vielvölkerstaaten. Generell paßte das Modell insbesondere auf die Balkan-Staaten so schlecht, daß immer wieder bewaffnete Konflikte ausbrachen. Aber selbst Länder wie Norwegen können sich nicht problemfrei mit diesem Modell identifizieren – hier ließ sich nicht einmal eine einheitliche Nationalsprache durchsetzen. Dennoch bleibt als Summe: Mehrfachidentitäten und eine effiziente politische Organisation müssen sich keineswegs widersprechen. Zweifelsfrei ging der Anstoß zur Vereinigung Europas von den politischen Führungen aus, und wirtschaftliche Eliten unterstützten die Entwicklung. Die Einstellung der Mehrheit der Menschen ist dagegen zunächst am besten durch die Wendung gekennzeichnet: „Wenn die es denn unbedingt so wollen.“ Mit der Zeit ist diese skeptische Haltung einer sehr viel stärkeren Unterstützung gewichen. Diese Entwicklung kann auf zweifache Weise betrachtet werden: als die sich aufeinander zu entwickelnden Lebensweisen und als Zustimmung zu der europäischen Integration als politischem Prozeß. Aktuell dazu: Das gilt nach allen Umfragen unabhängig von dem mehrheitlichen Nein der Franzosen und Niederländer zur EU-Verfassung. Seit 1973 werden zweimal jährlich in allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Gemeinschaft mit dem sogenannten Eurobarometer die Einstellungen der Bürger zu Europa und ihre Lebensweisen erhoben. Und so läßt sich nachweisen: Am stärksten haben sich bei den Europäern wohl die Lebensweisen verändert. Sie wurden sich um so ähnlicher, je länger ihre jeweiligen Nationalstaaten der Gemeinschaft angehörten. Die Bundesrepublik war am Vorabend der Wiedervereinigung eindeutig zu charakterisieren als westeuropäisches Land mit einer in ihren Grundeinstellungen und -orientierungen sehr stabilen und im europäischen Kontext „mittleren“ Bevölkerung. Mit einer Ausnahme – 1977 – war die Bundesrepublik in allen Analysen des Eurobarometers ein eher unauffälliges Objekt, bei dem 1987 in einem Zustand leicht apathischer und milder Mißvergnügtheit dennoch die Grundprinzipien seines politischen Systems und der Gesellschaft eindeutig akzeptiert wurden. Was wir an Unterschieden gegenüber den benachbarten westeuropäischen Ländern beobachteten, war über die verschiedenen Analysen hinweg relativ gleichförmig. Es gab also selbstverständlich Deutsche, aber nur als Variante eines für Westeuropa mittleren Typus. Bereits in den sechziger Jahren konnte mit der sogenannten Zeitbudget-Studie eine erste international vergleichende Sozialforschung über den Eisernen Vorhang hinweg erhoben werden, die es erlaubte, nationale Unterschiede als „Ost-West-Differenz“ zu deuten – auf einem Kontinuum der Unterschiede des Lebensstils im Alltag. Einbezogen waren städtische Bevölkerungen in zehn Ländern: der USA, der Bundesrepublik, Belgien, Frankreich, Slowenien, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien und der UdSSR. Nach der Auswertung der Aufzeichnungen des Tagesablaufs im Abstand von fünf Minuten durch die Probanden erwies sich die Bundesrepublik als ein Land, dessen Alltag sogar noch „westlicher“ als der Frankreichs war, eine östliche Variante eines „atlantischen“ Alltags. Dennoch war die Ähnlichkeit des Tagesverlaufs zwischen den USA und der Bundesrepublik geringer als die ermittelte westeuropäische „Familienähnlichkeit“ des Alltags. Innerhalb des östlichen Teils Europas ließen sich dagegen eine relativ westliche Gruppe (Polen, die Tschechoslowakei, Slowenien) und eine eindeutig östlichere Gruppe (UdSSR, Bulgarien) unterscheiden. Der Versuch, in der DDR einen Mini-Nationalstaat durchzusetzen, der in der Ersetzung des Begriffs der deutschen Nation durch „sozialistische Nation“ gipfelte, erwies sich im Moment der Wiedervereinigung als gescheitert. Es gab keine Nation der DDR, wohl aber beispielsweise Sachsen, und in Sachsen gab es gute oder auch weniger gute Deutsche. Und da die Europäische Gemeinschaft nicht nur die gegenseitigen Verflechtungen, sondern zugleich das Europa der Regionen bauen helfen