Die Lehren aus dem Kollaps

Da rast der See und will sein Opfer haben“ (Friedrich Schiller, „Wilhelm Tell“). Europas Bürger schockt die globale Finanzkrise. Renommierte Banken stürzen ein wie Kartenhäuser, die Lebensersparnis vieler Menschen ist in Gefahr. Werden die Staaten den globalen Kapitalismus retten? Wie vor achtzig Jahren? Damals ging die Bankenkrise von Österreich aus: 1931 brach die Wiener Creditanstalt zusammen und löste eine Kettenreaktion von Anschlußkonkursen im benachbarten Deutschland aus: Dort hatten bis 1932 sechs Millionen Menschen, ein knappes Drittel aller Arbeitnehmer, ihren Arbeitsplatz verloren; die privaten Großbanken (bis auf eine) mußten verstaatlicht werden. Dann kann Hitler. Doch als das Finanzgewitter abzog, reprivatisierte der Diktator die verstaatlichten Privatbanken wieder. Die Motive sind bis heute unklar. Vieles spricht dafür, daß ihm die Bankherren ihre Bereitschaft signalisierten, an seiner Aufrüstungsfinanzierung mitzuwirken. Diesmal geht die Krise von den USA, dem Herzland des globalen Finanzkapitalismus aus. Sie ist inzwischen in Europa angekommen und hat den Brennpunkt gewechselt. Aus der Teilkrise des US-Hypothekenmarktes, die den Anstoß gab, ist die globale Krise der Banken und ihres Engagements in Derivaten geworden. Dabei handelt es sich um verbriefte Schulden und Forderungen der Banken untereinander, die am weltweiten Inter-Bankenmarkt gehandelt werden. Richtiger wäre zu sagen: gehandelt wurden. Denn dieser Markt ist wegen des Mißtrauens der Banken untereinander zum Erliegen gekommen, ist zusammengebrochen. Warum ist das ein Unglück? Erstens wegen seines astronomischen Volumens. An diesem Markt stehen sich 500 Billionen US-Dollar an Forderungen und Verpflichtungen gegenüber: das Zehnfache des Welt-Bruttoinlandsprodukts von 50 Billionen US-Dollar. Das heißt: Neunzig Prozent dieser „Wertpapiere“ sind gar keine echten, werthaltigen Papiere, denn hinter ihnen steht keine reale Wertschöpfung oder Sparleistung. Es handelt sich um eine in den Bankbüchern aufgetürmte Pyramide von aus Bankschulden der einen finanzierten Bankkrediten der anderen — ein Taschenspieler-Trick der Bankbuchhalter und der dümmste und gefährlichste Turmbau seit Babel (JF 42/08). Stürzt die Pyramide ein, begraben ihre Trümmer nicht nur die Banken unter sich, sondern eine Vielzahl rentabler Unternehmen und Arbeitsplätze. Wie so oft in der Geschichte des Finanzkapitalismus müssen die Opfer — die Geschäfts- und Arbeitswelt — für den Leichtsinn der Verursacher, der Banken, zahlen. Zweitens: Mit dem weltweiten Derivate-Handel hat sich die Bankwelt einen Markt erschlossen, der sie von der Aufsicht ihrer Zentralbanken (und deren Refinanzierungskrediten) wie auch dem Einlagengeld der Sparer (als Geldlieferanten) abkoppelt. Mit Hilfe des Bank-zu-Bank-Kredits auf Schuldenbasis haben sie sich ihr selbstfinanziertes Kreditgeld geschaffen — jenseits aller bisherigen Begrenzungen und Kontrollen! Diese Chance haben sie in den letzten Jahren weidlich genutzt und der Welt vorgeführt, wie man Geld mit Geld verdient (und wieviel!) ohne harte Arbeit und reale Investition. Denn der Investmentbanker „investiert“ in vorhandenes Kapital auf dem Papier und schafft kein neues; er generiert weder reale Wertschöpfung noch neue Arbeitsplätze. Daraus erhellt drittens, wie undurchdacht und gefährlich es ist, wenn jetzt wohlmeinende, aber schlecht beratene Regierungen glauben, sie müßten den Bestand und die Weiterarbeit des gesamten Bankwesens mit all seinen internen Schulden und Forderungen gewährleisten. Einen legitimen Anspruch auf Rettung haben nur die ehrlich verdienten Privatvermögen, nicht aber die Banken, die diese durch ihren Leichtsinn hochgradig gefährden. Allein die Unsummen, die nun zur Rettung des Bankwesens in der westlichen Welt aufgebracht werden sollen (700 Milliarden US-Dollar in den USA, 500 Milliarden Euro in Deutschland), zeigen an, wie zerstörerisch diese Globalgarantie ist oder wäre, würde sie in vollem Umfange in Anspruch genommen. Sie würde Staat und Steuerzahler