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Bombenalarm für Politiker

Damit der materielle Wohlstand der Bevölkerung weiterhin zunimmt, muß die Wirtschaft weiterhin wachsen. Damit die Wirtschaft weiterhin wächst, müssen die Menschen das wollen. Und wenn sie es wollen, dann müssen sie sich auch entsprechend verhalten. Danach aber sieht es nicht gerade aus – ganz unabhängig von Finanzkrise und Konjunkturpaketen. Warum dies so ist, verrät ein Büchlein, das es in sich hat. Sein Titel faßt die Kernbotschaft in prägnanter Schärfe zusammen: „Der programmierte Stillstand“. Gemeint ist damit eine unangenehme Erkenntnis: Die wirtschaftlichen Wachstumsraten in Deutschland werden sich weiter abschwächen und in naher Zukunft – von kurzfristigen Konjunkturschwankungen abgesehen – auf Null sinken. Für Politiker so etwas wie Bombenalarm. Es sei denn, daß sich die Mentalität der deutschen Bevölkerung dramatisch wandelt oder unvorhersehbare technische Entwicklungen eintreten, die die Volkswirtschaft „auf gänzlich neue Fundamente stellen“. Nur diesen Schluß, so der bekannte Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel und sein Co-Autor Thomas Petersen, lassen die Untersuchungsergebnisse zu. Ihr Buch stellt sie in aller Nüchternheit dar. Schuld daran ist nicht etwa die gegenwärtige globale Finanzkrise; diese kommt in dem Buch noch gar nicht vor. Es geht allein um die Folgen der in der Bevölkerung vorherrschenden Mentalität, um „das widersprüchliche Verhältnis der Deutschen zu Wirtschaftswachstum und materieller Wohlstandsmehrung“. Das Widersprüchliche kommt in den eigenen Äußerungen der befragten Deutschen zum Ausdruck. Aber die Befragten sind sich ihrer eigenen Inkonsequenz selbst gar nicht bewußt. Wachstum wollen sie, Wohlstandsmehrung ebenso, jedenfalls im allgemeinen, aber sie selbst verhalten sich nicht danach. Ergeben haben das Befragungen, die in dem Buch vorgestellt und erläutert werden und die für die deutsche Wohnbevölkerung, wie die Autoren schreiben, repräsentativ sind. Verbale Bekundung und die Bereitschaft, das Bekundete in die Tat umzusetzen, klaffen in großen Bevölkerungskreisen auseinander. Fragt man abstrakt, ob Deutschland für materiellen Wohlstand wirtschaftliches Wachstum braucht, antworten 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung mit Ja, und zwar unabhängig davon, welcher Alters-, Berufs- oder Einkommensgruppe sie angehören. Über die Aussage „Wachstum muß einfach sein“ besteht nahezu vollständiger gesellschaftlicher Konsens. Fragt man dagegen nach dem persönlichen Wohlbefinden und danach, was die Menschen für das eigene Leben als vor- und was als eher zweitrangig betrachten, setzt nur ein knappes Drittel auf Einkommenssteigerung und Wirtschaftswachstum. „Hart arbeiten und beruflich viel leisten“ steht in der abgefragten Rangskala sogar an letzter Stelle: Wichtig ist das nur für 19 Prozent. Der hohen Wertschätzung von Wirtschaftswachstum allgemein steht konträr die geringe Bereitschaft entgegen, sich anzustrengen, um die eigene wirtschaftliche Lage zu verbessern. Insgesamt ergibt sich: Ein erheblicher Teil verkennt, daß zwischen individueller Leistungsbereitschaft und gesamtwirtschaftlichem Wachstum ein Zusammenhang besteht: Ist niemand oder sind zu wenige leistungsbereit, wächst halt auch nichts. Das Streben nach materiellem Wohlstand ist nicht zuletzt eine Mentalitätsfrage. Aber eine bloße Wertschätzung wirtschaftlichen Wachstums reicht, wie die Autoren schreiben, nicht aus, um eine gesellschaftliche Dynamik für politisch gewünschtes Wachstum in Gang zu halten oder in Gang zu setzen. Das Erreichte zu bewahren, ist vielen wichtiger, als es zu mehren. Sicherheit und Gleichheit scheint vielen erstrebenswerter als die Chancen und Risiken von Freiheit und Eigenverantwortung. Mehr noch: „Sicherheit – soziale wie innere – ist vielen ein so hohes Gut, daß sie bereit sind, dafür vieles hinzugeben einschließlich zentraler Grund- und Freiheitsrechte.“ Politiker wissen von diesen Ergebnissen bisher nichts oder unterschätzen sie in ihren Folgen. Geht das Wirtschaftswachstum zurück, sehen sie es als Fehlentwicklung und versuchen, diese mit allerlei Konjunkturprogrammen (und weiterer öffentlicher Verschuldung) zu bekämpfen. Sie verkennen, daß zu den Voraussetzungen von Wachstum nicht nur rein physische Gegebenheiten gehören (darunter: junge Bevölkerung, ausreichend Wasser, Agrarflächen, Rohstoffe, Bildung, Kapital, Innovationen, große Wirtschaftsräume), sondern auch die psychische Einstellung breiter Bevölkerungskreise. Die ist sogar entscheidend: „Ohne sie sind wirtschaftliche Dynamik und materielle Wohlstandsmehrung auf Dauer selbst dann nicht möglich, wenn alle übrigen Voraussetzungen erfüllt sind.“ Und an eben dieser einen Voraussetzung fehlt es inzwischen allzu sehr. Politiker und Unternehmen geraten damit in die Lage, wie Feldherren vor lustlosen Truppen zu stehen oder erleben zu müssen, daß sie ihnen ganz von der Fahne laufen. Am Schluß schreiben Miegel und Petersen: „Daß Deutschland einem programmierten Stillstand entgegengeht, mag eine wenig erfreuliche Aussicht sein, aber da es unwahrscheinlich erscheint, daß daran noch etwas geändert werden kann, muß man diese Tatsache zur Kenntnis nehmen und sich mit ihr arrangieren. Die Politik wird akzeptieren müssen, daß ihr die Bevölkerung nicht folgen wird, wenn sie sie zu immer größeren Leistungsanstrengungen zu bewegen versucht. Und sie wird die Menschen auf die kommende Stagnation vorbereiten müssen. Ein wirtschaftlicher Stillstand muß nicht gleichbedeutend sein mit einem subjektiven Rückgang der Lebensqualität. Er wird aber als Rückschritt empfunden werden, solange in der öffentlichen Diskussion an dem Grundprinzip ‘Ohne Wachstum ist alles nichts’ festgehalten wird.“ Meinhard Miegel, Thomas Petersen: Der programmierte Stillstand. Das widersprüchliche Verhältnis der Deutschen zu Wirtschaftswachstum und materieller Wohlstandsmehrung. Olzog Verlag, München 2008, broschiert, 128 Seiten, 12,90 Euro Foto: Mahner Meinhard Miegel: „Ohne Wachstum ist alles nichts“

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