„Jeder, der Klartext redet, wird niedergemacht“

Die Zukunft des wegen seiner Interviewäußerungen in der Zeitschrift Lettre International zur Ausländer- und Integrationspolitik (siehe Kasten) in die Kritik geratenen Bundesbankvorstandes Thilo  Sarrazins (SPD) ist weiter in der Schwebe. Zwar ist eine Ablösung eines Vorstands der Bundesbank nur in Ausnahmefällen vorgesehen, aber das Verhältnis zu Bundesbankpräsident Axel Weber gilt mittlerweile als zerrüttet. Laut dem Handelsblatt ist die Kommunikation zwischen Weber und Sarrazin nahezu eingestellt. Am Wochenende hatte Weber Sarrazin den Rücktritt nahegelegt. Der ehemalige Berliner Finanzsenator solle sich aus dem Vorstand der Bundesbank zurückziehen, um dem Ansehen der Einrichtung nicht zu schaden, wurde Weber zitiert. Offenbar hatte Weber vergeblich versucht, Sarrazin von der Veröffentlichung des Interviews abzuhalten.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, kritisierte Sarrazin unterdessen scharf. Dessen Menschenverachtung sei untragbar, sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der für den Finanzsektor zuständige Vorstand der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Uwe Foullong, bezeichnete die Äußerungen Sarrazins laut Focus-Online als „skandalös“ und „rechtsradikal“. In dieselbe Kerbe schlug die türkische Zeitung Hürriyet. Sarrazin habe „wie ein NPD-Mitglied gesprochen“ und die Türken und andere Ausländer beleidigt.

Unterstützung bekam Sarrazin dagegen von dem Historiker Arnulf Baring: „In der Sache kann Sarrazin niemand widerlegen: Deutschland hat ein massives Problem mit Zuwanderern aus der Türkei und dem arabischen Raum“, sagte er der Bild-Zeitung. „Nur: Im Lande der Leisetreter und der politischen Korrektheit wird jeder, der Klartext redet, gleich niedergemacht. Erbärmlich“, kritisierte Baring.

Auch der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel wies im Deutschlandfunk darauf hin, daß keine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Äußerungen Sarrazins stattfinde: „Er hat ja zur Lösung dieser verschiedenen Probleme auch Vorschläge gemacht, von denen habe ich in der Öffentlichkeit überhaupt nichts gehört.“

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