Joachim Kuhs

 

„Intellektuelle Disziplinierung“

Herr Professor Rabehl, wegen Ihres Interviews in der März-Ausgabe der NPD-Parteizeitung „Deutsche Stimme“ will Ihnen das Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität Berlin nun die Lehrbefugnis entziehen (siehe JF 21/05). Institutsdirektor Bodo Zeuner wirft Ihnen vor, „durch das Interview in unerträglicher Weise gegen Prinzipien demokratischer Gesinnung und Gesittung verstoßen“ zu haben. Rabehl: Der Skandal besteht vielmehr darin, daß man einem Hochschulprofessor vorschreiben will, in welcher Zeitung er sich äußern darf und in welcher nicht. Das ist inakzeptabel, zumal für ein ehemaliges Mitglied der Studentenbewegung: spießbürgerliche Denkvorschriften contra Meinungsfreiheit! Dieser Versuch einer Beschneidung der Meinungsfreiheit und der intellektuellen Disziplinierung steht in der Tradition ähnlicher Auseinandersetzungen, wie etwa die um Martin Walser, Peter Sloterdijk oder unlängst um Konrad Löw. Das ist schlimmer als in der DDR. Bitte? Rabehl: In der DDR saß die Zensur in einer Behörde und war eindeutig zu benennen. Heute sitzt sie in den Köpfen und existiert offiziell gar nicht. Diese Uneindeutigkeit macht die politisch korrekte Zensur in der Bundesrepublik Deutschland intellektuell gefährlicher als die kommunistische Zensur in der DDR. Zeuner wirft Ihnen ein „Bekenntnis zur NPD und deren völkisch-nationalistischen Ideologemen“ durch das Interview vor. Rabehl: So ein Unsinn, ich habe vielmehr der NPD einen inneren Faschismus attestiert und eine Überwindung desselben verlangt. Ausdrücklich stellen Sie im Interview sogar „nationalsozialistische und rassistische“ Postionen bei der NPD fest und kritisieren diese. – Hat Herr Zeuner Ihr Interview überhaupt gelesen? Rabehl: Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er so absurde Vorwürfe gar nicht formulieren können. Dahinter steckt vielmehr ein denunziatorisches Motiv: „Den Rabehl machen wir jetzt fertig!“ Wie Sie wissen, gibt es eine ganze Reihe von Leuten, die seit Jahren versuchen, meine Ächtung zu bewirken. Sie spielen auf Ihren Vortrag vor der Münchner Burschenschaft Danubia 1998 an, der eine Kampagne gegen Sie ausgelöst hatte. Rabehl: Ausgelöst hat die Kampagne, mich gesellschaftlich „einen Kopf kürzer zu machen“, nicht mein Vortrag, sondern eine „Clique“ antifaschistischer Studenten, Lehrender und Journalisten, die die Sache so dargestellt haben, als hätte ich eine Huldigungsrede auf einem Veteranentreffen der Totenkopf-SS gehalten. – Ich kann mir in der Tat nicht vorstellen, daß Professor Zeuner das Interview gelesen hat – ebensowenig wie die meisten Journalisten, die in den letzten Tagen über den Fall berichtet haben. Denen reicht das Stichwort „NPD“, und dann steht das Urteil fest. Also ist Zeuner nicht die treibende Kraft hinter Ihrem Rausschmiß? Rabehl: Nein, Professor Zeuner ist ein netter Mensch, überhaupt nicht der Typ „Menschenhetzer“ und „Denunziant“. Aber er beugt sich dem Druck, den die antifaschistischen Kreise am OSI und die Stimmung der „Kampf gegen Rechts“-Journalisten erzeugen. Ich kann das verstehen – wenn ich es auch nicht besonders ruhmreich finde. Sie müssen bedenken, daß es am OSI Leute gibt, die ernsthaft die Auffassungen vertreten, daß vierzig Prozent der SPD-Parteigänger rechtsradikal seien. Das sind „Antifaschisten“ im schlechtesten Sinne des Wortes, und