Friedrich Schiller und die deutsche Katastrophe / Der Charakter der Nation

Unter den nachgelassenen Papieren des vor 200 Jahren am 9. Mai verstorbenen Friedrich Schiller befand sich das Gedichtfragment „Deutsche Größe“. Die drei Folioblätter werden auf 1797 oder auf 1801 datiert. Das erste Datum würde auf den Friedensschluß von Campoformio, das zweite auf den Frieden von Lunéville als Anlaß für das Gedicht verweisen. Beide Male ging es darum, daß Österreich, dessen Herrscher die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation trug, der Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich zustimmen mußte. Das napoleonische Frankreich demonstrierte den Deutschen und ihrem mittelalterlichen Reich ihre politische Ohnmacht. Eine Situation, die, wie Schiller wußte, ein Ergebnis des Dreißigjährigen Krieges war, in dessen Folge die Flankenmächte ein Kontrollrecht über Deutschland beanspruchten und seine Zersplitterung in Duodezstaaten nach Kräften förderten. Aus den politischen, ökonomischen und militärischen Rückständigkeiten des verhinderten Nationalstaates zog Schiller, weil sie nicht zu ändern waren, in dem Gedicht den radikalen Schluß, daß es gar nicht darauf ankomme, denn „abgesondert von dem politischen hat der Deutsche sich einen eigenen Wert gegründet, und wenn das Imperium auch unterginge, so bliebe die deutsche Würde unangefochten. Sie ist eine sittliche Größe, sie wohnt in der Kultur und im Charakter der Nation, der von ihrem politischen Schicksal unabhängig ist.“ Diesem pathetischen Bekenntnis zur Innerlichkeit steht man heute, zwei Weltkriege und zwei zerbrochene Reiche danach, politisch skeptisch gegenüber. Die Annahme, daß die Vollendung des Individuums durch Bildung und Ästhetik ein vollwertiger Ersatz für politische Emanzipation sein könne, hat sich als irrig erwiesen. Auch wenn sie von Schiller formuliert wurde, sie läßt nicht darüber hinwegsehen, daß die politische Kultur des Landes sich gegen den humanen Gehalt der deutschen Klassik abschottete und nur ausnahmsweise auf der Höhe der Zeit war. In den europäischen Nachbarstaaten hatten die Philosophen und Schriftsteller der Frühaufklärung den Adel auf ihrer Seite. Für den französischen Hof war die Literatur ein Mittel der Repräsentation. In Frankreich wie in England entwickelte sich eine literarische Adelskultur. In der Folge setzte sich ein Stilideal durch, das die Popularisierung auch schwieriger Stoffe unter Verzicht auf manche Tiefe ermöglichte. „Der englische Respekt vor dem Common sense, in unserer Philosophie zur Banalität entwertet, hat eine humane Wurzel und eine politische Funktion“, schreibt Helmuth Plessner. In Deutschland wurden die Dichter als Heroen gefeiert, aber nicht als literarische Citoyens. Ein völlig unverdächtiger Zeuge wie der Historiker Friedrich Meinecke sah die Folgen sehr deutlich. In seinem 1946 veröffentlichten Klassiker „Die deutsche Katastrophe“ betont er, daß Deutschland im Laufe der Geschichte nicht nur von Engeln umgeben war und der „Nationalsozialismus Hitlers, der uns unmittelbar in diesen Abgrund geführt hat, (…) keine bloß aus deutschen Entwicklungskräften abzuleitende Erscheinung“ ist. Doch klar war ihm auch, daß die „weltpolitische Lage nie ausschließlich durch Kräfte bestimmt (wurde), die unabhängig von uns und über uns hinweg ihr Spiel treiben. Immer kam es, um sie zu gestalten, auch auf das Wollen und Können der eigenen Nation an. Und die Frage nach den Ursachen unserer weltpolitischen Niederlagen und Katastrophen muß uns jetzt zu der Frage führen, wie es mit dem Wollen und Können unserer leitenden und die deutsche Weltpolitik beeinflussenden Schichten gestanden hat, mit ihrer geistigen Struktur und Mentalität.“ Die Kapitulation vom 8. Mai 1945 markiert die Niederlage und den Schlußpunkt eines politisch-militärischen Traditionsstrangs, der mit der Kultur und dem Geistesleben aber nicht identisch ist. Als Karl Jaspers sich 1945 in einem Brief an die norwegische Schriftstellerin Sigrid Undset gegen die totale Verdammung Deutschlands verwahrte, tat er das in der Hoffnung, die Deutschen könnten nach dem Sieg der Alliierten ihre „eigentliche, gute geistige Welt wieder aufbauen und weiterentwickeln“. Als machtpolitischer Akteur dagegen war das Land gescheitert. Konrad Adenauers schöpferische Leistung nach 1945 bestand in der Erkenntnis, daß Deutschland, um als Nation zu überleben, sich nur auf geliehene Macht stützen konnte. Daher forcierte er die Einbindung in die Nato und die Vorläuferorganisation der Europäischen Union. Man mag diese politischen Entschlüsse, die den Abschied von alten politischen Traditionen bedeuteten, eine „Verwestlichung“ nennen. Diese politische Umorientierung hätte die Chance bieten können, dasjenige, was von der eigenen Kultur und Lebensform gut und bewahrenswert war, zu sichern oder in anderer Weise in Freiheit zu setzen. Und gehörte der deutsche Kulturbegriff, wenn man ihn von ideologischen Überhöhungen und politischen Zumutungen befreite, nicht dazu? Thomas Mann verteidigte die deutsche „Innerlichkeit“ noch 1945: „Zartheit, der Tiefsinn des Herzens, unweltliche Versponnenheit, Naturfrömmigkeit, reinster Ernst des Gedankens und des Gewissens, kurz, alle Wesenszüge hoher Lyrik mischen sich darin, und was die Welt dieser deutschen Innerlichkeit verdankt, kann sie selbst heute nicht vergessen: Die deutsche Metaphysik, die deutsche Musik, insbesondere das Wunder des deutschen Liedes, etwas national völlig Einmaliges und Unvergleichliches, waren ihre Früchte.“ Diese Sätze sind heute nur noch wenigen verständlich. Die Heuschrecken des Kulturbetriebs haben auch von diesem vermeintlich letzten Faschismus-Refugium nichts mehr übriggelassen. Zur Strafe steht die Bundesrepublik heute, wo ihr identitätsstiftender Wohlstand dahinschmilzt wie Schnee in der Frühlingssonne, erschreckend dürftig da. Vielleicht rückt uns Schiller, der statuarische Klassiker und unzeitgemäße Rhetoriker, in dieser Situation wieder näher. An nahezu jedem Kleiderhaken im Land hängt heute ein Geßler-Hut, der herzogliche Tyrann heißt „politische Korrektheit“, und es gibt eine engagierte Literaturszene, aber kaum einen Satz, der den Tag überlebt. Hochaktuell ist die Philippika gegen die nach Fürstengunst und Zeitungslob begierigen Geschichtsschreiber: „Beklagenswerter Mensch, der mit dem edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres ausrichtet als der Tagelöhner mit dem schlechtesten! der im Reiche der vollkommensten Freiheit eine Sklavenseele mit sich herumträgt.“ Ja, das ist Schiller-Pathos. Pathos bedeutet laut Hegel „eine in sich selbst berechtigte Macht des Gemüts, einen wesentlichen Gehalt der Vernünftigkeit und des freien Willens“. Wir brauchen in Deutschland viel mehr davon.

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