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Selbstgespräche auf Bundesebene

Auf den jüngsten Band der „Studien und Texte zur Erforschung des Konservatismus“ ist überraschend helles publizistisches Scheinwerferlicht gefallen. Das wird einer ideengeschichtlichen Aufsatzsammlung eher selten zuteil. Aber in diesem, dem bundesdeutschen Nachkriegskonservatismus gewidmeten, vom Chemnitzer Historiker Frank-Lothar Kroll edierten Band mit dem brutalen Titel „Die kupierte Alternative“ war es die Figur des Verlegers Axel C. Springer, die Lorenz Jäger (FAZ , 14. September 2005) wie Günter Zehm (JF 39/05) anzog. Hans B. von Sothens aus dem Hamburger Verlagsarchiv geschöpfte Studie über den Welt-Chefredakteur Hans Zehrer, die zugleich anhand der unveröffentlichten Korrespondenz ein Porträt Springers und eine Analyse der Verlagspolitik „vor 68“ bietet, hat eine solche Aufmerksamkeit gewiß verdient. Dabei bietet diese Sammlung Beiträge, die es mit von Sothens Doppelporträt an quellengesättigter Gründlichkeit und zeithistorischer Kennerschaft aufnehmen können. Primär ist hier an Michael Henkels Präsentation Eric Voegelins (1901-1985) zu denken, eines Schwergewichts unter den politischen Philosophen des zwanzigsten Jahrhunderts, das aber – allen von seinem Schildknappen Peter J. Opitz unternommenen Anstrengungen zum Trotz, dem Riesenwerk Resonanz zu verschaffen – wohl kein Publikum mehr finden dürfte. Denn Voegelin, ein christlich-katholisch inspirierter Fundamentalist, der sich als Apologet des „klerikalfaschistischen“ Dollfuß-Regimes in Wien exponierte und daher 1938 in die USA emigrieren mußte, hat, wie Henkel konzise nachweist, seine Modernitätskritik in einer Radikalität vorangetrieben, die sich in der Subjektivität des Mystischen verlor. Die „richtige Ordnung“, die Voegelin wiederentdecken wollte, lag im Transzendenten und habe daher nie „sozialwirksam“ werden können, weil sie nicht „kommunizierbar“ gewesen sei. Gegen die sich in den fünfziger Jahren aufbauende kulturelle Dominanz der Frankfurter Schule geriet der in München lehrende Voegelin in eine Randposition. Mit Blick auf den Titel könnte man im Falle Voegelins also sogar von einer Selbstverstümmelung sprechen. Henkels Hervorhebung dieser selbstinduzierten Rezeptionsblockade ist zugleich unter allen Beiträgen die einzige plausible, aber eben nur begrenzte Antwort auf das von Kroll einleitend thematisierte Phänomen westdeutschen Wertewandels. Zu Recht insistiert Kroll darauf, 1945 als Zäsur zu relativieren. Denn aus ideengeschichtlicher Perspektive müsse man die Epoche von 1920 bis 1960 als Einheit betrachten: „als letzte Etappe im selbstbestimmten Entwicklungsgang einer noch relativ autochthonen, genuin ‚deutsch‘ geprägten politischen Ideenlandschaft“. Ungeklärt bleibt aber, was nach 1960 so rasch den „Konsensliberalismus“ und als Folge von „68“ die komplette „Demontage konservativer Wertvorstellungen“ bewirkte, was die Attraktivität linker Ideen von „Mündigkeit“ und „Befreiung“ ausmachte, ob hier letztlich nur das Lustprinzip des Konsumismus triumphierte, so daß alle Wege dieser „Kulturrevolution“ konsequent im Supermarkt endeten, wie Peter Sloterdijk resümiert. Mit hilfloser Verwunderung haben die noch ganz im national „selbstbestimmten Entwicklungsgang“ verwurzelten konservativen Intellektuellen den Triumph der „Westlichkeit“, die „Amerikanisierung im Bereich der Alltagswelt, des Medienmarktes und der Massenkultur“ (Kroll) registriert. Den wortgewaltigsten, aber natürlich verhallenden Widerstand leistete der „Großkritiker“ Friedrich Sieburg (1893-1964). Das von stärksten Sympathien getragene Sieburg-Porträt, das Hans-Christof Kraus beisteuert, trägt dieser Ausnahmeerscheinung Rechnung und zählt zu den Glanzstücken dieses Sammelbandes. Natürlich hätte Sieburg eine Wiederentdeckung verdient, eine Neuerscheinung seiner „Lust am Untergang – Selbstgespräche auf Bundesebene“ (1954) ist nachdrücklich zu fordern, da es auch 2005 in jeder Zeile Provokationspotential bietet. Eine der vielen von Kraus zitierten Kostproben daraus mag veranschaulichen, wen er uns hier ans Herz legt: „Die Alliierten kamen 1945 mit einer festen historischen Vorstellung in unser Land, die sich (…) sehr schnell durchsetzte und in unseren Reihen viele eifrige Diener fand. Das große Alibi hieß Preußen, und der Nachweis, daß man schon immer gegen Preußen gewesen sei, genügte häufig, um den neuen Machthabern die von ihnen verlangte innere Wandlung vorzuführen. Die Willfährigkeit, mit der das deutsche Volk oder wenigstens seine gebildeten Schichten sich damals von Preußen getrennt, seine Auflösung gutgeheißen oder gar ignoriert haben, sollte nicht so schnell vergessen werden, wie peinlich es auch sein mag, daran zurückzudenken.“ Frank Lothar Kroll: Die kupierte Alternative. Konservatismus in Deutschland nach 1945. Duncker & Humblot, Berlin 2005, VIII und 347 Seiten, broschiert, 78 Euro

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