Sachsen rätselt über Orden für Putin

Wladimir Putin hat am vergangenen Freitag auf dem Semperopernball in Dresden aus den Händen von Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) den Sächsischen Dankorden erhalten. Seitdem rätselt Sachsen, für welche Leistung dem Russen, der in den achtziger Jahren als KGB-Offizier in Dresden stationiert war, diese Ehrung zuteil wurde. „Außer den Sachsen würde derzeit wohl niemandem in den Sinn kommen, dem russischen Ministerpräsidenten, der gerade halb Europa den Gashahn zudrehte, einen Orden an die Brust zu heften“, ätzte der Spiegel, und der frühere DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz spottete unter Bezug auf die Blockparteikarriere von Tillich (JF 50/08), das sei „ein richtiges kleines Konzert: Blockflöte für Tschekisten“. Tillich wollte Putin ursprünglich wegen dessen „Verdienste für die Rückgabe von Beutekunst“ ehren. Als der Aufschrei der Empörung zu groß war, sollten die Bemühungen um den deutsch-russischen Kulturaustausch gewürdigt werden. Mit beidem ist es nicht weit her. Denn während sich Putins Vorgänger im Amt des russischen Präsidenten, Boris Jelzin, immerhin drei Jahre lang gegen die Unterzeichnung des Gesetzes wehrte, das das gestohlene Gut zum Eigentum Rußlands erklärte, hat Putin keine Probleme mit diesem Verstoß gegen internationales Recht. Er unterzeichnete im Mai 2000 das Beutekunst-Gesetz. Andererseits kommt es während seiner Regentschaft zur einzigen Rückgabeaktion seit 1958: Die Kunsthalle Bremen erhält 101 Bilder und die Marienkirche in Frankfurt an der Oder ihre mittelalterlichen Glasbilderfenster zurück. Anschließend verhärten die Fronten im Kampf um die letzten „Kriegsgefangenen“ – rund eine Million Kunstwerke und mehr als vier Millionen Bücher, Handschriften und Archivbestände – wieder. Einiges davon stammt aus Dresden, wo 50.000 graphische Blätter aus dem Kupferstichkabinett, darunter Zeichnungen von Dürer, Cranach, Rembrandt und Rubens, 400 Objekte der Rüstkammer, 500 Gemälde aus der Galerie Alte Meister, 200.000 Bücher und Handschriften vermißt werden. Wäre die Inszenierung nicht so dilettantisch angegangen worden, hätte die Auszeichnung Putins mit einem Orden, der einem der bedeutendsten Schmuckstücke des Grünen Gewölbes nachempfunden wurde, sogar als Investition in die Zukunft gewertet werden können. Denn der Russe gilt als Verehrer Dresdens und der Schatzkammer Augusts des Starken. 2006 umschmeichelte er so lange die Dresdner, bis er die Schau „Die schönsten Juwelen des Grünen Gewölbes“ in Moskau zeigen durfte. Die als Gegenleistung erhoffte Rückgabe von Beutekunst erfolgte jedoch nicht. Trotzdem lobte Tillich jetzt Putin, daß dieser 2001 bei der Rückgabe von drei Gemälden geholfen habe. Dies mache Hoffnung: „Sie bekommen diesen Orden auch für die Zukunft.“ Diese könnte schon bald beginnen. Denn mit Spannung wird das von den Dresdner Kunstsammlungen und dem Historischen Institut Moskau organisierte Symposium über Kulturgüter als Kriegsopfer  erwartet. Ende Februar soll in Moskau die festgefahrene Beutekunst-Debatte wieder in Fahrt kommen.

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