Joachim Kuhs

 

Das Vergessen als reinigende Kraft

Am sechzigsten Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges in Ostasien hat sich der japanische Ministerpräsident Koizumi erneut öffentlich dafür entschuldigt, daß sein Land „durch Kolonialherrschaft und Aggression enormen Schaden und enormes Leid über die Völker vieler Länder gebracht hat“ (JF 34/05). Für diese Geste gibt es durchaus handfeste Gründe. Bereits zu Friedenszeiten war das 1910 zur Kolonie gemachte Korea, das eine lange Tradition eigener Staatlichkeit (wenn auch meist unter formaler chinesischer Oberherrschaft) aufwies, von Tokio aus einer harten Ausbeutungs- und Unterdrückungspolitik unterworfen worden – weitaus härter im übrigen als das seit 1895 in japanischer Hand befindliche Taiwan. Koreaner gehörten auch zu den bevorzugten „Arbeitssklaven“ Japans im Krieg in Ostasien. Sie wurden nicht nur in großen Mengen als „Bausoldaten“ in den besetzten Gebieten eingesetzt, sondern gut 700.000 von ihnen auch in das Inselreich selbst verbracht, zunächst auf dem Weg „freiwilliger“ Anwerbung, ab 1942 vermehrt auch als Zwangsarbeiter. Ähnliches gilt für die bis zu 200.000 „Trostfrauen“ aus Korea, meist per Zwang „rekrutierte“ Prostituierte für die eigens eingerichteten Bordelle der Streitkräfte. Über deren Entschädigung entbrannte in den neunziger Jahren in Japan eine intensive Debatte. Umfangreiche Exzesse seitens japanischer Truppen Insbesondere aber ist es die brutale Art der japanischen Kriegführung und der Behandlung der unterworfenen Bevölkerung gewesen, die die Erinnerung an die Kaiserliche Armee auch dort verdunkelte, wo sie wie beispielsweise in Indonesien und in Burma zunächst durchaus als Befreierin von weißer Kolonialherrschaft begrüßt worden war. In das Gedächtnis des Westens haben sich vor allem der Todesmarsch von Bataan auf den Philippinen und die Zwangsarbeit britischer Gefangener in Burma und Malaysia eingeprägt, während japanische Verbrechen in dem seit 1937 in China tobenden Krieg erst durch das 1999 erschienene Buch der chinesischstämmigen Amerikanerin Iris Chang über die „Vergewaltigung von Nanking“ größere Beachtung gefunden haben. In der damaligen Hauptstadt Chinas war es nach der Eroberung Ende 1937 zu umfangreichen Exzessen seitens der japanischen Truppen gekommen, die nicht nur unzählige Kriegsgefangene, sondern auch viele Zivilisten töteten sowie in großem Umfang Frauen vergewaltigten. Schätzungen über die Zahl der Todesopfer bewegen sich zwischen 40.000 und 300.000. „Nanking“ war zudem nur die Spitze des Eisberges einer zwar nicht durchgängigen aber doch vielerorten extrem brutalen japanischen Kriegführung in China. Und es war auch der Ausgangspunkt des „Trostfrauen“-Systems, das heißt die Einrichtung spezieller Militärbordelle, hinter der auch das Motiv der japanischen Armeeführung stand, die Vergewaltigungsorgien der eigenen Truppen durch eine regelmäßige „sexuelle Versorgung“ wieder einzudämmen. Neben den erwähnten Koreanerinnen gehörte eine eventuell noch viel größere Anzahl von Chinesinnen zu seinen Opfern – und auch eine Reihe von weißen Frauen in Südostasien, letztere meist „nur für Offiziere“ reserviert. Zu den japanischen Kriegsverbrechen in China gehörten auch, im Rahmen von „Feldversuchen“, der Einsatz von chemischen und vor allem bakteriologischen Waffen, die zuvor von der Abteilung 731 in der Mandschurei mit Hilfe umfangreicher Versuche an den dortigen Einheimischen entwickelt worden waren. Die Klagen der asiatischen Nationen und insbesondere auch Chinas über das Leid, das die japanische Kriegführung über sie brachte, haben zweifellos einen berechtigten Kern. Allerdings wird in den letzten Jahren verstärkt versucht, Nanking zu einem weiteren symbolischen Ort der Vernichtung im Zweiten Weltkrieg zu erklären und in eine Reihe mit Hiroshima und Auschwitz zu stellen. So lauter auch die Motive der „aufarbeitenden“ professionellen und weniger professionellen Historiker sein mögen, geschichtspolitisch sitzt hierbei die Regierung in Peking am längeren Hebel. Und diese ist offensichtlich nur zu gern bereit, die „Nanking-Keule“ zu schwingen, um das gegenwärtige Japan politisch gefügig zu machen. So hat jüngst Siegfried Kohlhammer in der FAZ (23. August) hervorgehoben, daß die Kritik aus der Volksrepublik, allen