Es war der Morgen des 3. Dezember, als schwer bewaffnete Truppenverbände der Hahdrami Elite Forces (HEF) in die ostjemenitische Stadt Sejyun im Gouvernement Hadramaut einmarschierten: Binnen weniger Stunden gelang es den Angreifern, sowohl den historischen Palast der Stadt als auch den regional bedeutsamen Flughafen sowie sämtliche Militäranlagen zu besetzen.
Den Verteidigern, zumeist Stammeskrieger der Hadramaut Protection Forces (HPF), blieb nur die Flucht in das karge Hinterland der weiten jemenitischen Wüste sowie in das an den Osten des Hadramaut grenzende Gouvernement al-Mahra, welches gleichzeitig die jemenitische Grenze zum Oman bildet.
Nur einen Tag später marschierten die HEF bereits in die Ölförderanlagen des Hadramaut ein; am folgenden Tag übergaben Milizionäre der National Shield Forces die Hauptstadt al-Mahras, die Kleinstadt al-Ghaida, kampflos den nahezu ohne Gegenwehr vorrückenden Angreifern. Nach nur 48 Stunden seiner Offensive konnte der Southern Transitional Council (STC), unter dessen Oberkommando die HEF agierten, die Kontrolle über den kompletten Küstenstreifen des südlichen Jemen vom Roten Meer bis zum Oman verkünden.
Milizen streiten um Autonomie und Öl
Der rasante Vormarsch der Truppen des STC verdeutlicht einmal mehr, wie vielschichtig und unübersichtlich sich der Bürgerkrieg im Jemen gestaltet. Seit 2014 halten mit dem Iran verbündete Huthi-Rebellen bereits den Nordwesten des südarabischen Landes inklusive der Hauptstadt Sanaa besetzt. Die international anerkannte Regierung Jemens hatte sich damals in die südliche Hafenstadt Aden abgesetzt, ihr letzter Präsident Abed Mansour Hadi mußte 2017 gar nach Saudi-Arabien fliehen. Im April 2022 gab Hadi sein Amt an eine Übergangsregierung, den sogenannten Presidential Leadership Council (PLC) ab, dessen Vorsitzender Rashad al-Alimi ein enger Verbündeter des saudi-arabischen Könighauses in dessen Krieg gegen die Huthi ist.
Ebenso eng mit Saudi-Arabien verbündet sind die Stammesmilizen der National Shield Forces in al-Mahra. Die HPF hingegen, die Miliz der Hadramaut Tribes Confederacy (HTC), der Stammesverbände des Governements, werden von Saudi-Arabien im Vorgehen gegen die Huthi sowie die beiden stark im Hadramaut vertretenen Terrorgruppen al-Qaida und Islamischer Staat – die sich ebenso gegenseitig bekämpfen – zwar finanziell wie militärisch gefördert.
Doch das Hauptziel der HTC bestand wiederum in verstärkter Autonomie ihrer Provinz und seiner reichhaltigen Ölquellen. Gut 80 Prozent sämtlichen Rohöls des Jemen ist im Hadramaut zu finden; Jemens Ölexporte machen fast zwei Drittel des Staatshaushaltes aus. Die HTC, welche beklagt, daß nur 20 Prozent aller Einnahmen aus dem Ölgeschäft dem wirtschaftlich abgeschlagenen Hadramaut zugute kämen, hatte im Januar 2025 selbst noch ihre HPF zur militärischen Besetzung der hiesigen Ölquellen entsandt – und so den Unmut des STC auf sich gezogen.
Jemens Norden soll von den Huthis befreit werden
In der jemenitischen Innenpolitik spielt dieser eine entscheidende Sonderrolle: Zwar sind auch die Truppen des STC in den Krieg gegen die Huthi sowie gegen islamistische Terrorgruppen eingebunden. Die eigentliche Motivation des STC, der sich auf die Unterstützung breiter Bevölkerungskreise berufen kann, ist hingegen die Loslösung des südlichen Jemen vom Rest der Nation sowie die Gründung eines eigenständigen südarabischen Staates, wie er von 1967 bis 1990 schon einmal existierte.
