Joachim Kuhs

 

Entmündigung des Bürgers

Nirgendwo anders auf der Welt werde soviel Alkohol getrunken wie in Europa, ergab eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene Studie. Deshalb denkt die Brüsseler Behörde bereits darüber nach, wie sie verhindern kann, daß ihre Untertanen so oft zur Flasche greifen. Dem Vernehmen nach soll im Herbst ein Vorschlag auf den Tisch gelegt werden, der neben Werbeverboten auch eine deutliche Erhöhung der Steuern auf alkoholische Getränke vorsieht. Wenig bekannt sein dürfte den Eurokraten, daß der Genuß von Alkohol in Europa kulturimmanent ist, daß dieser gewissermaßen die „Droge des weißen Mannes“ darstellt und somit zur europäischen Lebensweise gehört. In anderen Kulturkreisen ist wiederum der Konsum von anderen Genußmitteln üblich, etwa das Kauen von Coca-Blättern in Südamerika. Außerdem waren große Europäer wie Bismarck oder Goethe dem einen oder anderen Glas Wein nicht abgeneigt. Und deren Wirken erweist sich für die Nachwelt weitaus segensreicher als die Regulierungswut der EU unserer Tage. Der Alkoholmißbrauch ist sicherlich in gewissen Bereichen ein Problem, weshalb auch ein verantwortungsvoller Umgang mit diesem Genußmittel geboten ist. Keinesfalls darf aber – was zu befürchten ist – die EU-Regulierungsmaschinerie eingeschaltet werden, damit eine Fülle neuer Vorschriften auf die Bürger prasselt, und noch weniger darf das Alkoholproblem so mancher Europäer zum Anlaß genommen werden, um die Bürger in alter obrigkeitsstaatlicher Manier zu bevormunden. Bereits heute mischt sich Brüssel in immer mehr Lebensbereiche ein und regelt etwa Aussehen und Beschaffenheit von Lebensmitteln. Die Zentrale weiß, was für den Bürger gut ist und vor welchen Gefahren sie ihn zu bewahren hat. Das Bürgerbild Brüssels entspricht somit dem eines hilflosen Wesens, über das der Vormund seine schützende Hand hält. Auf die Eigenverantwortlichkeit des Bürgers zu vertrauen, kommt den Eurokraten nicht in den Sinn. Schließlich hat das immer dichter werdende Geflecht an Regelungen auch den positiven Nebeneffekt, das Leben der Bürger besser kontrollieren und ihr Verhalten in die gewünschte Richtung lenken zu können. Eine andere Frage ist freilich, ob sich die Europäer vorschreiben lassen werden, welche Getränke sie konsumieren dürfen und welche nicht. Eher ist davon auszugehen, daß wegen der immer unerträglicher werdenden Einmischung der Eurokraten in das tägliche Leben der Bürger die EU-Skepsis noch weiter zunehmen wird. Am Beispiel der Alkoholphobie zeigt sich auch die Doppelbödigkeit des politisch korrekten Zeitgeistes. Diese legale Droge wird – das US-amerikanische Vorbild nachäffend – zunehmend geächtet, um gleichzeitig der Legalisierung sogenannter weicher Drogen das Wort zu reden. Denn Haschisch und Marihuana stammen bekanntlich aus fremden Kulturkreisen und nicht zuletzt deshalb ist deren Konsum für die Jünger des spätlinken Zeitgeistes „chic“. Daß diese sogenannten weichen Drogen viel schneller als der Alkoholkonsum in die Abhängigkeit führen, wird bewußt verharmlost. Wer sich gemäß den Vorgaben der political correctness ruinieren will, der hat also nichts zu befürchten. Andreas Mölzer ist Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung „Zur Zeit“ und seit 2004 FPÖ-Europaabgeordneter.

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