Rückkehr des verlorenen Sohnes

Herrscht ein „Rechtschreib-Krieg“? Hartmut von Hentig zumindest ist dieser Ansicht. Der Reformpädagoge hat deswegen 14 Punkte zur Beendigung dieses „Krieges“ aufgestellt, die kürzlich im Wallstein-Verlag erschienen sind. Hentig gehört der Rechtschreibkommission der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (DASD) an, die seit 1997 besteht und auf Einfluß des Potsdamer Germanisten Peter Eisenberg einen Kompromiß verficht. Allein: Ein Kompromiß auf der Grundlage der Rechtschreibreform kann nur ein Sieg der Reformer sein, denn er ginge von der Annahme aus, daß sich die Reform durchgesetzt habe und es nur darum gehe, dem Sieger einige Zugeständnisse abzuringen. So preist die DASD ihren Kompromißvorschlag an, als bestünde nur die Wahl zwischen Krankheit und Tod. In Wirklichkeit ist eine große Zahl von Verlagen bei der bewährten Rechtschreibung geblieben oder zu ihr zurückgekehrt. Die Opfer und Verlierer dieses „Krieges“ und solcher Friedensverhandlungen sind zuerst die Schüler, die als Versuchskaninchen mißbraucht werden, und außerdem die deutsche Schreibgemeinschaft insgesamt, die auf Kosten verwickelter Vereinfachungen der Möglichkeiten zur eindeutigen Verständigung beraubt wird. Der bekannte Erlanger Germanist Theodor Ickler hatte bereits im Jahr 2000 Hentigs Befähigung, Kompromisse vorzuschlagen, in Frage gestellt. „Man kann solche Sachen nicht leichthin aus dem normalen Bildungshaushalt eines belesenen Zeitgenossen erledigen“, fertigte er die Vermittlungsversuche Hentigs seinerzeit ab. Ickler wirft Hartmut von Hentig und Peter Eisenberg eine Mitverantwortung an der Schläfrigkeit und Zahnlosigkeit der DASD vor. Im Frühjahr 1997 hatte die Akademie den Vorschlag Icklers aufgegriffen und beschlossen, ein Jahr später ein „reines Rechtschreibwörterbuch“ herauszugeben, „um nach der Aufhebung des Dudenprivilegs die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung wiederherzustellen und zu bewahren“. Das Vorhaben scheiterte, und Ickler mußte das Wörterbuch alleine erstellen. Auf Betreiben Hentigs und vor allem Eisenbergs, der aus der Zwischenstaatlichen Rechtschreibkommission ausgetreten war, entschied sich die DASD dafür, einen Kompromiß ausarbeiten zu lassen. Der von Eisenberg entworfene Kompromiß blieb jedoch Stückwerk, so daß es den Reformern leichtfiel, die von der Kultusministerkonferenz (KMK) verordneten Gespräche mit der DASD im Frühjahr 2004 scheitern zu lassen. Das Angebot zweier Sitze im neuen Rat für deutsche Rechtschreibung lehnte die Akademie im Oktober ab. Ihr Präsident Klaus Reichert erklärte, daß der Aufbau des Rechtschreibrates mit seinen 36 Mitgliedern falsch sei und dessen Arbeitsbedingungen unzulänglich. Die notwendige Anpassung der Rechtschreibreform müsse statt dessen „durch eine neu zu schaffende nichtstaatliche Instanz“ erreicht werden, die nicht mehr als sechs Mitglieder haben solle. Eisenberg tönte, der Rat sei nicht arbeitsfähig: „Wir sind schon tot, bevor wir da sitzen. Ich bestreite, daß das Palaver-Gremium zu sinnvollen Ergebnissen kommen kann.“ Die Akademie kündigte außerdem an, ihre Vermittlungsbemühungen aufzugeben. Deswegen erstaunt es, daß nun Hentig mit seiner „Parva Charta für den bleibenden Regelungsauftrag“, die im Hausverlag der DASD erscheint, nachlegt. Die Vorbedingung, daß ein „bleibender Regelungsauftrag“ bestehen soll, ist bereits fragwürdig. Die Widmung des Buches für Peter Eisenberg verrät die Absicht des Verfassers, der bekennt, daß seine Vorliebe dem Kompromißvorschlag der Akademie gehört: „Aber auch er ist verhandelbar, jedenfalls in einer Reihe von Punkten. Peter Eisenbergs richtiges Wissen darf nicht in Orthodoxie umgemünzt werden.“ Hentigs Punkte 1 bis 13 für den Rechtschreibfrieden leiten zum eigentlichen Gegenstand, dem Kompromiß hin. Auf diesem Weg verweist der emeritierte Pädagogikprofessor auf die Notwendigkeit der Einheitlichkeit der Rechtschreibung und auf Gründe und Ziele für Rechtschreibreformen. In Punkt 9, dem eigentümlichsten, äußert sich der Reformpädagoge Hentig: „Die Prüfung der alten Rechtschreibung durch die Schüler und Lehrer unter dem Gesichtspunkt einer wünschbaren Reform wäre ein vorzügliches Projekt der Schreiberziehung, ja der Spracherziehung überhaupt gewesen.“ Die Verbesserung der Reformregeln könne immer noch ein solches Unterrichtsvorhaben sein. Schüler sollten an der Prüfung und der Lösung von schwierigen Rechtschreibfragen beteiligt werden. Hentig lehnt im 14. und letzten Punkt den Rat für deutsche Rechtschreibung ab. Er sei erstens zu groß und zudem nicht ausschließlich mit Wissenschaftlern, sondern mit Vertretern unterschiedlicher Interessenverbände besetzt, so daß kaum eine Einigung zu erreichen sei. Zweitens sei der Rat darauf festgelegt, auf der Grundlage der Rechtschreibreform zu arbeiten, was ihm nicht zuzumuten sei. Drittens fehle dem Rat die Ausstattung für die notwendige Forschungsarbeit. Daß seine Geschäftsstelle am Institut für deutsche Sprache (IDS) in Mannheim liege, wo auch die Zwischenstaatliche Kommission ihren Sitz hatte, sei nicht gerade ein Zeichen von Neutralität. Und letztens beanstandet Hentig, daß der Rat nur Vorschläge machen könne. Die Entscheidung über die Regeln liegt nämlich nach wie vor bei der KMK, also bei Politikern, nicht bei Fachleuten. Diese Kritik ist zwar mehr als berechtigt. Ungünstigerweise traf jedoch das Erscheinen des Buches, das als Schützenhilfe für Hentigs Freund Eisenberg gedacht war, im Februar dieses Jahres mit der Meldung zusammen, daß Eisenberg nun doch im Rat mitarbeitet, welchen er kurz vorher noch als nicht arbeitsfähiges Palaver-Gremium bezeichnet hatte. Eisenberg gehört als „externes Mitglied“ der siebenköpfigen Arbeitsgruppe des Rates an, die unter der Leitung des IDS-Direktors Ludwig Eichinger steht. Der verlorene Sohn ist wieder nach Hause gekommen. Und Hentig steht nun mit seinen für Eisenberg geschriebenen 14 Punkten leicht „belämmert“ da. Thomas Paulwitz ist Schriftleiter der vierteljährlich erscheinenden „Deutschen Sprachwelt“, Postfach 1449, 91004 Erlangen. Hartmut von Hentig: 14 Punkte zur Beendigung des Rechtschreib-Kriegs, Parva Charta für den bleibenden Regelungsauftrag, Göttinger Sudelblätter, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold, Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, 42 Seiten, 12 Euro. Foto: Tagung des Rats für Deutsche Rechtschreibung (8. April 2005)

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