Die schwere Hypothek für einen Neuanfang

Fast genau ein Jahr nach Abschluß des Waffenstillstandes im November 1918 behauptete der ehemalige Chef der 3. Obersten Heeresleitung (OHL), Paul von Hindenburg, vor einem Untersuchungsausschuß der Deutschen Nationalversammlung zu den Ursachen der deutschen Niederlage, daß „uns nicht die Truppen der Entente (…) besiegt“ hätten, „sondern Deutschlands ärgster Feind, das eigene Volk (…) den Zusammenbruch herbeigeführt“ habe. In diesem Zusammenhang sprach er von einem „Dolchstoß“ in den Rücken des kämpfenden Heeres. Damit hatte der alte Feldmarschall den Grundstein zu einer der wirkmächtigsten politischen Legenden der Zwischenkriegszeit gelegt, die das Ansehen der ersten deutschen Republik und ihrer tragenden politischen Kräfte nachhaltig untergrub. Heutige historische Darstellungen zur Geschichte der Weimarer Republik legen deshalb durchweg Wert darauf, diese „Dolchstoßlegende“ zu widerlegen, das heißt sie als bloße Taktik der 3. OHL zu entlarven, die von ihr zu verantwortende, eindeutige militärische  Niederlage Deutschlands den neuen demokratischen Kräften aufzuhalsen. Das ist der Sache nach durchaus berechtigt. Aber es erklärt nicht, warum nach 1918 viele Deutsche diese Legende als plausible Erklärung für die Niederlage im Ersten Weltkrieg akzeptierten. Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, der in zwei Phasen von deutschen Erfolgen und Eroberungen und dann deutschen Niederlagen und Rückzügen zerfällt, stand die militärische Entscheidung des Ersten Weltkriegs vier Jahre lang auf des Messers Schneide. Bis Ende 1917 war es den Deutschen an der entscheidenden Westfront dabei stets gelungen, allen gegnerischen Angriffen standzuhalten. Ab dem Herbst 1917 ergab sich sogar eine deutliche Verbesserung ihrer Lage. Nach der Oktoberrevolution fiel Rußland als militärischer Gegner aus, während die im April in den Krieg eingetretenen USA militärisch noch eine Zeitlang nicht nennenswert in Erscheinung treten konnten. Der am 3. März 1918 geschlossene Friede von Brest-Litowsk mit Rußland verschaffte dem Reich und seinen Verbündeten zudem einen großen Einflußraum in Osteuropa, der die Hungerblockade zu neutralisieren versprach. Den deutschen Armeen im Westen bot sich im Frühjahr 1918 noch einmal die Chance, im großen Stile offensiv zu werden. Tatsächlich gelang es ihnen ab Ende März auch, eine Reihe von tiefen Einbrüchen in die gegnerische Front zu erzielen und die Ententemächte in erhebliche Bedrängnis zu bringen. Doch für die gänzliche Niederringung des Feindes reichten die eigenen Kräfte am Ende nicht aus. Damit war die militärische Entscheidung des Krieges endgültig gefallen. Der letzte militärische Trumpf der Deutschen war ausgespielt worden, ohne zu stechen. Nicht so auf der Gegenseite. Ab Juli 1918 gingen Briten, Franzosen und die nun rasch in immer größerer Stärke in Erscheinung tretenden Amerikaner zum Angriff über. Zwar gelang auch ihnen kein operativer Durchbruch, aber doch das stete Zurückdrängen der zuvor unerschütterlichen deutschen Westfront. Allerdings konnte das deutsche Heer bis zuletzt den Frontzusammenhang wahren. Weil sich die militärische Gesamtniederlage nicht in solch unzweideutigen Ereignissen wie großen verlorenen Schlachten niederschlug, sondern nur aus einem unerklärlichen, plötzlichen Zusammenbruch des Widerstandswillens zu resultieren schien, fand die Dolchstoßlegende bei vielen Deutschen Glauben. Denn für einen solchen Zusammenbruch mußte es doch politische Gründe geben, etwa den Umsturz vom Herbst 1918 und das Wirken der „Novemberverbrecher“. Tatsächlich verhielt es sich umgekehrt: Der politische Umsturz hatte militärische Ursachen. Als Ende September 1918 eine Kette neuer alliierter Großoffensiven an der Westfront begann und der Zusammenbruch des bulgarischen Bundesgenossen die gesamte Position der Mittelmächte auf dem Balkan zum Einsturz brachte, forderte der eigentliche Lenker der 3. OHL, Erich Ludendorff, die zivile Reichsregierung auf, sofort einen Waffenstillstand auf der Basis der noch halbwegs gemäßigt wirkenden 14 Punkte Wilsons herbeizuführen (JF 39/08). Im Zusammenhang mit dem deutschen Ersuchen vom 3. Oktober an den US-Präsidenten, einen solchen zu vermitteln, wurde durch Bildung einer neuen, vom Vertrauen der Mehrheitsparteien des Reichstages (SPD, Zentrum Linksliberale) getragenen Reichsregierung unter Max von Baden auch die Parlamentarisierung des Landes in die Wege geleitet. Diese „Revolution von oben“ sollte innenpolitisch den Schock der Niederlage abfedern. Vor allem aber sollte sie eine wichtige äußere Bedingung für einen Waffenstillstand schaffen, da Wilson diesen von einer Demokratisierung Deutschlands abhängig machte. Nach dem ersten deutschen Ersuchen entspannte sich zunächst ein längerer deutsch-amerikanischer Notenaustausch, in dem die neue deutsche Regierung einige Mühe mit dem Nachweis ihres demokratischen Charakters hatte. Am 26. Oktober erklärte sich Wilsons Außenminister Robert Lansing schließlich dazu bereit, einen Waffenstillstand mit allen