überfordern und, auf die Zentralbanken abgewälzt, die Währungen ruinieren. Die daraus resultierende Inflation würde atemberaubend galoppieren. Deswegen ist die einzig sinnvolle Reform, das in den Bankbilanzen ausgewiesene echte Geld (aus Kundeneinlagen und Kundenanlagen) vom unechten der Bankschulden und -kredite zu trennen. Die Staaten haben für die Opfer der Finanzkrise durch Schuld(en) der Banken zu sorgen und sind daher auch in der Pflicht, das erstere zu garantieren. Für das Buchgeld der Banken sind sie weder zuständig noch verantwortlich. Der Berg dieser Inter-Bankschulden und      -kredite gehört in einen (oder mehrere) Bankfonds eingebracht und dort thesauriert. Dort könnten diese „Werte“ dann in einem mehrjährigen Zeitraum von den betroffenen Banken abgearbeitet — getilgt — werden. Auf diese Weise würde vermieden, daß aus einer Krise in den Büchern der Banken eine reale Krise für die arbeitende, produzierende und sparende Menschheit wird. Selbst wenn darüber einige der angesehensten Banken Konkurs anmelden oder Fusionen eingehen müßten: Der „unverzockte“ Teil der Bankwelt ist stark und gesund genug, zu verhindern, daß daraus eine Kreditkrise für die Wirtschaft entsteht und ein Versiegen des Kredithahns und unbezahlbare Zinsen drohen — was weder ein Konjunkturprogramm gegen den drohenden Abschwung und das Angstsparen in der Bevölkerung ausschließt. Wichtiger ist, daß sich nach dieser Rettungsaktion das Ganze in einigen Jahren nicht wiederholt. Die Staaten müßten (endlich) lernen, daß es noch nie ausgereicht hat, nur das offizielle (Bar-)Geld zu kontrollieren und leidlich stabil zu erhalten; die freie Produktion von privatem Bank- oder Kreditgeld gehört ebenso dazu. Nur: Die Bankwelt versteht es, für ihr Geschäft — das Angebot von Krediten — ein Privileg einzufordern, das es für niemanden auf der Welt gibt: nämlich Geld in eigener Werkstatt nach Belieben und Geschäftsinteresse herstellen zu können. Für ihr privat geschaffenes Geld, den Kredit, der die Banken nur Bruchteile seines Markt- und Rückzahlungswertes kostet, gibt es weder eine reale noch gesetzliche Grenze — zumal dann nicht, wenn die Banken dieses Geld weder aus Rücklagen (Kapital) noch aus realen Einlagen (Ersparnissen) „decken“ müssen, sondern aus Schulden, die sie selber bei anderen Banken eingehen. Die Banken leihen als Kredit ein Geld aus, das sie selber nicht haben, sondern schulden! Und das seit Hunderten von Jahren, seit es sie gibt. Doch das schier Unglaubliche an dieser Geschichte ist, daß die Banken im trauten Verein mit Wissenschaftlern, Experten und Medien diese Kunst des „Kreditbetrugs“ als die jeweils größte geld- und banktechnische Innovation ihrer Zeit vermarkten und einem unbedarften Publikum glaubhaft machen! So auch wieder in dieser bislang „globalsten“ Krise des krisenreichen Kapitalismus. Im globalen Finanzsystem der Gegenwart ist es der „Hochfinanz“ der Spitzenbanken gelungen, sich von Staat, Zentralbank (als Anbieter „letzter“ und gesetzlicher Liquidität) und dem Sparer als Geldlieferanten unabhängig zu machen. Die Finanzwelt finanziert sich selbst, und zwar ohne Rücksicht auf Kaufkraft (Inflation), Börsenklima (asset inflation) und Crash-Gefahr. Was daraus folgt, ist ebenso einfach wie konsequent: Wenn das Kreditgeld der Banken im Kursverhältnis 1:1 zum Geld des Staates und seiner Zentralbank der Wirtschaft und dem Publikum zur Verfügung gestellt wird, dann muß es auch denselben Kontrollen unterliegen wie dieses. Denn nur dann können die Banken ihr der Öffentlichkeit gegebenes Versprechen, ihr Geld (Kredite wie Einlagen) jederzeit im Verhältnis 1:1 in Bargeld einzulösen, auch wirklich einhalten. Davon sind sie in dieser Krise (wie auch jeder früheren) weit entfernt. Deswegen läßt sich die „unendliche Geschichte“ der Finanzkrisen im Kapitalismus nur unterbrechen, wenn Geld- und Kreditkontrollen identisch werden und diese Kontrollen ihre gesetzliche Verankerung finden. Dabei ist weniger der (noch) nicht-existente globale Gesetzgeber gefragt, sondern der nationale. Wenn Banken, Fonds und