Große Sprache und billige Sprüche

Wir Deutschen hätten eigentlich wieder einmal allen Grund, zumindest ein wenig nationalen Stolz zu zeigen. Seit Wochen bewundert, umjubelt, feiert, belobigt oder achtet zumindest die Welt einen Deutschen, der als Papst Benedikt XVI. Nachfolger des überragenden Johannes Paul II. geworden ist. Die Reden des neuen Papstes nach der Wahl und bei der Amtseinführung haben Millionen Menschen bejubelt und ohne Einschränkung aufgenommen. Sein „Fürchtet Euch nicht!“ und „Habt Mut!“ begeisterte vor allem junge Menschen, die zu Tausenden diesem – von den Zeitgeistpessimisten als konservativ und rückständig bekrittelten – neuen Oberhaupt der katholischen Kirche ihre uneingeschränkte Reverenz erwiesen. Auch wer kein Katholik ist, folgte der Sprache dieses Papstes mit Andacht und Anerkennung. Hier sprach jemand aus Überzeugung, allein aus dem Bestreben nach Ehrlichkeit, Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Diesem Mann glaubt man, daß er sein Amt als Bürde empfindet, die er als Pflicht zum Dienen uneigennützig auf sich nimmt. Das abschreckende Gegenstück zu dieser Woche großer Sprache und demütiger Gesten lieferte dann die deutsche Politik mit fragwürdigen Inszenierungen billiger bis billigster Sprüche. In stundenlangen Live-Übertragungen präsentiert sich der Untersuchungsausschuß zur sogenannten Visa-Affäre des Deutschen Bundestages als Einrichtung dafür, daß das Gegenteil von dem erreicht wird, was er eigentlich bewirken sollte: nämlich Aufklärung. Der klare Sachverhalt, daß die (fast) ungeprüfte Visa-Vergabe in Staaten des ehemaligen Sowjetimperiums aufgrund des sogenannten Fischer-Erlasses zu tausendfachem Mißbrauch, Schleuserkriminalität und neuen innen- wie sicherheitspolitischen Risiken und Kosten geführt hat, wird nun öffentlich vor den Augen der Fernsehzuschauer zerredet. Der grüne Außenminister Joseph Martin Fischer wurde seinem Hätschel-Namen „Joschka“ gerecht, nutzte den kostenlosen und stundenlangen Fernsehwerbespot auf seine Art und brachte es auf den Punkt: „Sagen Sie, ich bin schuld, gehen Sie in den Bundestag und stellen Sie den Antrag auf meine Absetzung“, raunzte er den Ausschußvorsitzenden Hans-Peter Uhl (CSU) an. Die Union weiß, daß das nichts brächte. Also gehen die Sprücheschlachten weiter. Ausgang offen. Den anderen Sprüche-Kanon hatte der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering schon vor vierzehn Tagen angestimmt. Der „ungezügelte Kapitalismus“ ist an der allgemeinen deutschen (und zum Teil nun auch schon europäischen) Wirtschaftsmisere schuld. Der Staat muß ran, um neue bürokratische Hürden dagegen zu errichten. Die Wirtschaft müsse ihren Verpflichtungen gegenüber der Allgemeinheit und insbesondere gegenüber ihren Arbeitnehmern nachkommen. Und sofort werden wieder alle Neidkomplexe bedient, die schon immer Treibsätze linker Gesellschaftspolitik gewesen sind: Mindeststeuer, Erbschaftssteuer, Steuern auf sogenannte Spekulationsgewinne, Mindestlohn – also die seit jeher wirkungslosen Folterinstrumente. Aber die Genossen hoffen, damit vielleicht doch noch die knappe Million Stimmen aufzutreiben, die ihnen nach gegenwärtigen Wählerumfragen für den Urnengang in Nordrhein-Westfalen am 22. Mai fehlen. Das ist das Gegenteil jenes Mutes, zu dem uns der neue Papst Benedikt XVI. aufgerufen hat.

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