Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Sicherstellung der kulturellen Vielfalt

Im August 2004 meldete der Börsenverein des deutschen Buchhandels, daß die Internetsuchmaschine Google einen neuen Service für Literaturrecherchen einführe. Nutzer erhielten Hinweise zu Texten, die es im Internet nicht gebe, die aber in gedruckter Version in Buch- oder Zeitungsform vorlägen. Google wolle mit Verlagen, Autoren und Agenten kooperieren, deren Arbeiten und Programm im Internet zugänglich gemacht werden. Das Konzept befindet sich mit 60.000 englischsprachigen Titeln in der Probephase. Im Dezember war dann bereits die Rede davon, daß Google die Buchbestände einiger US-Forschungsbibliotheken digitalisieren wolle. Die New York Times berichtete von einem Abkommen mit führenden Universitäten und Forschungsinstituten, darunter die Unis von Harvard, Michigan Stanford sowie die New Yorker Public Library. Aus der bisher manchmal zufälligen Recherchebasis im Netz soll eine digitale Bibliothek werden, in der sich Bücher, Forschungsbeiträge und spezielle Sammlungen finden ließen. In den verschiedenen Bibliotheken werden täglich mehrere zehntausend Seiten eingescannt und digitalisiert werden – schätzungsweise bis zu 5.000 Titel pro Tag. Die geschätzten Kosten für die Digitalisierung der etwa 15 Millionen Bände, die von dem Projekt abgedeckt würden, lägen laut Börsenverein bei rund zehn Dollar pro Band. Andere Quellen sprachen von sieben Dollar. Bibliothekare schätzen, daß der Prozeß etwa zehn Jahre in Anspruch nehmen werde. Wenn dieses Digitalisierungsprojekt abgeschlossen ist, sollen 4,5 Milliarden Buchseiten bei Google zum Durchsuchen bereitstehen. Die Nutzung der virtuellen Bibliothek ist für Internetsurfer aufgrund des Urheberrechtes allerdings nicht unbegrenzt möglich. Zwar erteilen die einzelnen Verlage Genehmigungen für die Bereitstellung der Bücher, aber ein Buch, für das Urheberrechte existieren, könne nicht vollständig gelesen werden. Mehr als zwei Seiten weiter nach vorn oder nach hinten könne man nicht blättern, erklärte Stefan Keuchel, Sprecher von „Google Deutschland“. Bei Google dominiert die englischsprachige Literatur Dennoch regt sich jetzt Widerstand gegen dieses Projekt, der insbesondere von französischer Seite vorgetragen wird. Jean-Noël Jeanneney, der Direktor der französischen Nationalbibliothek, gab im österreichischen Magazin Profil zu bedenken, daß das Digitalisierungsprojekt eine drastische Auswahl voraussetze, und er zeichnete ein Horrorszenario, das einträte, wenn man alles Google überlasse: „Wenn wir dann zum Beispiel ‚Robespierre‘ eintippten, fänden wir ihn nur als Diktator und erführen nichts darüber, daß er die Menschenrechte und freie allgemeine Wahlen befördert hat.“ Der Internetnutzer würde nur „die stark verzerrte amerikanische oder englische Version der Französischen Revolution vorgesetzt bekommen, wonach ‚tapfere britische Aristokraten über die blutrünstigen Jakobiner triumphierten'“. Jeanneney hält laut Spiegel-Online vor allem Googles Gütesiegel für gefährlich: „Angesichts der Unmengen an Informationen, die im Netz kursierten, werde der Ritterschlag in Form einer Bestätigung durch eine Autorität immer wichtiger. Und hier favorisiere das finanziell üppig ausgestattete Google-Projekt die Literatur in englischer Sprache über Gebühr – auf Kosten anderer Kulturen, vor allem der europäischen.“ Der französische Präsident Jacques Chirac hat deshalb „den Kampf gegen den Imperialismus der amerikanischen Google-Kultur“ zur Chefsache gemacht: Eine europäische virtuelle Bibliothek, soll dem US-Unternehmen demnächst Paroli bieten. Seinen Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres beauftragte Chirac zu prüfen, wie die Bestände der großen Bibliotheken Frankreichs und Europas schnellstmöglich im Internet verfügbar gemacht werden könnten. Chiracs Initiative ist in Europa mittlerweile auf fruchtbaren Boden gefallen. Bislang 19 europäische Nationalbibliotheken haben sich inzwischen zu einer EU-Konkurrenzinitiative zur Buchsuche des US-Unternehmens Google zusammengeschlossen. Mit dem mehrere Millionen Euro teuren Projekt sollen deren Bestände ins Weltnetz gebracht werden. Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Litauen, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Polen, Schweden, die Slowakei, Slowenien, Spanien, die Tschechei und Ungarn erklärten ihre Unterstützung für eine „umfangreiche Digitalisierung des europäischen Kulturerbes“. Die Britische Nationalbibliothek hat ihre Unterstützung angedeutet. Für Chiracs Vorstoß spricht, das seine Vorstellung von einer virtuellen europäischen Bibliothek als kontrolliertes Netzwerk funktionieren soll, das von Wissenschaftlern und Bibliotheken organisiert wird – und damit nicht marktwirtschaftlichen Bedingungen unterworfen ist. Viele französische Schriftsteller erhoffen sich von einer staatlich organisierten europäischen Bücherdigitalisierung auch einen umfassenden Schutz von Urheber- und Verlagsrechten. Googles Ankündigung, literarische Werke kostenlos ins Internet stellen zu wollen, hat bei ihnen für eine nachhaltige Verunsicherung gesorgt. Christian Roblin, Direktor der französischen Gesellschaft für Autorenrechte, erklärte in diesem Zusammenhang gegenüber dem Deutschlandradio: „Diese Kostenlosigkeit ist nicht demokratisch, sondern demagogisch.“ Für das Funktionieren von Demokratie seien Werte wichtig. Auch intellektuelle Werte. Werke des Geistes müßten genauso honoriert werden wie Investitionen in „Hardware“. Französisches Gallica-Projekt mit etwa 100.000 Werken Das seit 1997 von der französischen Nationalbibliothek betriebene virtuelle Bibliotheksprojekt „Gallica“, aus der derzeit 100.000 Werke im Netz abrufbar sind, umfaßt nur „öffentliche Werke“, die keinem Urheberrecht unterliegen. Der Versuch der Nationalbibliothek, auch urheberrechtlich geschützte Werke einzustellen, mußten nach heftigen Protesten der Verlage aus dem Internet-Angebot entfernt werden. Google versucht sich nun auch mit Blick auf die Urheberrechte als Dammbrecher. Auf der Pariser Buchmesse soll das geschäftstüchtige Unternehmen nach Kathrin Hondl die Verlage mit einem „scheinbar verlockenden Angebot“ konfrontiert haben, nämlich der „kostenlosen Digitalisierung ihrer Bücher, von denen dann aber nur Ausschnitte bei ‚google print‘ im Internet zu lesen sein sollen“. Überdies will Google Verweise zu verschiedenen Internet-Buchhändlern avisiert haben, wo das ganze Buch dann käuflich erworben werden könne.

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