bisherigen japanischen Entschuldigungen läge keine wirkliche Reue zugrunde, vor allem der politischen Erpressung des Inselreiches und teilweise auch der Relativierung eigener Untaten diene. Für eine solche machiavellistische Interpretation spricht auch die ungewöhnliche Bereitschaft der chinesischen Regierung, im April dieses Jahres dem „Volkszorn“ anläßlich einer neuen Kontroverse über die geschichtliche Darstellung des Zweiten Weltkrieges in japanischen Schulbüchern freien Lauf zu gewähren. Es gibt somit gute außenpolitische Gründe, warum Japans Regierungen zwar bereits wiederholt, wie Kohlhammer unterstreicht, ihr Bedauern zum Ausdruck gebracht haben, sich jedoch nie auf eine intensive Schulddebatte oder ein völlig einseitiges Schuldbekenntnis eingelassen haben. Ob ihnen dabei das deutsche Beispiel warnend vor Augen gestanden hat, sich nicht in den Zustand unbegrenzter moralpolitischer Erpreßbarkeit zu begeben, darüber kann nur spekuliert werden. Wenn man die „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland zum Maßstab erklärt, fällt es jedenfalls leicht, in Japan diesbezüglich riesige „Defizite“ auszumachen. Es blieb allerdings zunächst dem niederländischen Journalisten Ian Buruma vorbehalten, die großen Unterschiede in der Akzeptanz der „Erbschaft der Schuld“ (1994) herauszustellen. Vergangenheitsbewältigung im Schintoismus unbekannt In Deutschland waren und sind solche vergleichenden Studien eher wenig gefragt. Denn sie drohen die Behauptung, daß hierzulande angeblich immer noch erhebliche Mängel im Umgang mit der eigenen „Verbrechensgeschichte“ bestehen, ad absurdum zu führen. 2004 unternahm allerdings Manfred Kittel – der bereits 1993 Ralph Giordanos „Legende von der Zweiten Schuld“ der Deutschen widerlegt hatte – einen systematischen Vergleich der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Japan (JF 06/05). Er wollte seine Auffassung untermauern, daß die notwendige Aufarbeitung in Deutschland bereits in den fünfziger und sechziger Jahren in insgesamt angemessener Art und Weise betrieben worden sei. Er stellte diese Form von Vergangenheitsbewältigung als goldene Mitte zwischen der japanischen „Verweigerung“ und der deutschen Schuld-Hybris nach 1968 dar und schloß sein Buch auch explizit mit der Frage ab, „ob es bei der Bewältigung von Ultranationalismus und Nationalsozialismus in Japan und Deutschland nicht auch andere Wege gegeben hätte, die in einem Fall weniger stark von schintoistischer Schamvermeidung und Gesichtswahrung geprägt gewesen wären und es vermieden hätten, vom notwendigen protestantischen Schuldbekenntnis teilweise zu problematischen Formen von ‚Schuldstolz‘ überzugehen.“ Ein Vergleich deutscher und japanischer Vergangenheitsbewältigung kann den japanischen Verhältnissen allerdings nur eingeschränkt gerecht werden. Für eine Beschäftigung mit der eigenen Geschichte nach dem deutschen „Vorbild“ fehlten in Japan wesentliche Voraussetzungen. Dabei spielten zunächst eine Reihe von äußeren Faktoren eine Rolle, die auch Kittel aufzählt. Japan wurde nicht in mehrere Besatzungszonen aufgeteilt, seine staatliche Kontinuität blieb erhalten, die amerikanischen politischen Säuberungsmaßnahmen waren aufgrund politischer Überlegungen weniger tiefgreifend und sparten das Staatsoberhaupt, den Tenno, aus. Auch aufgrund des anderen internationalen Umfeldes gab es nach 1952 weit weniger äußeren Druck, Kriegsverbrechen zu verfolgen. Die Opfergruppen japanischer Gewalt, vorwiegend Chinesen und Koreaner, besaßen im Kalten Krieg weder international noch innerhalb der USA auch nur ansatzweise soviel politisches Gewicht wie die Hauptopfer der NS-Gewalt, die Juden. Und zudem gestatteten die spektakulären Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki den Japanern, sich selbst vornehmlich als Opfer des Krieges zu sehen und auch international so darzustellen, was den deutschen Opfern der konventionellen Bombenangriffe und der Vertreibung nie gelang. Aber nicht nur solche äußeren Faktoren spielten eine Rolle. Anders als in Deutschland, wo von Anfang an NS-Verbrecher auch aus eigenem Antrieb verfolgt wurden und offen deutsche Schuld eingestanden wurde, zeigte die japanische Politik nach dem Ende der Besatzungszeit 1952 in dieser Hinsicht keinerlei Eifer. Als Ursache für diese von dem