will, war mit dem Hineinwachsen der DDR in die Bundesrepublik Deutschland nicht vorrangig der deutsche Nationalstaat wiedervereinigt worden, sondern Europa auch um einige Regionen erweitert worden. Die Bewohner des Gebietes der ehemaligen DDR wollten auf westeuropäischer Weise in Freiheit leben, und nicht Deutschtum war gefragt, sondern ein „Western European Way of Life“. Nun kommt eben als weitere Ebene der Identität das Verständnis hinzu, auch Europäer zu sein. Nach den Messungen des Euro-barometers bejahten im Frühjahr 2004 sowohl in den Ländern der bisherigen 15 Mitgliedsstaaten – hier waren es 56 Prozent – als auch der neu hinzugekommenen Ländern mit 51 Prozent Mehrheiten, sich in einem gewissem Maß auch als „Europäer“ zu sehen. Umgekehrt nannten den Verlust der kulturellen Identität lediglich 14 Prozent der Befragten in den alten und sogar nur zwölf Prozent in den neuen EU-Ländern als Merkmal der Europäischen Union. Dem entspricht, daß als wesentlicher gemeinsamer Wert unter allen Befragten in den 25 EU-Ländern die Gelegenheit genannt wurde, überall innerhalb der Europäischen Union reisen, studieren und arbeiten zu können. Für 51 Prozent der Interviewten in den alten, aber sogar 62 Prozent in den neuen EU-Ländern war dieses das wesentlichste Merkmal bei der Frage, was die Union für sie persönlich bedeutet. Die Nationalisierung der Kulturen in Europa ist unterschiedlich tief in den verschiedenen Ländern verwurzelt. Kennzeichnend hierfür ist – um nur ein Beispiel hervorzuheben -, daß eine französische Bürokratie anders als eine englische, eine deutsche Schule anders als eine italienische, ein skandinavisches Zeitungssystem anders als das der iberischen Halbinsel bleibt. Hier ist die Identität der verschiedenen „modernen“ Länder vor allem zu orten. Die Nationalisierung ist ein nicht umkehrbares Faktum, das allerdings nicht den Blick dafür verstellen darf, daß es den Kulturraum Europa nach wie vor gibt. Nirgendwo wird dieses gewachsene Selbstverständnis, Europäer zu sein, deutlicher als in der gemeinsamen Begegnung von beispielsweise Franzosen, Italienern und Deutschen mit außereuropäischen Kulturen: Treffen sie geschäftlich mit Japanern, Chinesen, ja selbst Amerikanern zusammen, empfinden sie sich als Zugehörige zum Kollektiv Europa. Die sich nun stellende Aufgabe einer Europäisierung, die zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit wird, ist Teil der allgemeinen Internationalisierung, ja Globalisierung, die für unsere Zeit allerdings kein spezifischer Vorgang ist. So gilt als der zentrale Unterschied zu früheren Formen des kulturellen Austausches, der sich vor allem auf die Eliten Europas beschränkte, daß sich immer weitere Teile auch der Alltagskulturen ebenso wie das Verständnis von Kultur und Kunst europaweit, ja sogar weltweit in zum Teil atemberaubender Geschwindigkeit verbreiten. Zugleich gibt es mehr und weniger Internationalisierung. Selbst der Siegeszug von McDonald’s, Coca-Cola oder Nestlé – von Soziologen häufig mit Schlagworten wie McDonaldization (George Ritzer) oder Cocacolization (Zdravko Mlinar) bezeichnet – steht eher für das Weniger, auch wenn die Auffassung weit verbreitet ist, die westliche Kultur ebne weltweit regionale Besonderheiten ein und ersetze sie durch einen großen Einheitsbrei. Diese universellen Konsumwelten verbinden nur oberflächlich unterschiedliche kulturelle Lebenswelten miteinander; denn obgleich McDonald’s weltweit präsent ist und die Erfolgsmarken Coca-Cola und Nescafé überall auf der Welt zu kaufen sind, müssen sie dennoch mit verschiedenen Angeboten um Kunden werben. Nescafé beispielsweise gibt es in sieben verschiedenen Geschmacksvariationen; die in Europa gern getrunkene Geschmacksrichtung von Coca-Cola läßt sich in Japan nicht verkaufen, und auch die in Japan erhältliche Coca-Cola-Variante hat mit der amerikanischen vornehmlich die Flasche gemeinsam. Die Geschmäcker sind eben lokal so stabil, daß sie durch bloße Produktwerbung nicht zu ändern sind. Für die