Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Das unheimliche Parallelsystem

Misha Glenny arbeitete als Journalist für den Guardian und die BBC. Seine umfassende Studie über das organisierte Verbrechen und seine weltweiten Verkehrsformen hat mittlerweile die Bestsellerlisten gestürmt. Es ist gewissermaßen eine soziologische Arbeit, denn er möchte die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge begreifbar machen. Dabei greift er allerdings viel zu weit, denn für ihn stellt sich organisiertes Verbrechen als Regelverstoß sowohl im Kaviarschmuggel als auch im Drogen- und Waffenhandel, der Prostitution und dem Menschenhandel dar.

Das besitzt für den deutschen Raum mitunter wenig Relevanz. Es ist zwar erfreulich zu wissen, daß es in Europa doch gemäßigter zugeht als etwa in Brasilien, wo sich Drogenbanden und Todesschwadronen der Polizei mitunter regelrechte Bürgerkriegsszenen liefern. Glennys These, daß im Schattenreich dieselben Strukturen walten wie in der Kapitalwirtschaft insgesamt, gilt jedoch für alle Formen der organisierten Kriminalität. Wo die gesetzliche Regelstruktur versagt, greift das Verbrechen zu. Sie sind sozusagen Zwillinge aus dem Geiste desselben Systems — eine seit Marx nicht gerade originelle These.

Für Europa und besonders Deutschland sind vor allem russische, bulgarische und ehemals jugoslawische Banden maßgeblich. Gerade in den osteuropäischen Staaten bilden sich mächtige, ethnisch fundierte Strukturen des organisierten Verbrechens. Hier werden ungeheure Vermögen — oft aus staatlichen Kanälen — angehäuft, die gewaschen werden müssen und gewinnbringend angelegt werden wollen. Damit werden naturgemäß die Grenzen zwischen Schattenwirtschaft und Staatssektor verwischt.

Paradigmatisch erläutert dies Glenny am Beispiel Bulgarien. Dort seien es vor allem die alten Geheimdienste, die sich nahezu geschlossen für verbrecherische Aktivitäten öffneten. Nach Glennys Urteil sei Bulgarien deshalb ein durch und durch mafioser Staat, dessen Strukturen den gesamten Balkan und Europa infizieren können. Hinzu kommt die im EU-Mitgliedstaat herrschende hohe Kompetenz für Informationstechnologie mit möglichen Auswirkungen auch auf die Cyberkriminalität. Obwohl Glenny ein ungeheures Material anhäuft, lassen doch seine Generalisierungen ein wenig an ein Leipziger Allerlei erinnern, wo alle verwertbaren Reste gemeinsam aufgekocht werden. Dieser etwas paranoide Blick auf die Welt läßt einen nach über 500 Seiten ein wenig ratlos  zurück.

Misha Glenny: McMafia. Die grenzenlose Welt des organisierten Verbrechens. DVA, München 2008, gebunden, 528 Seiten, 24,90 Euro

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