Eine endlose Armuts-Karawane kommt

Die Sahara, in westlichen Medien derzeit hauptsächlich wegen der Geiselnahmen von europäischen Abenteuertouristen und der tollkühnen Auto-Rallye Paris-Dakar bekannt, hütet ein Geheimnis, von dem niemand spricht – und das dennoch auf dramatische Weise zunehmend in das Leben der Bevölkerung Afrikas und Europas eingreift. Seit sich in den elenden Dörfern und Städten Afrikas herumgesprochen hat, das irgendwo im Norden, an der Küste des Mittelmeers, sagenhaft reiche und schöne Länder mit traumhaften Verdienstmöglichkeiten zu finden sind, machen sich jeden Monat fünfzehntausend Menschen über Tausende von Kilometer auf den Weg, um durch Steppe und Wüste den Weg in diesen sagenhaften „Norden“ zu finden. Vorläufiges Ziel ist zumeist die kleine italienische Insel Lampedusa (auf halbem Wege zwischen Sizilien und Tunesien gelegen) – oder, wenn es nicht anders geht, irgendein anderer italienischer Strand. Ein Teil der monatlichen fünfzehntausend wird die EU-Küsten niemals sehen: Ungezählte Tote liegen entlang der Sandpisten Afrikas, und von denen, die es bis Libyen oder Tunesien geschafft haben, ertrinken viele in den nicht hochseetüchtigen Schleuserbooten. Andere werden von habgierigen Polizisten oder Zöllnern zu Tode gefoltert, um in den Besitz einiger hundert Dollar oder Euro zu gelangen, die sich die Schwarzafrikaner zusammengespart hatten, um die „Überfahrt“ nach Italien bezahlen zu können. Ein Drama von vielen: Ein 24jähriger Lkw-Fahrer aus Benin City sitzt weinend und verzweifelt am Rand der Wüstenpiste. Sein Vater habe alles Wertvolle verkauft, um dem Sohn die Reise ins reiche Europa zu ermöglichen: vom Moped bis zum Kühlschrank und Fernsehgerät. Jetzt habe ihm ein Beamter der Republik Niger die letzten 300 US-Dollar abgenommen. So ist der junge Mann aus dem Norden Nigerias ohne Geld mitten in der Wüste gestrandet. Er muß von Almosen leben – und Europa ist weiter weg denn je zuvor. Tausende von solchen Dramen spielen sich entlang der alten Karawanenroute von Dakar (Senegal) über Bamako (Mali), Niaméy (Niger) über die Wüstenstadt Agadès bis nach Toummo an der Grenze Li-byens ab – viele mit tödlichem Ausgang. Ein anderer junger Mann versuchte, die Banknoten in einem Plastiksack zu verschlucken, um sie nicht in die Hände räuberischer Polizisten und Zöllner fallen zu lassen: Er erstickte daran. „Von Kamerun bis Senegal wollen Millionen von Schwarzafrikanern nichts wie weg. Sie warten nur darauf, die notwendigen Fahrtkosten zusammenzubekommen“, so ein Student, der beiläufig erzählt, einige seiner Freunde hätten es bis London geschafft. Es gibt wahre Heldentaten dieser unbekannten Völkerwanderung: Zwei junge Nigerianer – beide 19 Jahre alt – marschierten 960 Kilometer durch die Wüste, um die libysche Grenze und damit die einzige asphaltierte Rollbahn durch die Sahara bis an die libysche Mittelmeerküste zu erreichen. Für eine Rückkehr nach Hause fehle ihnen das Geld – folglich, so sagen sie, müssen sie irgendwie weiterkommen. Von der Grenze bis ans Mittelmeer brauchen die altersschwachen Mercedes-Laster aus den fünfziger Jahren mindestens vier bis fünf Tage – wenn alles gutgeht und es keinen Motorschaden gibt. An einem Lkw hängen buchstäblich bis zu hundertachtzig Menschen wie die Trauben. Wenn alle lebendig am Ziel ankommen, niemand verhungert oder erstickt ist, können die illegalen Einwanderer von Glück reden. Unterwegs gibt es kaum Trinkwasser: Jeder „Reisende“ trägt irgendeinen Wasserbehälter mit sich. Nur wenige Frauen wagen das Abenteuer dieser Reise nach Italien. Unterwegs müssen sie sich das Fahrgeld – nachdem ihnen die Beamten alles abgenommen hatten – durch