Sparen in Zeiten der Not

Die alte Regel "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not" steht auf dem Prüfstand. Der Bun-deskanzler ruft die Bevölkerung zum kräftigen Geldausgeben auf, um die Wirtschaft anzukurbeln. Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Franz Müntefering, möchte am liebsten das Einkommen der Bürger und damit die Konsumfreude komplett dem Staat übereignen.

Vornehmlich staatswirtschaftlich geprägte Wirtschaftsexperten sehen in dem Anstieg der deutschen Sparquote, dem Anteil des nicht für Konsumzwecke verausgabten Nettoeinkommens am Gesamteinkommen, eine Hauptursache für die anhaltende konjunkturelle Talfahrt. Übersehen wird dabei, daß zum einen viele Haushalte bereits jetzt überschuldet sind und ein ansteigender Konsum nur über Kredite finanzierbar wäre, andererseits die Furcht vor der mangelhaften Altersversorgung wächst und schließlich ein Stillstand der Sparaktivitäten zu erheblichen Engpässen bei den notwendigen Zukunftsinvestitionen führen kann.

Das konfuse Bild über Sinn und Unsinn des Sparens wird vor allem durch die widersprüchliche Bundespolitik bestimmt. Der ehemals als "eisern" gerühmte "Bundessparminister" Hans Eichel hält ebenso unbeirrt wie zunehmend unglaubwürdig an seinem Ziel eines ausgeglichenen Bundeshaushalts fest, während Regierungskollegen und mehr noch Parteigenossen einer höheren Neuverschuldung das Wort reden. Andererseits hat der Bundeskanzler mit seinem Konsumaufruf eindeutig die Bevölkerung angesprochen. Ein Sparkurs der Regierung kann durchaus mit einem ausgabenfreudigen Verhalten der Bürger einhergehen, wie auch umgekehrt geringe Ausgabenbereitschaft der privaten Haushalte durch erhöhte Staatsausgaben ausgeglichen werden kann. Gerade dies ist der zentrale Lehrsatz der nach dem britischen Nationalökonom Keynes benannten keynesianischen Wirtschaftspolitik.

John Maynard Keynes (1883 -1946), der im Ersten Weltkrieg Mitglied des britischen Schatzamtes war und wegen der seiner Meinung nach unzumutbaren Reparationszahlungen, die der Versailler Vertrag Deutschland aufbürdete, nach dem Krieg unter Protest aus diesem Amt ausschied, forderte in Zeiten der wirtschaftlichen Depression, wie er sie in den zwanziger Jahren unmittelbar erlebte, eine verstärkte Ausgabenbereitschaft des Staates, notfalls durch Schuldenaufnahme finanziert, um die Nachfrageseite der Volkswirtschaft zu stärken und damit Wirtschaftswachstum zu initiieren. Keynes, der sein wirtschaftspolitisches Konzept insbesondere im damaligen nationalsozialistischen Deutschland optimal verwirklicht sah und deshalb in den dreißiger Jahren ein Bewunderer Hitlers war, forderte allerdings auch, daß in der Phase der anschließenden wirtschaftlichen Prosperität der Staat durch reduzierte Ausgaben den zuvor angehäuften Schuldenberg abträgt.

Dies erfordert notwendigerweise staatspolitische Redlichkeit, deren Ausmaß Keynes, vor allem aber seine im Keynesianismus vereinten Epigonen fatal überschätzten. So verwundert es nicht, daß in allen Fällen, in denen keynesianische Wirtschaftspolitik in der Nachkriegszeit betrieben wurde, in den nachfolgenden wirtschaftlichen Erholungsphasen die Staatsausgaben nicht verringert, sondern – angereizt durch den höheren Steuerzufluß – sogar nochmals erhöht wurden. Ausgeben fehlt Politikern, die wiedergewählt werden wollen, leichter als vermeintliche "Wohltaten" zurückzuhalten. Die unvermeidliche Folge ist ein exorbitanter Schuldenberg, den abzutragen es insbesondere während einer Rezessionsphase der Wirtschaft enorm schwer fällt. Heute ist der Schuldenberg schlicht zu groß, als daß nochmals keynesianische Wirtschaftspolitik betrieben werden könnte.

Die nichtstaatliche Ankurbelung der Wirtschaft durch erhöhte private Konsumausgaben, ohnehin in wirtschaftlichen Depressionszeiten kaum mental begünstigt, erfordert noch mehr als die staatliche Politik ein langfristiges redliches, im ureigensten Sinne "konservatives" Denken. Wenn das Sparpolster fett ist, wäre am ehesten daran zu denken. Und darauf zielt das Sprichwort vom "Sparen in der Zeit" ab. Keiner weiß mit Sicherheit, wann die Rezessionsphase vorbei und ein umgekehrtes Verhalten mit einem Wiederaufbau des Vermögens möglich ist. Dies gilt um so mehr, wenn die erhöhten Privatausgaben über persönliche Kredite finanziert werden müßten, deren Tilgung ungewiß ist. Sparen in der Not ist damit nicht nur die logische Konsequenz, sondern auch in der Regel tatsächlich zu beobachten.

Hinzu kommt das planerische Denken in der Frist eines Lebenszyklus, das trotz des Verfalls der als bürgerlich verfemten Tugenden bei vielen immer noch präsent ist. Den meisten Bundesbürgern ist klar, daß das staatliche Rentensystem keine verläßliche, vor allem aber keine ausreichende Lösung des Problems der Altersversorgung bietet. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge in Köln hat in seiner jüngsten Studie vor einem "schleichenden Prozeß der Verarmung" gewarnt. Nach seinen Berechnungen sinkt das Verhältnis der gesetzlichen Rente zum laufenden Durchschnittseinkommen von fast 60 Prozent (1998) auf nur noch 47 Prozent im Jahre 2020.

Für das gesamte Renteneinkommen aus der gesetzlichen Rentenversicherung und zusätzlicher Alterssicherung prognostizieren die Forscher einen Rückgang auf nur noch 82 Prozent des heutigen Rentenniveaus. Selbst zur Erreichung dieses niedrigeren Niveaus ist es noch erforderlich, daß zu jedem Euro, den die gesetzliche Rentenversicherung zahlt, 80 Cent aus eigenen Ersparnissen zugeführt werden müssen. "Riester allein reicht nicht", so der Bonner Alterssicherungswissenschaftler Meinhard Miegel, der eine Verdoppelung der Sparquote von derzeit zehn Prozent des Bruttoeinkommens als notwendig berechnet, um der Altersarmut zu entgehen. Auf den Durchschnittshaushalt bezogen bedeutet dies eine monatliche Sparleistung von 113 Euro pro Rentner über dreißig Jahre – zusätzlich zur gesetzlichen Rentenversicherung und zur Riester-Rente. Wer angesichts dieser Zahlen die Bürger zum Überkonsum auffordert, um die Konjunktur zu retten, handelt unverantwortlich.

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