Gesellschaften, die beides aufweisen, nämlich große Offenheit für internationale Diffusionen und Resistenz gegen Vereinheitlichung, wird in der soziologischen Literatur heute die Bezeichnung „hybride Gesellschaften“ angewandt. An solchen Konsumgütern ebenso wie bei Freizeit, klassischer wie zeitgenössischer Kunst und Musik sowie Massenmedien läßt sich das Nebeneinander von Internationalisierung und einer Beibehaltung lokaler/nationaler Besonderheiten gut aufzeigen. Dies sind zugleich im Sinn der Identifizierung einer größeren Zahl von Menschen die Elemente einer Kultur, die die Grenzen des Nationalstaates überschreiten. ……………………………. Die Nationalisierung der Kulturen in Europa ist unterschiedlich tief in den verschiedenen Ländern verwurzelt. Eine französische Bürokratie bleibt anders als eine englische, eine deutsche Schule anders als eine italienische. ……………………………. Selbstverständlich tragen auch die allgegenwärtigen Medien dazu bei, daß Europäer mit fremden Kulturen immer vertrauter werden und vor allem das, was gefällt, in ihre eigenen Gebräuche aufnehmen. Heute treffen wir auf eine Weltmusik und eine Weltkunst – neben der Weltliteratur -, die sich seit dem 19. Jahrhundert herausbildeten und die Vorläufer der heutigen kulturellen Globalisierung darstellen – mit dem Unterschied, daß sie über die Künste für Eliten hinaus durch die heutige globale Vernetzung mit den audiovisuellen Kommunikations- und Informationsmedien Radio und Fernsehen, verstärkt auch durch Video und Internet weit in die Alltags- und Populärkulturen hineingreifen. Wie bei der erforderlichen Rücksichtnahme auf den lokalen Geschmack ist auch bei der Durchdringung mit westlichen Kulturmustern zu beobachten, wie häufig diese Globalisierung begleitet wird von einer Einbeziehung lokaler kultureller Traditionen. Das geht bis hin zur Wiederbelebung oder Weiterentwicklung fast vergessener Formen des Volkstanzes, ein in der heutigen Zeit beliebtes Stilmittel, um den Tourismus aus fremden Ländern in die eigene Heimat zu locken. Auch hierfür bietet die Soziologie mit „Glokalisierung“ (Roland Robertson) ein neues Kunstwort an: globale Lokalisierung oder lokale Globalisierung ebenso wie die bereits genannte „Hybridisierung“ sind Kennzeichen unserer Zeit: die wachsende Vermischung unterschiedlichster kultureller Stile und Traditionen zu ständig wechselnden neuen Kulturformen, die Fremdes im Lokalen einbinden ebenso wie das Altvertraute dem Fremden öffnen. Als sozialer Prozeß ist die vorherrschende Entwicklung, welche die Inhalte der Globalisierung bestimmt, der teilweise Verlust der Steuerungsfähigkeit moderner Gesellschaften durch den Nationalstaat. Nun ist dieser teilweise Verlust nach einer relativ kurzen Geschichte, in der die Gleichsetzung einer Gesellschaft mit Nation dominierte, ein sehr dramatischer Vorgang. Immerhin war der Nationalstaat die formale Ordnung, die in entwickelten Ländern immer mehr Lebensbereiche durchdringen sollte. Zwar war die Penetration dieses Nationalstaates nie komplett, und in einer ganzen Reihe von Nationalstaaten wirkten regionale und lokale Besonderheiten weiter, aber die Gesellschaft der Nationalstaaten blieb für die entwickelten Länder dennoch bis Ende der acht-ziger Jahre des 20. Jahrhunderts als Ordnung dominant. In der Soziologie galten mit Max Weber und Emile Durkheim in diesen Nationalstaaten soziale Positionen für die Bestimmung von Verhalten zentral. Heute herrscht dagegen die frühe Sicht Georg Simmels vor, anstelle der sozialen Position wirke die soziale Beziehung verhaltensprägend: Angesichts der Zerklüftung von Gesellschaften moderner Prägung gibt es eine funktionale Notwendigkeit, sich je nach der Situation und dem damit verbundenen Handlungspartner anders zu geben, und jeder Mensch hat ein größeres Hand-lungsrepertoire, aus dem unterschiedliche Reaktionen je nach der Beziehungskonstellation abgerufen werden können. Beginnend mit Mark Granovetter gibt es nun eine zunehmende Tendenz in der Soziologie, Netzwerkbeziehungen