Alexander Sachartschenko am Tatort der Explosion Alle Fotos: Billy Six
Ost-Ukraine

Alles rüstet sich zum Krieg

Eiskalter Wind zieht durch die menschenleere Landschaft. Der Schnee hat die Trümmer von Saur Mogila überdeckt. Einst blickten die Menschen des Donbass voller Stolz auf ihr überdimensionales Weltkriegsdenkmal 70 Kilometer östlich von Donezk, das den Sieg der Roten Armee über die deutschen Truppen im August 1943 dokumentierte.

Im vergangenen August brach der Obelisk im Sperrfeuer zusammen, als die ostukrainischen Aufständischen die Anhöhe zu erobern suchten. 30 frische „Helden-Gräber“ sind in direkter Nähe angelegt. Als „Angriff auf Seele und Ehre“ werten die Rebellen die Zerstörung ihres kulturellen Zentrums in einer Region, die ohnehin auf der Suche nach Identität ist. Daß der ukrainische Ministerpräsident Jazenjuk am 7. Januar im Gespräch mit den Tagesthemen den „großen vaterländischen Krieg“ in Zweifel zog, und „die russische Aggression in der Ukraine“ mit „(dem) sowjetischen Anmarsch auf die Ukraine und nach Deutschland“ verglich, hat die Fronten zusätzlich verhärtet.

Ukrainische Soldaten werden abgeführt
Ukrainische Soldaten werden abgeführt

„Angriff ist die beste Verteidigung“

Rebellen wie der 38jährige Nikolay, vor dem Krieg Bauleiter, fühlen sich in ihrer Einschätzung einer „faschistischen Bedrohung“ aus Kiew bestätigt. Heute fährt er mit einem Geländewagen, ausgestattet mit Handgranaten, Maschinengewehren und einer Panzerfaust die Dörfer ab. Das gesamte Material sei von den Ukrainern erbeutet worden, sagt er. Ihre Vertreibung aus der strategischen Position Saur Mogila 20 Kilometer nach Norden sei nötig gewesen, um zu verhindern, daß Artillerie auf die Erhebung geschafft würde.

Hier ist der Bus von der Granate getroffen worden
Hier ist der Bus von der Granate getroffen worden

„Damit hätten sie Städte beschossen und Zivilisten getötet“, berichtet Nikolay mit ruhiger Stimme. Im Sinne der Devise, Angriff sei die beste Verteidigung, attackierten die Rebellen seit letzter Woche die verbliebene ukrainische Stellung im neuen Terminal des Donezker Flughafens. Der Phase friedlicher Rotationen über Weihnachten und Neujahr, als die Regierungen in Kiew und Moskau einen kampflosen Austausch der Flughafen-Verteidiger ermöglichten, ist blutige Ernüchterung gewichen.

„Menschen, die sich für ihr Volk opfern“

Besuche in Oktjaberski gestalteten sich zunehmend als lebensgefährlich. Das Wohngebiet in direkter Nachbarschaft zur Kampfzone geriet immer wieder unter ukrainischen Beschuß. Die mobilen Einheiten der Rebellen feuerten allerdings ihrerseits im Schutze der Häuser mit Grad-Raketen und Mörsern auf den Gegner. Surrend fliegen die Geschosse in die Ferne. Brandgeruch liegt in der Luft. Dr. Alexander vom lokalen Krankenhaus 21 bestätigt gegenüber der JF regelmäßig die Einlieferung von toten und verletzten Zivilisten. Die Zahl schwerer Fälle sei im einstelligen Bereich geblieben.

Soldatengräber bei Donezk
Soldatengräber bei Donezk

Ganz anders stellt sich die Lage in Bezug auf Kämpfer dar: Dutzende wurden tot oder mit kritischen Traumata ins zentrale Krankenhaus eingeliefert. Die Mediziner arbeiten im Akkord, blutüberströmte Kämpfer liegen auf den Gängen. Die „Donezker Volksrepublik“ würde neuerdings auch wieder ihre Gehälter leisten – angeblich dank finanzieller Hilfe aus Russland.