„Selbstbestimmung ist ein Recht“, verkündete STC-Präsident Aidarus al-Zoubaidi, der gleichzeitig auch als Vizepräsident des PLC fungiert, im September. „Alle Menschen haben das Recht, über ihre Zukunft zu bestimmen. Die größte Herausforderung besteht darin, von unseren Partnern die Zustimmung zu unserem Selbstbestimmungsrecht zu verlangen. Wir hoffen, daß die unterstützenden Länder dazu beitragen werden, den Norden von den Huthis zu befreien und dem Süden zu seiner Unabhängigkeit zu verhelfen.“
Vereinigte Arabische Emirate stehen in Konkurrenz zu Riad und Teheran
Auf eine Unterstützung des benachbarten Saudi-Arabien können die südjemenitischen Separatisten derzeit nicht hoffen. Zu schwer wiegen die Bedenken des Könighauses in Riad, im Falle der Spaltung des Jemen erneut und diesmal allein in einen offenen Konflikt mit den Huthi zu geraten. Doch immerhin hatte Saudi-Arabien die Offensive der Truppen des STC im Hadramaut militärisch nicht gefährden wollen, auch aus Eigeninteresse heraus: Erstmals seit Jahren sind die Schmuggelrouten der Huthi für Öl und Waffen durch die ostjemenitische Wüste effektiv unterbrochen.
Eine weitere Bewaffnung der Huthi-Rebellen durch den Iran ist mit der Kontrolle der wenigen Passagen über den Hadramaut durch die Elitetruppen des STC nahezu ausgeschlossen. Die Kehrseite der Medaille: Gerade mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, einem regionalen Gegenspieler sowohl des Iran als auch Saudi-Arabiens, hat der STC längst schon einen kompetenten Partner für seine Separationspläne gewonnen.
Die Verwicklung der VAE in den jemenitischen Bürgerkrieg zeigte sich zuletzt in der Hadramaut-Offensive vom Dezember, als Dutzende chinesische AH4-Haubitzen als auch zahlreiche gepanzerte Spartan-Mannschaftstransporter auf dem Schlachtfeld gesichtet wurden. Letztere Fahrzeuge werden von der in den Emiraten ansässigen STREIT Group des kanadischen Selfmade-Multimillionärs Guerman Goutorov produziert, erstere über die Emirate aus China importiert. Goutorovs Rüstungsunternehmen wiederum befindet sich auf den Sanktionslisten der Vereinten Nationen und der USA, denn dessen Militärfahrzeuge fanden auch Verwendung im libyschen Bürgerkrieg sowie im Nord- und Südsudan. Dies stets mit Billigung der Emirate, welche im Nordsudan derzeit die Rapid Support Forces (RSF) unterstützen.
Sorgen um Abspaltung des Südjemen
Der arabischstämmigen Miliz, welche seit April 2023 die Regierung in Khartum bekämpft, werden zahlreiche Kriegsverbrechen insbesondere gegen nichtarabische Sudanesen angelastet. Am 8. Dezember gelang den RSF mutmaßlich auch mit Kriegsgerät aus den Emiraten die Einnahme der südsudanischen Stadt Heglig – und damit die Kontrolle über die größten Ölvorräte des Landes.
Sudans Bodenschätze sind für die Emirate dabei von eminenter Bedeutung.
Allein im Jahr 2024 importierten die VAE über 29 Tonnen Gold aus dem Sudan, um dieses im eigenen Land zum Wiederverkauf zu veredeln. Und neben preiswertem Rohhöl für die heimische Industrie sind überdies die landwirtschaftlichen Exporte des Sudan von regem Interesse für die Emirate, die aufgrund ihrer Wüstenlage gut 90 Prozent ihrer benötigten Nahrungsmittel aus anderen Staaten beziehen müssen.
Eine Abspaltung des Südjemen, wie vom STC gefordert, würde die Versorgungspolitik der Emirate über lange Zeit absichern, bestätigte zuletzt die Nahostexpertin Elisabeth Kendall von der University of Cambridge im Interview mit dem Fach-Blog al-Monitor. Immerhin, so die Arabistin, erhielten die VAE hierdurch die uneingeschränkte „Kontrolle über lukrative Energieressourcen, Häfen, Handelsrouten und strategische Sicherheitsstandorte“ vom Persischen Golf bis zur sudanesischen Rotmeerküste. Ein Zusammenspiel, das offenbar von langer Hand geplant war: So berichtete die britische Nachrichtenseite Middle East Eye bereits im Oktober 2020 von „einigen hundert Soldaten der RSF“, die im Auftrag der VAE in Aden und an der Grenze des Jemen zu Saudi-Arabien aktiv waren.