größten Teil der japanischen Öffentlichkeit gedeckte, ja sogar geforderte Zurückhaltung machen Kittel und viele andere vornehmlich kulturelle Ursachen aus. Das 1946 von der amerikanischen Anthropologin Ruth Benedict geprägte Begriffspaar von christlicher Schuldkultur und asiatischer bzw. speziell schintoistischer Schamkultur leistet dabei immer noch gute Dienste. Schon die am Anfang der deutschen Vergangenheitsbewältigung durchaus dominierende Vorstellung, durch ein offenes Bekenntnis zur eigenen Schuld einen kathartischen Effekt zu erzielen und Vergebung erlangen zu können, ist für die meisten, in einer schintoistisch geprägten Kultur aufgewachsenen Japaner kaum nachvollziehbar. Als die Presse des Landes in den neunziger Jahren die Nation mit der deutschen Praxis der Vergangenheitsbewältigung bekannt machte, konnte sie den Terminus nur mit „Vergangenheits-Überwindung“ übersetzen, weil für den durchschnittlichen Japaner die Vergangenheit nichts ist, das etwa aktiv und „innerlich“ bewältigt werden könnte. Vergangenheit überwindet sich vielmehr weitgehend von selbst, indem sie mit jedem Tag in eine immer weitere Ferne rückt und für die Gegenwart immer unbedeutender wird. Eine internalisierte Sündenüberzeugung und eine Vergebungsinstanz ist dem Schintoismus stets fremd gewesen, nicht das öffentliche Schuldbekenntnis, sondern das kollektive Beschweigen der peinlichen Seiten der eigenen Vergangenheit gilt als passende Reaktion. Das „Vergessen“ selbst ist die kollektiv reinigende Kraft, die den Weg zu einer besseren Praxis öffnet. Der ansonsten undogmatische Schintoismus legt zudem großen Wert nicht nur auf Reinheit und Harmonie, sondern auch auf Respekt gegenüber den Ahnen. Das führt häufig zu im Westen gern mißverstandenen Erscheinungen. Der in den Medien gern kritisierte Besuch japanischer Politiker am Yasukuni-Schrein in Tokio ist kein Ort der Heldenverehrung im europäischen Sinne, wie der Tübinger Japanologe Klaus Antoni betont hat. Die Seelen der gefallenen Soldaten (inklusive die der als Kriegsverbrecher hingerichteten Militärs), denen im Schrein eine Wohnstätte gewährt wird, bedürfen nach schintoistischer Auffassung der steten kultischen Ehrung, um nach ihrem „schlimmen Tod“ zur Ruhe kommen zu können und nicht mehr die Harmonie in der Welt der Lebenden stören zu müssen. Klage gegen die Vorfahren mit Schrecken verbunden Wieweit die Vorstellung, die „rächenden Geister“ der Kriegstoten besänftigen zu müssen, religiös im heutigen Japan noch trägt, kann dahingestellt bleiben. Selbst wo der Glaube abhanden gekommen ist, wirkt oft die tradierte kulturelle Grundhaltung nach. Innerhalb Japans kommen nicht zufällig jene, die einer japanischen Vergangenheitsbewältigung nach deutschem Vorbild das Wort reden, häufig aus der christlichen Minderheit oder es handelt sich um Intellektuelle mit einem völlig säkularisierten Bildungshintergrund, das heißt sie stammen aus Gruppen, die bei der Masse der japanischen Bevölkerung wenig Resonanz finden. Jedenfalls ist offensichtlich für die meisten Japaner die Vorstellung, das Verhalten der Vorfahren öffentlich anzuklagen, mit Schrecken verbunden. Eine ganze Generation von ihnen mittels einer Art „Wehrmachtsausstellung“ als „ewig Schuldige“ anzuklagen, würde auch im heutigen Japan von der Masse der Bevölkerung und auch der breiten Öffentlichkeit kaum anders aufgefaßt werden als ein Versuch, die Grundlagen des Zusammenlebens der Nation vollständig zu zerstören. Jene japanischen Historiker und politischen Gruppen, die die weniger schönen Seiten der nationalen Geschichte ernstlich aufarbeiten, werden wohl nur dann Erfolge außerhalb ihrer eigenen kleinen Zirkel aufweisen können, wenn sie diese kulturelle Prädisposition ihrer Mitbürger in Rechnung stellen. Vielleicht stehen dann sogar die Chancen dafür nicht schlecht, daß längerfristig die Japaner ein Pendant zu jener „goldenen Mitte“ in der Konfrontation mit den blutigen Seiten ihrer Vergangenheit erreichen werden, die nach der Auffassung Kittels die derzeit herrschende Hypertrophie deutschen „Schuldstolzes“ und deutscher Moralpolitik immer mehr verfehlt. Foto: Premierminister Junichiro Koizumi beim Besuch des Yasukuni-Schreins am 17. Oktober: Problematische Form von Schuldstolz

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