anderen Kapitalsammelstellen verboten wird, unechte, aus Bankschulden resultierende Wertpapiere (Derivate) anzukaufen — so wie sie früher das Geld der Sparer nur in mündelsicheren Papieren anlegen durften —, käme das spekulative Banken-Karussell zum Stillstand. Das Spekulieren in Renditepapieren mit unkalkulierbarem Risiko hörte auf. Der Bankkredit würde wieder, was er volkswirtschaftlich immer sein sollte: die weitergereichte Kaufkraft der Sparer — und keine inflationär (und betrügerisch) aus dem Nichts geschaffene. Europa spielt in diesem Szenario — wie auch in der Realität des gegenwärtigen Krisenmanagements — keine große und allzu glückliche Rolle. Die Euro-Währung behindert das Krisenmanagement eher, als daß sie ihm hilft; denn der gemeinsamen Währung fehlt das gemeinsame Bank-Aufsichtsrecht. Aber auch die freiwillige Selbstkontrolle der Banken hat auf ganzer Linie versagt. Die Regelung „Basel I“, die Bindung der Kreditschöpfung an das Eigenkapital der Banken, wurde vom Hauptsünder, den USA, nicht ratifiziert. Die US-Zentralbank unter Alan Greenspan lehnte jahrzehntelang alle Kontrollen des Derivate-Marktes ab. Und „Basel II“, als Risikoschutz konzipiert, konnte nicht verhindern, daß ausgerechnet die risikoreichsten Papiere, die Derivate, nicht erfaßt wurden. Gerade sie erweisen sich nun als Auslöser des jetzt drohenden Finanzinfarktes. Und noch eine Lehre hält die gegenwärtige Krise für ihre Manager bereit: Staat und Währung gehören zusammen und dürfen nicht getrennt werden. Diese Ehe ist an die 3.000 Jahre alt, auch wenn sie nicht immer glücklich war. Nur: Wer sie auflöst und das Geld, ein „öffentliches Gut“, zur Privatsache erklärt und das Geld der EU-Staaten einer Nicht-Regierungsinstitution (NGO) anvertraut, nämlich der keinem Staat rechenschaftspflichtigen Europäischen Zentralbank (EZB), riskiert das Schlittern in die Finanzkrise auf zwei Wegen, die zusammenlaufen können: den unseriösen Bankgeschäften und der Abdankung des Staates als Krisenmanager. Denn mit der Kontrolle über die Währung verliert der Staat seine beiden monetären Steuerungsinstrumente: den Zins und den Wechselkurs. Er kapituliert vor einer von Egomanen gelenkten Kreditwirtschaft und gefährdet den Ruf der Demokratie. Politiker eines hilflosen Staates müssen sich nicht wundern, wenn sie das Volk nicht mehr wählt! Der Ausweg aus der Finanzkrise kann daher nur in der Rückkehr zu den alten nationalen Währungen und Aufsichtsrechten bestehen; denn nur in einer nationalen Geldverfassung kann der Bürger vor den Gefahren einer globalen, unkontrollierbaren Welt geschützt werden. Die Politiker, die Europas Völker mit ihren falschen Analysen („Der Euro führt zur politischen Union“) und Versprechungen in die Sackgasse der sich jetzt abzeichnenden Katastrophe gelockt haben, bekämen die Chance, etwas von dem Schaden gutzumachen, den sie angerichtet haben. Ergreifen sie diese Chance nicht, droht ihnen dieselbe Verachtung, wie sie den Bankmanagern in der gegenwärtigen Finanzkrise zuteil wird. Erst wenn das grenzenlose Kreditgeschäft aufsichtsfreier Banken und die staatenlose Euro-Währung als fatale Irrwege der monetären Evolution erkannt und zurückgenommen werden, liegt das Zeitalter der vom Finanzsektor ausgelösten Wirtschafts- und Sozialkrisen hinter uns. Geld, Kredit, Markt, Weltwirtschaft und die europäische Integration dienten dann nicht mehr der unangemessenen Bereicherung einiger, sondern dem „Wohlstand der Nationen“ (Adam Smith) — aller, nicht einiger.   Prof. Dr. Wilhelm Hankel war Direktor der Kreditanstalt für Wiederaufbau und Ministerialdirektor unter Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD). Seit 1967 lehrt er Währungspolitik an der Universität Frankfurt am Main. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt „Der europäische Bundesstaat ist tot“ (JF 28/07). Foto: Druck von Euro-Banknoten in der Bundesdruckerei Berlin: Das grenzenlose Kreditgeschäft mit Buchgeld und die staatenlose Euro-Währung sind fatale Irrwege des Geldwesens

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