Vater der Tiefenökologie

Ich lebe meine tiefsten Überzeugungen und wünsche, daß andere das auch tun.“ Mit diesen Worten legte Arne Dekke Eide Næss sein Bekenntnis zur Ökologie nicht nur als Weltsicht, sondern auch als Lebenshaltung ab. Das Interview für die Gesellschaft für angewandte Tiefenökologie (www.tiefenoekologie.de) spiegelte das Wesen des Mannes wider, der am 12. Januar in seiner Heimatstadt Oslo kurz vor Erreichen seines 97. Geburtstages gestorben ist. Nicht nur in seinen weltanschaulichen Überzeugungen, sondern auch in seinen wissenschaftlichen Leistungen zeichnete er sich als Extremnatur aus. Mit 21 Jahren war er einer der jüngsten Norweger, die den Magistertitel erwarben. 1936 promovierte er in Wien mit der Arbeit „Erkenntnis und wissenschaftliches Verhalten“ zum Doktor der Philosophie. Seine Professur für Philosophie trat er mit 27 Jahren an. Den Lehrstuhl an der Universität Oslo hatte er von 1939 bis 1970 inne. Einfluß auf seine Philosophie hatten Baruch de Spinoza, Mahatma Gandhi und der Buddhismus. Den Dalai Lama zählte er zu seinen Freunden. Dem fernen Osten war er nicht nur geistig verbunden: 1950 nahm er an der Erstbesteigung des Tirich Mir im Hindukusch teil. Zwölf Jahre vor dem Pensionsalter gab er seine Professur auf, um sich voll der wachsenden Umweltbewegung zu widmen – „damit ich leben konnte, anstatt nur zu funktionieren“. Zur Tiefenökologie kam er nicht über abstrakte Lehrgebäude, sondern durch seine emotionale Verbundenheit mit der Natur. Das hierfür prägende Erlebnis sei ein Sommer gewesen, den er als Fünfjähriger  in den Fjorden verbrachte; die Vielfalt der dortigen Lebensformen und die majestätische Bergwelt hätten ihn spüren lassen, daß er eine Einheit mit der Natur ringsum bilde. Später fand er dieses Gefühl bestätigt, als während einer Protestaktion des indigenen Volkes der Samen (Lappen) gegen ein Industrieprojekt an einem Fluß in Lappland ein von der Polizei abgeführter Demonstrant rief: „Dieser Fluß ist ein Teil von mir!“ Diese Verbundenheit mit der Natur sei das „ökologische Selbst“, so Næss. Tiefenökologie war für Næss daher weder eine Philosophie noch eine spirituelle Haltung, sondern vielmehr Ausdruck einer Wahrnehmung der Umwelt als eines Ganzen, dessen Teil man ist, nicht dessen Gegenspieler. Den Begriff „deep ecology“ schuf Næss in dem 1973 erschienenen Artikel „The Shallow and the Deep Long-Range Ecology Movements“. Die Weltanschauung der tiefenökologischen Bewegung unterscheidet sich vollkommen von jenen, die in den letzten 300 Jahren mehr und mehr vorherrschten. Denn während jene neuzeitlichen Auffassungen vom Nutzen der Natur für den Menschen ausgehen, sehen die Vertreter der Tiefenökologie den Wert und die Würde der Natur an sich. Der Mensch ist ein Teil dieses Ganzen, eingebunden in ein komplexes Netz von Wechselwirkungen. Daraus folge, daß der Reichtum der Arten an sich wertvoll ist. „Menschen haben kein Recht, diesen Reichtum und diese Vielfalt zu verringern, außer um ihre überlebensnotwendigen Bedürfnisse zu befriedigen“, heißt es in der „Tiefenökologischen Plattform“, die Næss gemeinsam mit George Sessions in den siebziger Jahren formulierte. Næss verstand sich nicht als Politiker, war aber doch einer der geistigen Väter der norwegischen Umweltpartei (Miljøpartiet De Grønne/MDG), die ihm seit ihrer Gründung 1987 einen Ehrenplatz auf den Wahllisten sicherte und ihn 1997 zum Ehrenmitglied ernannte. Gleichwohl war sein 1970 gegründetes „Deep Ecology Movement“ alles andere als eine Vorfeldorganisation der Grünen, die in Norwegen (wie etwa die ÖDP) nur lokal Abgeordnete haben. „Wir haben eine anti-bürokratische und antizentralistische Haltung und damit konservative Ideale“, erklärte Næss: „Wenn der globale Markt bestimmt, wo es langgeht, dann verlieren wir die kulturellen Unterschiede auf dem Planeten. Also muß der Schwerpunkt auf der Dezentralisierung und der Wahrung der Unterschiede liegen.“ Eine konkrete Umsetzung seiner tiefenökologischen Vorstellungen realisierte schließlich der US-Millionär Douglas Tompkins, Ex-Chef des Modekonzerns Esprit, der durch die Schriften des norwegischen Philosophen zum radikalen Ökologen wurde. Auf der Grundlage der „Tiefenökologischen Plattform“ gründete Tompkins die Stiftung Conservation Land Trust, für die er seit 1991 im chilenischen Araukanien in großflächigem Stil immer neue Flächen Regenwald aufkaufte. Der Parque Pumalín ist mit rund einer Million Hektar Fläche das weltweit größte Naturschutzprojekt, in dem Musterhöfe biologische Landbewirtschaftung, aber auch die Renaturierung von Flächen betreiben, die durch illegalen Kahlschlag zerstört wurden. Dieses Projekt zeigt, daß ein Leben im Einklang mit der Natur möglich ist, wenn diese in ihrer Eigenart und ihrem Eigenwert geachtet wird. Bücher von Arne Næss (Auswahl): Ecology of Wisdom (Counter Point 2008), The Selected Works of Arne Næss. Volumes 1–10 (Springer 2005), Ecology, Community and Lifestyle (1989). Weiterführende Literatur:  Geseko v. Lüpke: Politik des Herzens (Arun-Verlag 2008), Franz-Theo Gottwald/Andrea Klepsch (Hg.): Tiefenökologie. (Diederichs Verlag, 1995)

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