Freiheit bei der Liedauswahl

Bereits mit einem Unentschieden in der Auswärtspartie gegen Irland kann sich die deutsche Nationalelf am Samstag vorzeitig für die Euro 2008 qualifizieren. Dann ginge es am kommenden Mittwoch in München gegen Tschechien allenfalls noch um den Gruppensieg. Bei diesem Spiel sollte eine offizielle Fanband, zusammengesetzt aus Mitgliedern des vom DFB gegründeten „Fan Club Nationalmannschaft powered by Coca-Cola“, ihr Debüt geben.

Aufgabe dieser Kapelle wäre es gewesen, „für musikalische Unterstützung des Publikums und brodelnde Atmosphäre im Stadion“ zu sorgen. Per Videodatei sollten sich die Interessenten bewerben, eine für ein Casting gebildete Jury sollte die Entscheidung treffen, wer nun im Stadion im Auftrag des Fanclubs rocken darf, wer „neben unseren Jungs auf dem Rasen die Stars am Mikro“ sind. Die Bewerbungsfrist lief am 31. August ab.

Irgendwann wird alles komplett durchorganisiert

Wie aber inzwischen durchsickerte, wurde das vom DFB angestoßene Projekt verworfen. „Man kann doch noch etwas erreichen, wenn man den Mund aufmacht“, atmet „millers“ im internen Forum des Fanclubs (fanclub.dfb.de) auf. Dort verwahrten sich die Fans entschieden dagegen, daß ihnen die immer mehr um sich greifende Event-Kultur beim Profi-Fußball nun sogar das Singen vorschreiben sollte.

Eine Fankurve lebt von der Spontaneität und Vielfalt, nicht von aufgezwungenen und geplanten Aktionen. So richtete sich die Kritik gegen eine „Kunststimmung wie in Amerika“ und eine „Hollandisierung“ – in Anspielung auf die stets von zahlreichen Kapellen begleiteten Niederländer. „Irgendwann wird im Fußball alles so durchorganisiert sein wie ein Parlamentariertreffen im Bundestag: Eintritt nur mit Coca-Cola-Trikot, Adidas-Sportschuhen und Bitburger-Basecap“, fürchtet „svebo1971“.

Dem echten Fan, der es als seine einzige Aufgabe betrachtet, die Mannschaft zum Sieg zu schreien (empfehlenswert hierzu die Kurzvideos auf www.deutsch landfans.de), stinkt es schon seit geraumer Zeit gewaltig, wie in der Bundesliga und bei Heimspielen der Nationalelf die Stimmung vor dem Spiel, bei Toren und nach dem Abpfiff inszeniert und man in einer Lautstärke zugedröhnt wird, daß der anfeuernde Anhänger beinahe überflüssig ist. Nun also der Versuch, auch noch während des Spiels die Fangesänge zu steuern.

Der Mannschaft mehr Stimmung zukommen lassen

Warum dieser Anspruch auf totale Kontrolle? Ein Ausfluß deutscher Perfektion? Möglich. Über die Hintergründe kann nur spekuliert werden, der Schlüssel zur Lösung könnte in einer Meldung des Fachmagazins Kicker vom 22. Juni zu finden sein. Hierin heißt es unter anderem: „Die UEFA setzt ein deutliches Zeichen gegen Rassismus in den Stadien. Beginnend mit dem Endspiel der U21-Europameisterschaft am Samstag, werden künftig alle Partien sofort abgebrochen, wenn Fans die Spieler mit rassistischen Gesängen beleidigen.“

Anlaß dafür waren verbale Entgleisungen serbischer Anhänger gegenüber einem farbigen Nachwuchsspieler Englands in einer Vorrundenpartie der U21-EM. Vielleicht wollte der DFB nach unrühmlichen Erfahrungen in Polen 1996 und der Slowakei 2005 mit einer steuerbaren Fanband einfach auf der sicheren Seite sein.

Vielleicht steckt aber auch eine andere Motivation dahinter: der Mannschaft mehr Stimmung zukommen zu lassen. Denn trotz hervorragender Leistungen der Nationalelf gab es bei Heimspielen durch verstärkt angelocktes Event-Publikum auf den Tribünen auch Durchhänger und Pfiffe. Besonders bemerkenswert war deshalb der Auftritt einer Kapelle in Köln beim Duell gegen Rumänien. Die spielte nämlich in der 40. Minute beim Stande von 0:1 die Nationalhymne an. Lautstark stieg das Publikum sofort darauf ein, und plötzlich war wieder richtig Stimmung in der Bude. Noch vor der Pause fiel der Ausgleich, das Stadion kochte, und am Ende gewann Deutschland mit 3:1. Dennoch: Der Vorschlag, eine gecastete Band – wenn auch aus den Reihen des inzwischen auf 50.000 Mitglieder angewachsenen Fanclubs – in den Fanblock einzuschleusen, stellte einen Anschlag auf die gelebte Freiheit der Kurve dar.

Die Anhänger der Nationalelf wehrten sich mit Erfolg gegen diese Bevormundung. Auch künftig werden also Lieder von nicht PC-konformen Bands wie den Böhsen Onkelz („Mexico“) deutlich vernehmbar sein und nicht von einer auf Linie getrimmten Kapelle überspielt. „Die Fans suchen sich ihre Lieder selber aus und lassen sie sich nicht von oben diktieren“, stellt „millers“ klar. Zum Glück wird das (vorerst) so bleiben.

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