Russische Freiwillige sind immer wieder anzutreffen. Boris, Spediteur aus Nowosibirsk, hat sich übers Wochenende im Hostel einquartiert – und sodann vom Geheimdienst SBU zügig überprüft und rekrutiert zu werden. „Ich werde meine Leute gegen den Mörder Poroschenko verteidigen“, sagt er.

Am Busbahnhof Süd machen sich zwei Männer und eine Frau zurück auf dem Weg nach Nischni-Nowgorod – skeptisch, ein wenig aggressiv stellt sich einer von ihnen als Soldat auf Urlaub vor. Ein englischer Journalist berichtet hinter vorgehaltener Hand: „Im Westen können wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr verstehen, daß es Menschen gibt, die sich für ihr Volk opfern.“

Kriegsgefangene werden gedemütigt

Anfang Januar erklärte Andrey Spiegel, Vize-Chef der DNR-Militärpolizei, vor der Presse seinen Friedenswillen und Solidarität mit den Soldaten des Gegners: „Das sind doch alles Einberufene. Beim letzten Male (Truppenaustausch) trafen wir auf einen 60 Jahre alten Mann, der Arzt war, und sagte, nicht auf eigenen Willen (in der Armee) zu sein. Dieser Fakt spricht für sich selbst.“

Zerstörtes Wohnhaus bei Donezk
Zerstörtes Wohnhaus bei Donezk

Am 22. Januar bietet sich in Donezk ein spiegelverkehrtes Bild: Alexander Sachartschenko, Premierminister der „Volksrepublik“, erklärt auf offener Straße vor einigen Dutzend aufgebrachten Einwohnern, daß die feindlichen Armeeangehörigen „wie Tiere“ seien. „Ich lege sie Euch auf Knien, und lasse sie um Eure Vergebung betteln“, so der 38jährige Politneuling.

Ein Lkw bringt tatsächlich gut 20 Kriegsgefangene, die nach ihrer desaströsen Niederlage auf dem Flughafen kapitulierten. Sie sehen übel zugerichtet aus, ungewaschen, mancher mit blauem Auge. Demütig blicken sie zu Boden, während die Menge sie übel beschimpft und bespuckt. Sachartschenko erlaubt diese Form der Rache, nur töten dürfe der Mob die Männer nicht.

Operation unter falscher Flagge?

Vorausgegangen war dem „Spektakel“ die Explosion mindestens eines Sprengkörpers vor einem Oberleitungsbus der Linie 17 im Leninsky-Distrikt im Süden von Donezk – auf seinem Weg zum Freiheitsplatz im Viertel Mirni (Frieden). 13 Menschen sollen bei der Explosion ums Leben gekommen sein. Es ist bereits der zweite Vorfall dieser Art innerhalb weniger Tage. Doch diesmal fand der Angriff nicht in der Nähe eines ukrainischen Kontrollpostens statt, sondern 15 Kilometer von der Front entfernt, inmitten des sonst eher ruhigen Rebellengebietes.

Offizielle und Anwohner sprechen von einem Fahrzeug, das gestoppt habe, um mit einer Mörservorrichtung die Granate abzufeuern. Daß es Geheimagenten der Kiewer Regierung gewesen seien, darüber scheinen sich alle einig. Doch wie dieses Kommando über Monate in feindlicher Umgebung überlebt haben soll – und welcher Zweck eine derartige Attacke auf die Zivilbevölkerung erfülle, bleibt schleierhaft. „Möglicherweise wollten sie die benachbarte Fabrik angreifen“, so ein Student aus der Nachbarschaft, „denn dort werden heimlich die Fahrzeuge der DNR-Armee repariert.“

Gottesdienst für die Opfer des Granatenangriffs
Gottesdienst für die Opfer des Granatenangriffs

Eine Kontroll-Patrouille zeigt Schwarz-Weiß-Fotos zweier „Flüchtiger“, fünf weitere seien bereits exekutiert worden, behaupten sie. Wenige Meter weiter findet ein orthodoxes Friedensgebet unter freiem Himmel statt. Das Massaker in der Kuprina-Straße schadet den Diplomatie-willigen Kräften aller Seiten gewaltig.

Alexander Sachartschenko am Tatort der Explosion Alle Fotos: Billy Six

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