Kaltes Schweigen in Fürstenzell

Es ist ruhig in Fürstenzell – sehr ruhig. Auf den Straßen des knapp 8.000 Einwohner zählenden Ortes in Niederbayern bei Passau ist kaum jemand unterwegs. Aber das dürfte auch  an der unerbittlichen Kälte liegen, die dieser Tage in der Gegend vorherrscht. Ein rauher Wind bläst einem ins Gesicht. Schnee und Eis liegen am Wegesrand und auf den Feldern. Wo sich die Ringstraße befindet? „Doa gehen’s zur Hauptstroaß, rechts bis hinter’s Autog’schäft und doa links“, entgegnet ein Ortskundiger, der sich trotz des frostigen Wetters hinausgewagt hat. Die Ringstraße: noch vor wenigen Wochen ein Allerweltsname für einen Weg, der sich in der Siedlung eines niederbayerischen Dorfes befindet. Seit dem 13. Dezember vorigen Jahres ist das anders. Ein bislang unbekannter Täter suchte an diesem Tag den Passauer Polizeidirektor Alois Mannichl in seiner Fürstenzeller Privatwohnung auf. „Viele Grüße vom Nationalen Widerstand, du linkes Bullenschwein, du trampelst nimmer auf Gräbern unserer Kameraden herum“, sei Mannichl eigenen Angaben zufolge von dem Unbekannten bedroht worden. Dann habe der Täter auf den 52jährigen eingestochen, bohrte ihm ein Messer unterhalb des Rippenbogens ins Fleisch. Schwer verletzt überlebte der zweifache Familienvater die Attacke. Seitdem kennen viele die Ringstraße. Hier ist es noch ruhiger, der Verkehr von der Hauptstraße ist nicht mehr zu hören. Die Garagen sind in die Reihenhäuser hineingebaut, kleine Gärten gehen nach hinten heraus. Hier hatte die Gewalttat  stattgefunden. Die Garage der Mannichls ist verschlossen. Ein Polizeiwagen fährt gelegentlich Streife. Ansonsten herrscht Stille. Und Kälte. Es könnte auch das kalte Schweigen der Behörden sein, die bisher noch keine Spur vom Täter zu haben scheinen und sich gegenüber der Öffentlichkeit nicht mehr zu dem Fall äußern. Dafür gibt es Gründe. Alois Mannichl beschrieb seinen Angreifer als groß  – etwa 1,90 Meter –, kahlköpfig mit einem Leberfleck, der auch eine Tätowierung sein könnte. Alles schien zunächst  zusammenzupassen: die „Grüße vom Nationalen Widerstand“, ein großer kahlköpfiger Mann. Und Neonazis,  die in Fürstenzell ihr Unwesen trieben. Jeder kennt sie im Ort, jeder weiß, wo sie sich treffen. „Die halten in Traudels Café immer ihren Stammtisch ab“, erzählt ein Nachbar Mannichls. Kein Wunder also, daß bei diesen Indizien die Spur in die rechtsextreme Szene führen mußte. Zumal Mannichl sich auch persönlich gegen Rechtsextremismus vor Ort engagierte. Schnell war  der „Kampf gegen Rechts“ ausgerufen. Bis erste Zweifel auftraten. Ein Mann mit derartigem Erscheinungsbild wäre normalerweise in den Fahndungscomputern zu finden gewesen, sickert aus Polizeikreisen in die Öffentlichkeit.  Auch die Tatwaffe gibt den Ermittlern Rätsel auf. Denn das Messer stammt aus dem Haushalt der Mannichls und habe auf der Fensterbank neben der Eingangstür gelegen. Erst jetzt kündigte das Landes­kriminalamt an, zu überprüfen, ob der Stichkanal mit der Schilderung des
Tathergangs übereinstimmt. Seit der Tat liegt über Fürstenzell eine eisige Stille. Gerüchte und Spekulationen machen die Runde – leise und verhalten. „Das war wohl eine Spontantat“, ist eine 14 Jahre alte direkte Nachbarin Mannichls überzeugt. Sie selbst war zur Tatzeit nicht zu Hause gewesen. „Aber einige Nachbarn haben Schreie gehört, und es soll einen heftigen Streit gegeben haben.“ Seit dem Vorfall wimmele es in ihrer Straße von Polizei. „Die drehen hier derzeit jeden Zigarettenstummel um“, schildert sie die Situation. Polizisten fahren in der Ringstraße Streife, ein Beamter sei vor dem Hauseingang postiert. Daß es in Fürstenzell Neonazis gebe, wisse jeder hier. Es handele sich zumeist um Jugendliche. In der Schule habe es mit denen allerdings keine Probleme gegeben. „Ich hoffe, ich habe nichts ausgeplaudert, was ich nicht sagen darf“, meint das Mädchen plötzlich – und hüllt sich schließlich wie viele andere in Fürstenzell in Schweigen. Ein weiterer Nachbar ist erst bereit zu reden, nachdem er einen Presseausweis zu Gesicht bekommt. „Da wird momentan viel von den Medien aufgebauscht“, beginnt er zu erzählen. Der Ort habe kein Rechtsextremismus-Problem. Alois Mannichl kenne er als einen „ruhigen und korrekten Typen“, daher habe er an der Täterbeschreibung seines niedergestochenen Nachbarn keine Zweifel. Ob es allerdings ein Neonazi war, sei eine andere Frage. Der Inhaber einer Pizzeria und Eisdiele, die sich direkt neben „Traudels Café“ befindet, kann sich das zumindest „nicht vorstellen“, sagt er der JUNGEN FREIHEIT. Der ganze Medienzirkus nerve ihn. „Die fragen uns alle, ob wir was wissen, aber wir wissen doch auch nicht mehr“, entrüstet sich der Wirt. Er könne nur sagen, daß er selbst mit „denen“ nie Probleme hatte. Auch die Inhaberin eines Musikgeschäfts habe mit den Neonazis „keinen Ärger gehabt“. Zu dem Vorfall um Mannichl habe sie nur Gerüchte gehört, an denen sie sich nicht beteiligen möchte. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, entgegnet die Inhaberin eines Modegeschäfts, die zunächst überhaupt nichts zu dem Vorfall sagen möchte. Erst nach einiger Zeit beginnt sie, auch Silber zu schätzen. „Die NPD soll ‘Traudels Café’ gekauft haben“, bringt sie nach einigem Zögern hervor. Im vergangenen Jahr habe es mit den Neonazis Ärger gegeben, als die eine Demonstration auf dem Marktplatz abhielten. „Beim Markttreiben haben sie außerdem einen Konflikt mit der Polizei gehabt, weil sie ausländerfeindliche Plakate aufhängen wollten“, erinnert sich die Geschäftsfrau. Der Treffpunkt selbst ist ein eher unscheinbares Haus mit beigefarbenem Putz an der Fassade. Die Rollos an den Fenstern im Erdgeschoß sind heruntergelassen. Über dem Eingang befindet sich ein Schild mit der Aufschrift „Café“. Bis vor kurzem habe da noch „Traudels Café“ gestanden, sagen die Anwohner. Nach dem Wirbel um Alois Mannichl sei das erste Wort entfernt worden, heiße es. In dem Bau rührt sich kein Lebenszeichen. Stille herrscht in der Kälte von Fürstenzell – wie so oft in diesen Tagen. Foto: Tatort der Messerattacke: „Einige Nachbarn haben Schreie gehört“

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