als Alternative – zutreffender allerdings: als Ergänzung – zu sozialen Positionen als Grundeinheit zu behandeln. Diese größere Bedeutung von Beziehungen statt Positionen wird heute im Zusammenhang mit der abnehmenden Bedeutung von Nationalstaaten gesehen – insbesondere im Bereich kultureller Regelungen. Heute wird in der Soziologie zwischen „geschlossenen“ und „offenen Netzwerken“ unterschieden. Unseren modernen Gesellschaften, in denen Mo-bilität zur Wahrnehmung von Chancen notwendig ist, entsprechen offene Netzwerke. Geschlossene Netzwerke sind dagegen charakteristisch für vormo-derne Gesellschaften, in denen die Stabilität der Verhältnisse den Vorrang vor der Mobilität hat. Offene Netzwerke stützen eine Person nicht so sehr ab, erleichtern aber Mobilität in jeder Hinsicht: bei Wahlverhalten, Berufswechsel oder Eheauflösung. Während in einem geschlossenen Netzwerk bei Eheauflösung oder Wechsel der politischen Überzeugung ein ganzer Freundeskreis riskiert wird, besteht ein solches Risiko für offene Netzwerkbeziehungen nur jeweils für einen Teil der Bekannt-schaftsnetze. Solche Beziehungen halten auch große Verschiedenheiten zwischen den Partnern aus, wenn diese aus dem eingeschränkten Bereich der Verbindung ausgeklammert bleiben. Es ist heute selbstverständlich, daß Menschen bewußt Einflußbeziehungen in offenen Netzwerken pflegen, um Ressourcen für den Erfolg im eigenen Leben wie im Umfeld zu schaffen. So verfügt heute nach Daten des ALLBUS – der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage in Deutschland – ein durchschnittlicher Bundesdeutscher (West) über ein Bekanntschaftsnetz von 1.882 und ein aktives Netz von 556 Personen. Für den Prozeß der Europäisierung werden diese Netzwerke noch erheblich an Bedeutung gewinnen: In unseren „hybriden“, also Zwitter-Gesellschaften gewinnen nationale Kulturen und Identitäten immer mehr den Charakter einer neuen supranationalen, europäischen Einheit. „Die kulturelle Integration Europas erfolgt nicht auf dem Weg der Integration nationaler Kulturen und Identitäten, sondern auf dem Weg der Entnationalisierung von Kulturen und Identitäten und der damit ermöglichten vielfältigen Überkreuzungen, individuellen Lebensstile und individuellen Beziehungen über bisherige Grenzen hinweg. Die Träger der europäischen Kultur werden nicht Nationen, sondern transnationale Netzwerke von Individuen sein, für die nationale Zugehörigkeit eine unter vielen Zugehörigkeiten ist und die sich über nationale Grenzen hinweg so leicht vereinigen wie innerhalb der Grenzen“, schrieb Richard Münch. Die von Münch beschriebenen „transnationalen Prozesse der kulturellen Reproduktion“ bedürfen zweifelsohne der Unterstützung sowohl durch transnationale Institutionen wie durch Netzwerke. Eine unabdingbare Voraussetzung für die Möglichkeit aber, überhaupt transnationale Netzwerke zu knüpfen und zu pflegen, sind Bildung, hohe Qualifikation, Mobilität und Flexibilität. Das Latein der Eliten des Mittelalters ist in diesem Prozeß ersetzt worden durch Englisch als Lingua franca. Auch das sind keine neuen Anforderungen. In den Zeiten vor dem Ersten Weltkrieg stand jungen Bil-dungsbürgern die Welt offen: Ohne Visa konnten sie beispielsweise in die USA und selbst nach China reisen. Was sich geändert hat, ist allerdings, daß es kein Luxus mehr ist, überdurchschnittlich weltoffen zu sein, sondern ein Kriterium für denjenigen, der nicht zu den Verlierern der Europäisierung als gesellschaftlicher Selbstverständlichkeit gehören will. Dr. Ute Scheuch , 1943 in Düsseldorf geboren, ist Sozial- und Medienwissen-schaftlerin. Bundesweit bekannt wurde sie 1992 durch den zusammen mit ihrem inzwischen verstorbenen Mann Erwin K. Scheuch verfaßten Sachbuch-Bestseller „Cliquen, Klüngel und Karrieren“ (Rowohlt). Ihr hier ver-öffentlichter Text basiert auf einem Vortrag, den Ute Scheuch am 6. Juni 2005 in Görlitz vor dem Collegium Pontes der Hochschule Zittau gehalten hat.

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