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„European Democracy Shield“: Brüssels Schild und Schwert

„European Democracy Shield“: Brüssels Schild und Schwert

„European Democracy Shield“: Brüssels Schild und Schwert

Die finnische EU-Kommissarin Henna Virkkunen erklärt den Europäischen Demokratieschild: „Wir fördern starke und widerstandsfähige Demokratien.“ Kritiker sehen im neuen Plan von Brüssel eine Einschränkung der Meinungsfreiheit.
Die finnische EU-Kommissarin Henna Virkkunen erklärt den Europäischen Demokratieschild: „Wir fördern starke und widerstandsfähige Demokratien.“ Kritiker sehen im neuen Plan von Brüssel eine Einschränkung der Meinungsfreiheit.
Die finnische EU-Kommissarin Henna Virkkunen erklärt den Europäischen Demokratieschild: „Wir fördern starke und widerstandsfähige Demokratien.“ Foto: picture alliance / Anadolu | Dursun Aydemir
„European Democracy Shield“
 

Brüssels Schild und Schwert

Mit einem neuen Maßnahmenpaket beschwört die EU-Kommission den Schutz vor äußeren Feinden. Damit ermächtigt Brüssel aber vor allem Hofberichterstatter, „Trusted Flagger“ und Netzzensoren.
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Wenn EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen von ihrem geplanten „European Democracy Shield“ spricht, klingt das nach Wehrhaftigkeit, nach Schutz vor äußeren Feinden, nach Stabilität in stürmischen Zeiten. Tatsächlich aber wächst für viele in Brüssel ein Instrumentarium heran, das weniger die Demokratie verteidigt als vielmehr jene, die den Status quo verwalten.

Gemeinsam mit dem bereits voll wirksamen Digital Services Act (DSA), der im Februar  2024 in Kraft trat, entsteht so ein engmaschiges System politischer Aufsicht über den digitalen Raum (JF berichtete). Offiziell geht es um den Kampf gegen „Desinformation“ und „Haßrede“. Doch gerade diese entscheidenden Begriffe bleiben bewußt vage. Der DSA definiert „Desinformation“ nicht einmal im Ansatz. Doch gleichzeitig verpflichtet er Plattformen, nicht nur rechtswidrige, sondern auch „anderweitig schädliche“ Inhalte zu entfernen. Wer nicht spurt, riskiert Strafen von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.

Was dies in der realen Praxis bedeutet, liegt auf der Hand: Lieber einmal zu viel löschen als einmal zu wenig. Automatische Filtersysteme entscheiden künftig, was sichtbar bleibt und was verschwindet. Der lebendige politische Diskurs wird damit zunehmend von Algorithmen und Compliance-Abteilungen vorstrukturiert, gewissermaßen digital vorgekaut.

Hinzu kommt die Zentralisierung der Kontrolle durch eine europäische Zentrale für die Umsetzung der digitalen Zensurvorhaben. Nationale Koordinatoren für Digitale Dienste sind künftig in wesentlichen Fragen der EU-Kommission unterstellt. Brüssel kann dann „auf eigene Initiative“ Verfahren einleiten und im selbst definierten „Krisenfall“ sogar zusätzliche Eingriffsrechte beanspruchen. Die digitale Souveränität der Mitgliedstaaten schrumpft so auf ein Minimum.

EU-Abgeordnete Steger spricht vom „Brüsseler Propagandaprojekt“

Der nun angekündigte „Democracy Shield“ setzt auf dieser Architektur auf. Er bündelt bestehende Maßnahmen, vernetzt „Faktenchecker“, „Trusted Flagger“ und NGOs europaweit und stattet sie mit erweiterten Kompetenzen aus. Diese Akteure, vielfach direkt oder indirekt aus EU-Mitteln finanziert, erhalten privilegierten Zugang zu Plattformen und können Inhalte priorisiert melden. Was offiziell als ziviles Engagement verkauft wird, ist faktisch eine institutionalisierte Vorfeldkontrolle politischer Kommunikation durch der EU gewogene Kontrolleure.

Besonders brisant ist das Konzept des sogenannten „Prebunking“. Mittels KI-gestützter Analysen sollen mögliche „gefährliche Narrative“ bereits im Entstehen identifiziert und durch gezielte Gegenkampagnen neutralisiert werden – noch bevor sie sich verbreiten. Politischer Widerspruch wird so nicht mehr nur bekämpft, sondern präventiv verhindert.

Die freiheitliche EU-Abgeordnete Petra Steger, die dem Ausschuß für bürgerliche Freiheiten angehört, der für den Demokratieschild zuständig ist, gehört zu den schärfsten Kritikern des Vorhabens in Brüssel, für sie ist „der European Democracy Shield nichts anderes als ein Brüsseler Propagandaprojekt zur Unterdrückung kritischer Meinungen.“ Unter dem Deckmantel angeblicher digitaler Resilienz entstehe ein bürokratischer Apparat, der Schritt für Schritt eine zentralisierte Meinungskontrolle etabliere.


Auch der vielbeschworene Schutz des unabhängigen Journalismus sei Augenwischerei. „In Wahrheit versteht die Kommission darunter die gezielte Förderung systemkonformer Medienakteure, während kritische oder patriotische Journalisten in mehreren Mitgliedstaaten der Europäischen Union  längst massiven finanziellen und institutionellen Repressionen ausgesetzt sind – etwa durch sogenanntes Debanking oder den Entzug von Fördermitteln“, warnt Steger.

„Das führt zur Aushöhlung der Meinungsfreiheit“

Bemerkenswert ist, daß selbst jenseits des Atlantiks die Kritik wächst: Ein Zwischenbericht des Justizausschusses des US-Repräsentantenhauses brandmarkte den DSA jüngst als globales Zensurregime, das amerikanische Meinungsfreiheit untergrabe (JF berichtete). Washington drängt auf eine engere Definition „illegaler Inhalte“, um politische und religiöse Debatten nicht unter Generalverdacht zu stellen.

In Brüssel hingegen hält man unbeirrt am Kurs fest. Die Zahl der Mitarbeiter zur DSA-Durchsetzung soll verdoppelt werden, Verfahren gegen Plattformen wie X werden ausgeweitet, interne Dokumente und Algorithmen angefordert. Der Ton wird schärfer, der Zugriff direkter.

Für viele Abgeordnete in Brüssel ist das ein Menetekel, hier entsteht für sie kein demokratischer Schutzschild, sondern ein Schutzwall gegen die Unberechenbarkeit der Demokratie. Hinter einer rechtsstaatlichen Fassade wächst für sie ein System, das Meinungsfreiheit als Risiko begreift und politische Pluralität als Störfaktor. An ihre Stelle soll künftig die gelenkte digitale Demokratie treten, in der Entscheidungen bereits im Vorfeld im Sinne der EU-Kommission beeinflußt und gesteuert werden.

„Was als Schutz der Demokratie verkauft wird, führt zur Aushöhlung der Meinungsfreiheit und zur Schwächung nationaler Souveränität“, beklagt Steger. Wahre Demokratie lebe hingegen von Meinungspluralität und offener Debatte – nicht von zentral gesteuerter Wahrheitsfindung.

Aus der JF-Ausgabe 10/26.

Die finnische EU-Kommissarin Henna Virkkunen erklärt den Europäischen Demokratieschild: „Wir fördern starke und widerstandsfähige Demokratien.“ Foto: picture alliance / Anadolu | Dursun Aydemir
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