die bestimmen im Institut die weltanschauliche Atmosphäre. Was haben Sie Professor Zeuner in Ihrem Antwortschreiben mitgeteilt? Rabehl: Ich habe ihm geschrieben, daß ich mir sehr genau überlegt habe, ob ich das Interview geben soll. Und daß ich dann zu der Einsicht gekommen bin, schon deshalb zuzustimmen, um nicht von mir sagen zu müssen, ich habe mich dem Druck der Political Correctness gebeugt. Und außerdem hat mich das Thema interessiert. Nämlich? Rabehl: Mich interessiert die Frage, ob es sich bei der NPD um eine echte Opposition handelt und ob die Partei Hegemon einer außerparlamentarischen Opposition von rechts werden könnte. Das klingt aber doch etwas nach Parteinahme. Rabehl: Es ist bezeichnend für das intellektuelle Klima in unserem Land, daß man sich eine Beschäftigung mit einem Thema inzwischen nicht mehr demokratisch – also unter dem Gesichtspunkt vorbehaltloser Prüfung -, sondern nur noch totalitär – also unter dem Gesichtpunkt: Freund oder Feind – vorstellen kann. Ich habe das Interview nicht unter dem Aspekt der politischen Sympathie, sondern der politischen Auseinandersetzung gegeben. Allerdings empfehlen Sie im Interview der NPD quasi, die Position eines Befreiungsnationalismus einzunehmen. Rabehl: Die NPD besteht aus mehreren Strömungen, falls es der Partei gelingt, sich aller nazistischen Tendenzen zu entledigen und sich zu einer echten national-emanzipatorischen Opposition zu wandeln, müßte das nicht nur ich, sondern eigentlich auch die Verfassungshüter begrüßen. Der „Tagesspiegel“ wirft Ihnen vor, Sie verglichen in dem Interview die „Motive des jüdischen Volkes nach 1945, als Antwort auf die ‚Diskriminierungen‘ den Staat Israel zu gründen, mit der Gedankenwelt des einstigen NPD-Vorsitzenden Adolf von Thadden“. Rabehl: Ich habe bei diesem Punkt sehr lange überlegt. Die Juden sind ein Volk, das über Jahrhunderte als Nation und Staat nicht mehr existierte und dennoch nicht nur überlebt, sondern sich 1949 einen neuen Staat geschaffen hat. Adolf von Thadden, der übrigens im Zuge der Säuberung nach dem 20. Juli 1944 Angehörige durch die Blutrichter der Nazis verloren hat, hat gleichsam aufrichtig versucht aus der Niederlage von 1945 zu lernen, dem NS-Ballast der deutschen Geschichte abzuschwören und die Nation sozusagen geläutert neu zu formieren. Insofern sehe ich da in der Tat Parallelen. Ihnen wird nicht nur dieser Vergleich, sondern auch die Verwendung des Wortes „Diskriminierung“ für die Judenverfolgung vorgeworfen. Rabehl: Was die Herrschaften nicht wissen: Ich habe das Wort aus einem zionistischen Manifest zitiert – ohne freilich das Zitat kenntlich zu machen. Diese Sache zeigt nur, wie grotesk das Ganze ist! Es geht überhaupt nicht um tatsächlichen Antisemitismus, sondern allein darum, jedes Steinchen umzudrehen, um nur irgendwie dem Mißliebigen am Zeug flicken zu können. Am liebsten würde man mir vermutlich die Leugnung des Holocaust vorwerfen. Das können sie aber nicht, weil ich mein Leben lang für Israel eingetreten bin. Sogar die Berliner Zeitung mußte in ihrem Beitrag zerknirscht zugeben, angeblich „rechtsextrem“ aber nicht „antisemitisch“. So ein Pech. Prof. Dr. Bernd Rabehl , Jahrgang 1938, war einer der engsten Weggefährten Rudi Dutschkes und lehrt Soziologie an der Freien Universität Berlin. weitere Interview-Partner der JF

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