Feindmächten zu vermitteln, der allerdings Deutschland jede Möglichkeit zur Wiederaufnahme des militärischen Widerstandes nehmen müsse. Ludendorff wollte unter diesen Umständen den Kampf wieder aufnehmen, doch setzte Prinz Max beim Kaiser seine Absetzung und die Annahme der amerikanischen Bedingungen durch. Nach Herstellen des Einvernehmens mit den europäischen Alliierten teilte Lansing dann am 5. November die Bereitschaft zum Abschluß eines allgemeinen Waffenstillstandes auf Basis der 14 Punkte Wilsons mit. Am 8. November nahm die von Matthias Erzberger (Zentrum) geleitete deutsche Delegation in Compiègne die überaus harten Waffenstillstandsbedingungen entgegen (Rückzug der deutschen Truppen hinter den Rhein, Übergabe schweren Kriegsgerätes, der U-Boote und der Hochseeflotte, Aufrechterhaltung der Hungerblockade). Am Morgen des 11. November unterzeichnete Erzberger den Waffenstillstand, der noch am selben Tag in Kraft trat. In der Zwischenzeit waren in der Heimat die politischen Verhältnisse ins Rutschen geraten, obwohl die Parlamentarisierung Deutschlands durch das „Gesetz zur Veränderung der Reichsverfassung“ vom 28. Oktober rechtlich fixiert und erweitert worden war. Mit dieser „Oktoberverfassung“, die das Reich in eine parlamentarische Demokratie umwandelte, war verfassungspolitisch nahezu alles erreicht worden, was die Mehrheitsparteien im Reichstag einschließlich der SPD 1917/18 angestrebt hatten. Doch wie oft in der Geschichte hatte das offensichtliche Versagen der alten Eliten und die aus Schwäche eingeleiteten Versuche zum Systemumbau von oben eine völlige Desorientierung der bisherigen Stützen und Anhänger des alten Systems, aber auch der breiten Masse des Volkes zur Folge. Bereits als den Deutschen im Sommer 1918 klar wurde, daß trotz aller Teilerfolge ein entscheidender Sieg im Westen unmöglich geworden war, hatten in der Truppe und in der Heimat rasch die allgemeine Kriegsmüdigkeit und der Wunsch, schnell zu einem weitere Leiden ersparenden Frieden zu gelangen, die Oberhand gewonnen. Das Eingeständnis, eines Waffenstillstandes zu bedürfen, ließ Anfang Oktober endgültig jede Bereitschaft zur Fortsetzung des Kampfes zusammenbrechen. Da sich der deutsch-amerikanische Notenwechsel über einen Waffenstillstand zunächst noch hinzog, wuchs bei Teilen des Volkes das Mißtrauen, daß die Beendigung des Krieges durch die alten Machthaber in Staat und Armee torpediert wurde oder werden könnte. Die Ängste vor einem Scheitern der Friedensbemühungen wurden durch gravierende Fehler der alten Eliten wiederholt genährt. Als auslösender Funken für das Umschlagen dieser Ängste in einen offenen Aufstand erwies sich schließlich eine (ohne Information der Regierung oder der OHL geplante) Aktion der Seekriegsleitung unter Admiral Reinhard von Scheer. Diese wollte Ende Oktober einen Vorstoß der seit 1916 untätigen Hochseeflotte unternehmen, um einen Entscheidungskampf mit der Royal Navy auszufechten und gegebenenfalls mit wehenden Fahnen unterzugehen. Für die meisten Matrosen sah es so aus, als ob sie nun „auf den letzten Drücker“ noch sinnlos geopfert werden sollten. Sie reagierten darauf zunächst „nur“ mit der Verweigerung der Ausfahrt. Die Marineführung gab daraufhin das Unternehmen auf, versuchte jedoch, die Flotte durch eine unglücklich gehandhabte Kombination von Konzessionen und Repressionen wieder in den Griff zu bekommen. Diese ließen am 3. November den zunächst eher unpolitischen „Militärstreik“ der Matrosen in Kiel zu jenem veritablen Aufstand gegen das alte System eskalieren, der den Beginn der Revolution von 1918 markiert. Diese Revolution war sowohl in ihren wichtigsten Voraussetzungen als auch in ihrem unmittelbaren Anlaß Folge der Niederlage im Krieg und der Notwendigkeit, diesen zu beenden. Zugleich wurde ihr Schicksal durch diese Notwendigkeit entscheidend beeinflußt. Oft übersehen wird, daß Wilson und die Ententemächte 1918/1919 wiederholt zu verstehen gaben, daß sie nicht nur einem „autokratischen“, sondern auch einem „bolschewistischen“ Deutschland einen Waffenstillstand bzw. den Frieden verweigern würden. Vor dem Hintergrund fortgesetzter alliierter Militärinterventionen in Rußland war das kaum als leere Drohung abzutun. Vom Standpunkt guter Patrioten wie Ebert und Scheidemann gesehen war es unabdingbar, daß die Novemberrevolution — die ja aus dem Bestreben heraus erwachsen war, den Krieg definitiv zu beenden — rechtzeitig „gedrosselt“ wurde, um eine uferlose Ausweitung dieses Krieges zu verhindern. Auch deshalb stellten sich diese Sozialdemokraten am 9. November an die Spitze der unvermeidbar gewordenen Revolution in Berlin — um dann dieser die Spitze abzubrechen. Fotos: Unterzeichnung des Waffenstillstands von Compiègne am 11. November 1918 mit Marschall Ferdinand Foch als Leiter der alliierten Delegation (rechts mit Kappe) und Matthias Erzberger (links mit Brille) für das Deutsche Reich: Gravierende Fehler der alten Eliten; Dolchstoß-Mythos: Unerklärliches und plötzliches Ende

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