Zwang zur Verstaatlichung

Nun hat sie auch den größten Vermögensverwalter der Welt, die Schweizer Großbank UBS, eingeholt. Die US-Hypothekenkrise zieht das angesehene Geldinstitut erstmals seit neun Jahren in die roten Zahlen. Als Folge der anhaltenden Schwierigkeiten im US-„Subprime“-Markt für risikoreiche Hypotheken werde die UBS für das dritte Quartal 2007 einen Verlust (vor Steuern) von 600 bis 800 Millionen Franken (umgerechnet 360 bis 480 Millionen Euro) ausweisen, teilte die Presseabteilung vorige Woche mit.

Im August hatte Konzernchef Marcel Rohner noch Optimismus verbreitet. Der UBS-Investmentchef Huw Jenkins ist nun zurückgetreten, UBS-Finanzchef Clive Standish wurde in den Ruhestand verabschiedet. Auch die Deutsche Bank gab vorige Woche bekannt, daß wahrscheinlich 2,2 Milliarden Euro „Wertberichtigungsbedarf“ bestehen.

Noch ist das Thema tabu. Doch die mit „neoliberaler“ Kampf-und-Dampf-Rhetorik als größte finanztechnische Innovation des Jahrhunderts gepriesene globale Liberalisierung der Geld- und Kreditmärkte endet zwangsläufig in ihrer Rücknahme, der späteren Verstaatlichung. Denn eine andere Lösung läßt die Finanzkrise mit ihren sich selber nicht mehr trauenden und disziplinierenden Akteuren nicht zu.

Staatlich überwachtes Universalbanken-System

Das Experiment mit der ungezügelten Freiheit der Geld- und Kreditmärkte ist bereits mehrfach gescheitert. Schon im 19. Jahrhundert verlangten so konträre Geister wie der antiliberale Karl Marx und der liberale John Stuart Mill dasselbe, nur mit unterschiedlicher Begründung. Marx empörte die monetäre Ausbeutung; ihn störte (auch heute wieder verständlich) der Profit der Geldanbieter (Bankherren) zulasten der Arbeiterklasse; er hätte hinzufügen können: auch der echten Unternehmergewinne. Mill sorgte sich zu Recht um die Erhaltung der Marktwirtschaft und des freien Wettbewerbs in der Krise. Sein erz- (nicht neo-)liberales Credo lautete: Die Marktwirtschaft ist mit einer ungeregelten und unkontrollierten Geldwirtschaft unvereinbar. Dies hat sich seitdem immer wieder bestätigt.

Drei Jahre vor dem Schwarzen Freitag (vom Oktober 1929) warnte der Ökonom John Maynard Keynes in „Das Ende des Laissez-faire“ vor dem, was kommen würde, wenn man der geld- und kreditwirtschaftlichen Spekulation freien Lauf ließe. Der Brite Keynes griff nur auf, was sein schwedischer Kollege Knut Wicksell bereits vor dem Ersten Weltkrieg als unerläßlich für die Rettung des Kapitalismus nachgewiesen und dringend empfohlen hatte: die Zusammenfassung aller geld- und kreditwirtschaftlichen Aktivitäten in einem staatlich überwachten Universalbanken-System.

Die Beweisführung für diese weder kommunistische, liberalistische noch sozialistische Forderung könnte nicht überzeugender und nachvollziehbarer sein. Da das Verfertigen von Papier- und Buchgeld und seine Weiterleitung als Kredit stets billiger ist als das mühsame Verfertigen von Sachgütern und das Angebot personalkostenintensiver Dienstleistungen, wird ein privates Geld- und Kreditsystem seinen Akteuren auch immer Supergewinne bescheren. Letztere werden früher oder später die Moral ihrer Betreiber und Manager untergraben – und Arroganz zu ihrem Berufskriterium machen. Wer viel verdient, hat nie genug davon. Die Spekulation – und die Heuchelei über dieselbe – sind also diesem System immanent. Wer im Fernsehen das Mienenspiel von Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann beobachtete und zu deuten wußte, braucht dafür keines weiteren Beweises.

Dennoch ist es der Bankenlobby nach jeder Finanzkrise gelungen, die in der Krise erreichte Sozialisierung der eigenen Verluste wieder rückgängig zu machen; so auch nach der deutschen Bankenkrise von 1931. Daß ausgerechnet Adolf Hitler 1935 die deutschen Großbanken wieder privatisierte, läßt nur einen Schluß zu: Sie waren bereit, seine anlaufende Kriegsmaschine großzügig mitzufinanzieren.

In der gegenwärtigen Finanzkrise streben die betroffenen Banken „lediglich“ an, ihre notleidende Passivseite (die im Übermaß aufgenommenen Kredite) mit staatlicher Hilfe sanieren zu lassen. Die westlichen Notenbanken – allen voran die US-Fed und die Europäische Zentralbank (EZB) – sind munter dabei, die bislang nur kreditfinanzierte Inflation und Spekulationsorgie an den Vermögensmärkten (Börsen) der Welt durch ihre eigene, hausgemachte Inflation zu ersetzen und Hunderte Milliarden von Zentralbankgeld der auf dem Trockenen sitzenden Bankwelt zur Verfügung zu stellen. Doch wofür? Zur Verhinderung von noch Schlimmerem: einem Flächenbrand an den Arbeitsmärkten der betroffenen Volkswirtschaften oder der Fortsetzung der alten Spekulation?

Schrottaktiva landen bei Staat und Zentralbanken

Dieselben Banken, die bislang ohne Rücksicht auf den Kreditbedarf und die Kreditkosten der Realwirtschaft (besonders des Mittelstandes) ihr Süppchen an den Börsen kochten, benutzen jetzt die akuten Sorgen der Realwirtschaft und den Fortgang der Konjunktur, um sich selber retten zu lassen. Diese Rettung läßt sich nicht auf die Passivseite der Bank- und Fondsbilanzen beschränken. Früher oder später werden Staat und Zentralbanken auch die Schrottaktiva (Hypotheken, Aktien, Anleihen, Immobilien, Derivate) der notleidenden Institute übernehmen müssen, an denen sie sich verzockt haben. Gottlob hat eine weitsichtige Bundesregierung, genauer das Duo von „Plisch und Plum“ (der Minister Karl Schiller (SPD) und Franz Josef Strauß (CSU) in der Großen Koalition der späten 1960er Jahre), Deutschlands Sparer von diesen Sorgen befreit. Dank der damals eingeführten Einlagensicherung sind hierzulande die Sparer vor den Eskapaden ihrer Bankmanager sicher (JF 41/07).

Die weltweite Bankenlobby wird in nächster Zeit alle Mühe haben, die Privatheit ihrer Schützlinge auch in Zukunft sicherzustellen. Geld, Kredit und weltweite Finanzen sind öffentliche Güter, wie Strom, Gas oder Wasser. Sie müssen daher der einseitigen Wahrnehmung privater, um nicht zu sagen privategoistischer, Interessen entzogen werden – im Interesse der Marktwirtschaft und eines Mindestmaßes sozialer Gerechtigkeit. Denn „im Geldwesen eines Volkes spiegelt sich alles, was ein Volk will, tut, erleidet – ist“, wußte schon 1930 der österreichische Ökonom Joseph Alois Schumpeter.

Prof. Dr. Wilhelm Hankel lehrt seit 1967 Währungspolitik an der Universität Frankfurt am Main. Er war unter Karl Schiller Chef der Bank- und Versicherungsaufsicht. Unter seiner Ägide entstand die Bankenenquête von 1968.

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