Prostitution verdienen. Je Freier erhalten sie weniger als einen Euro – die Fahrkarte von der libyschen Grenze bis zum Mittelmeer kostet umgerechnet 38,50 Euro. Viele der ausgeraubten, geschlagenen und gedemütigten Menschen haben keine andere Wahl, als sich wie Sklaven bei örtlichen arabischen Geschäftsleuten oder Landbesitzern zu verdingen – ohne Bezahlung, dafür aber zumindest mit einer gewissen Verpflegung, die das Überleben angesichts des drohenden Hungertodes ermöglicht. Nach einem oder zwei Monaten „entläßt“ der „Sklavenhalter“ die Ausgebeuteten mit jenen magischen 38,50 Euro – die gerade für eine Fahrkarte Richtung Norden ausreichen, wenn man nicht erneut von habgierigen Polizisten ausgeraubt wird. Interessant ist auch, daß sich unter den Einheimischen gegenüber den Ärmsten der Armen ein regelrechter „Rassismus“ ausbreitet: die libyschen Araber, die Tuareg und die Haussa betrachten die Schwarzafrikaner – besonders, wenn diese keine Moslems, sondern womöglich auch noch Christen sind – als „Minderwertige“, die man dementsprechend behandeln darf. Wenn die Afrikaner schließlich die Küste des Mittelmeeres erreichen, haben sie eine Reise von fünftausend Kilometern hinter sich. Der illegale Transport dieser Menschen hat sich für manche lokale Machthaber, Beamte und Lkw-Besitzer zu einem einträglichen Geschäft entwickelt. Wer Glück hat, kommt, wie an einer der Niger-Grenzstationen, mit einem Wegezoll von hundert Dollar je Person davon. Anderenorts nehmen Militärs und Polizisten gleich das ganze Geld weg – unter dem Vorwand, es handle sich um unerlaubte Devisentransaktionen. Alle Demütigungen und Gefahren können die Schwarzafrikaner jedoch nicht daran hindern, das „gelobte Land“ Europa anzusteuern. Seit etwa drei Jahren hat sich die illegale Einwanderung in Richtung Europa in einen reißenden Strom verwandelt. Eine junge Frau aus Kamerun, die ein Diplom für Informatik einer örtlichen Universität besitzt, erzählte, sie habe ihre kleine Tochter bei den Großeltern gelassen und sei auf die gefährliche Reise gegangen. In Kamerun habe sie 92 Euro monatlich verdient. Nach örtlichen Maßstäben habe sie also zu den Besserverdienenden gezählt. Aber, so fügt sie hinzu: „Ich möchte für mich und meine Tochter eine andere Zukunft als jene, die uns in Afrika geboten wird.“ Im vergangenen Februar habe sie sich zur Abreise entschlossen – nachdem eine ihrer Freundinnen nach der Wüstenreise heil in Italien angekommen ist. Aber ob man unbeschadet ankommt, hängt nicht von einem selber ab – sondern von der Menge des Geldes, das man durch Filzungen und Erpressungen heil bis zum Boot in Richtung Italien retten kann. Auf die Frage, warum es ihn und viele seiner Schicksalsgenossen gerade nach Italien ziehe, antwortete ein Schwarzer: „Wir kennen Nigerianer, die schon in Italien leben, und die sagen, es sei ein sehr schönes Land“. Zwei Monate „Sklavenarbeit“ muß man bei den Arabern leisten, bis man das Fahrgeld zur Küste beisammen hat. Neuerdings hat Muammar al-Gaddafi, der Staatschef Libyens, auf Druck der EU die Südgrenze schließen lassen. Aber, so trösten sich die Illegalen, die Libyer werden die Grenze schon bald wieder öffnen – allein aus geschäftlichen Gründen. Zu große Summen seien da im Spiel. Inzwischen verkaufen die Glücklichen unter den Illegalen gefälschte Markenuhren auf den Straßen von Rom oder Venedig – wenn nicht Schlimmeres. Und der Tag, an dem die Armutsflüchtlinge in den noch reicheren EU-Norden weiterziehen, ist abzusehen – spätestens dann, wenn die italienische Asylpolitik verschärft wird.

EIKE-Konferenz Wissenschaftlich gegen den Klimairrsinn!
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles