Pankraz, C. Morgenstern und der Beifall als Sklave

Angeblich leben wir in einer Zeit der Rückkopplung, der Interaktion, des Mitmachens und Mitredens, wo sich die Grenzen zwischen Tätern und bloßen Zuschauern verwischen. Jeder kann sich ins Internet einklinken und dort virtuelle Verabredungen treffen, sich auffällig machen, verbalen Unrat abladen. Talkshow-Runden im Fernsehen "beziehen das Publikum ein", es darf Fragen stellen und die Stammredner sogar direkt ansprechen. Gibt es überhaupt noch das "bloße, rein passive Publikum"?

Natürlich gibt es dieses "bloße Publikum", es schwillt sogar gewaltig an und differenziert sich in seiner Passivität, besonders bei den elektronischen Medien. Es gibt dort Klatscher, Schunkler, Lacher, Fähnchenschwenker, Wunderkerzenhalter, Knopfdrücker, Quotenbringer. Die "Interaktion" aller dieser Sparten ist auf die Funktion eines bloßen Resonanzbodens reduziert. Es sind nicht einmal Statisten, sondern Automaten, die zwar gebraucht werden, um den Akteuren zur Wirkung zu verhelfen, deren "Aktivität" aber von außen genau festgelegt und aufs Engste begrenzt ist.

Ein Klatscher, der im Komödienstadl plötzlich nicht mehr klatschte, sondern aufspränge und mitmarschieren wollte, würde von den Saalordnern sofort, wenn nötig gewaltsam, entfernt werden. Jeder Klatscher ist sich seiner Resonanzfunktion denn auch wohl bewußt, speziell wenn das Klatschen ins Rhythmische übergeht und die Kamera sichtbar ins Publikum schwenkt. Dann mischt sich in die freundlich-beflissenen Publikumsgesichter sofort professioneller Ernst, ja, Verbissenheit, und das rhythmische Klatschen nimmt Maschinentakt an.

In der Antike wurden für die rhythmischen Klatscharbeiten bei den Chören und Tragödien, für das sogenannte Bordun-Schlagen, Sklaven eingesetzt. Heute gehen die Leute freiwillig hin, bezahlen sogar Eintritt dafür, daß sie klatschen oder lachen dürfen. Klatscher oder Lacher kommen nicht spontan, sondern der Showmaster fordert dazu auf; manchmal erscheinen auch Schilder mit der Aufschrift "Beifall!" oder "Lachen!", und das Publikum klatscht oder lacht dann.

Reine Klatscher- und Zuschauer-Mentalität breitet sich aus und überspült alle gelegentlichen Aufforderungen zum aktiven Mitmachen. Daran ändert auch die Dauerabstimmerei nichts, die ewigen Umfragen und "Teds", im Gegenteil, sie erziehen ihrerseits zur Passivität, erzeugen die Illusion, daß es im Leben mit bloßem Ankreuzen und Knopfdrücken getan sei, daß man nicht mehr fragen müsse, sondern nur noch mechanische Antworten auf vorgefertigte Fragen zu geben brauche.

Hinzu kommt etwas, das Pankraz die "digitale Verarmung" des öffentlichen Lebens nennen möchte. Umfragen und Teds lassen meistens (und mit zunehmender Häufigkeit) nur ein Ja oder Nein zu, ein Entweder/Oder, Beifall oder Buhruf. Die Fragen sind digital aufbereitet, künstlich vereinfacht, primitivisiert, so daß sich jeder Tölpel zuständig fühlen darf. Daß sowohl Gott als auch der Teufel im Detail wohnen, daß es auf die Valeurs und die kleinen Unterschiede ankommt, tritt ihm nicht in den Sinn.

Er drückt auf den Knopf und kann sich zufrieden zurücklehnen, er hat seine Schuldigkeit getan und begnügt sich fortan mit Zuschauen. Den wirklich Handelnden, so mag man zunächst glauben, dürfte das nur recht sein. Sie haben die Masse ruhiggestellt und können sich nun ihren elaborierten Geschäften widmen, ohne ignorante Einreden oder sonstige Störungen befürchten zu müssen. Alle sind, so scheint es, zufrieden.

Nur das Ganze nimmt wieder einmal Schaden. Ein Politik- und Kulturbetrieb, der sich säuberlich in Zuschauer und Akteure aufteilt, dabei aber doch gänzlich vom Beifall und Knopfdrücken der passiven Zuschauer, von der "Quote", abhängig ist, der ohne das ständige rhythmische Klatschen und Bordun-Schlagen gar nicht mehr leben kann und zudem jede Frage an den Zuschauer krampfhaft digitalisieren muß, ein solcher Betrieb bringt sich um jede Originalität und innovative Kraft.

Er digitalisiert sich am Ende selber: Auf der einen Seite zynische Quotenbediener, die nur noch Knopfdrücke zählen und sich voll nach der Decke der Bequemlichkeit strecken, auf der anderen Puristen, die sich verachtungsvoll von Knopfdrückern und rhythmischen Klatschern abwenden und dabei das Kind mit dem Bade ausschütten, sich die Quellen verschließen, aus denen letztlich jede Art von Kultur schöpfen muß. Genau dies ist der Stand, den wir heute in Deutschland erreicht haben. Die Kalamität liegt am Tag, und jeder, der sehen will, sieht sie.

Vieles muß sich ändern, und man könnte schon mal den Anfang machen beim Arrangement der medialen, televisionären Bräuche. Die wahrhaft blödsinnigen Teds besonders bei den privaten Sendern könnten eingeschränkt werden, ebenso bei den volkstümlichen Musiksendungen die minutenlangen Fahrten der Kamera durch stumpfsinnig klatschende und fähnchenschwenkende Zuschauermassen.

Überhaupt wäre zu fragen, wieviel kostbare Sendezeit gewonnen würde, wenn man das Zeigen klatschender Massen ein wenig abkürzte. Die Sendungen würden dadurch nicht das geringste an Stimmung und Hautnähe verlieren, denn das gezeigte Klatschen ist, wie gesagt, maschinenhaft, Sklavenarbeit, und steigert die Laune keineswegs, dämpft sie eher.

"Es ist etwas Herrliches, wenn in das Händeklatschen einer Menge jenes Elementare kommt, das ich das Mark des Beifalls nennen möchte." Dies schrieb der große Dichter und Menschenkenner Christian Morgenstern voller Begeisterung nach einem seiner gelungenen, beifallumrauschten Auftritte im Berliner Überbrettl. Keine Frage, jeder Künstler (und auch jeder Politiker) braucht den Beifall. Es kann aber nie und nimmer der Beifall abgerichteter, digitalisierter Knopfdrucksklaven sein.

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