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Das Geheimnis der Wirklichkeit

Ernst Robert Curtius, Rivarol und Ernst Jünger – der geistige Ar chipel, in dem das kurze Leben des Karl Eugen Gass seine Spuren hinterließ, ist durch diese drei Koordinaten markiert. Sicherlich keine entlegene Region, keine geistige Provinz. Und doch werden diese Demarkationen dem Autor, dem Menschen Gass nicht gerecht. Vor allem das „Pisaner Tagebuch“, das in den Jahren 1937 und 1938 entstand, ist mehr als eine Adnote zur Wissenschafts- und Literaturgeschichte, es ist ein – wiederzuentdeckendes – Zeugnis individuellen Denkens, feinster Beobachtungsgabe und höchster sprachlicher Sensibilität. Es führt uns immer wieder in Reflexionszonen, die der Zeitgeist bis heute nicht klären konnte, ja die den Zeitgeist heute mehr denn je herausfordern. Das kurze Leben zieht schnell vorüber: Geboren wird Karl Eugen Gass am 21. März 1912 in Kassel, wo er Kindheit und Jugend verbringt. Reifeprüfung 1930, danach Studium, zunächst der Germanistik, dann der Romanistik in Heidelberg, wo er Karl Jaspers hört, München und schließlich Bonn. Hier findet er Anschluß an den „Bonner Kreis“ und an den Romanisten Ernst Robert Curtius, der später mit dem Werk „Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter“ Wissenschaftsgeschichte schreiben sollte. Gass entwickelt sich zu Curtius‘ engstem Schüler. Erste Promotionsideen kreisen um Kierkegaard und Baudelaire, Curtius hingegen regt Gass zu der Auseinandersetzung mit dem konservativen französischen Moralisten Antoine Comte de Rivarol an. Gass setzt seine Studien im Wintersemester 1933/34 an der Pariser Sorbonne fort. Die Dissertation erscheint dann 1938 unter dem Titel „Antoine de Rivarol (1753-1801) und der Ausgang der französischen Aufklärung“. Ernst Jüngers „Rivarol“ (1956) verdankt dieser Abhandlung Entscheidendes. Jünger hat Gass, dem er persönlich nie begegnet war, im Anhang seiner Rivarol-Übersetzung ausführlich gewürdigt. Der nationale Standpunkt als moralische Forderung Nach der Promotion wird Gass 1937 zunächst Austauschstudent in Pisa – hier entsteht das „Pisaner Tagebuch“ -und später Assistent an der Bibliotheca Hertziana in Rom. In Italien rücken Dante, Petrarca und die italienische Renaissance sowie die deutsche Literatur und Geschichtsphilosophie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Zentrum seiner Studien. Und hier begegnet er mehrfach Rudolf Borchardt, der in Lucca in der Nähe von Pisa wohnt. Die fünf glücklichen italienischen Jahre finden mit dem Einberufungsbefehl im Frühjahr 1942 ein jähes Ende. Die Front nähert sich dem zunächst bei einem Artillerievermessungstrupp, dann als Offizier bei der Infanterie Dienenden. In seinem ersten Gefecht fällt Gass am 18. September 1944 bei Eindhoven. Sein literarischer Nachlaß: das „Pisaner Tagebuch“, Aufzeichnungen aus der römischen Zeit, Briefe, eine Abhandlung zur Korrespondenz der Brüder Grimm mit Achim von Arnim („Die Idee der Volksdichtung und die Geschichtsphilosophie der Romantik“, 1940), mehrere Rezensionen und ein Sammelband von ihm übersetzter zeitgenössischer italienischer Prosa („Das Antlitz Italiens“, 1943). Unausweichlich ist zunächst die Frage nach der Möglichkeit eines kontemplativen Lebens inmitten einer Welt der Aktion. Die weltpolitische Lage, dann der drohende Krieg markieren als Linien den Horizont des „Pisaner Tagebuchs“. Die Nation, der nationale Standpunkt sind für Gass stets als moralische Forderung präsent, der er sich nicht entzieht: „Während meine Altersgenossen zum Feindflug gegen London starten, fahre ich nach Assisi“, notiert er am 13. September 1940 nicht ohne Selbstkritik, als er bei der Ausfahrt aus Rom einen Soldatenfriedhof passiert. Die Einberufung empfindet er dann sogar als Befreiung, als Gang ins Freie. Gass sieht sich nicht isoliert, exiliert, ausgeschlossen, im Gegenteil: Die Vermittlung deutscher Sprache und Kultur, ja auch deutscher Positionen ist eine wichtige Motivationsquelle für sein Wirken in Italien. „Ich suche F. zu bewegen, besser Deutsch zu lernen, weil ich stets meine, im deutschen Schrifttum des unvergänglichen halben Jahrhunderts von 1780-1830 warte gerade auf die romanischen Menschen eine unvergleichliche Bereicherung ihres Wesens“. Und doch werden für Gass das Wirken und die Wirklichkeit immer wieder durchlässig, scheint hinter den Kulissen der Realität eine andere, eine höhere Wahrheit auf, die den konkreten Raum, die konkrete Zeit und die konkrete Tat transzendiert: „In den Abendstunden, wenn die Straßen fast ausgestorben sind, bekommt das Steinerne etwas Unheimliches, Ertötendes, und besonders die Marmorgebäude, die auf ihrem Rasenplatz ihr schweigendes Wesen haben, wirken in der Nacht, wenn sie von Scheinwerfern kalt angestrahlt werden, in ihrer gleichsam kristallenen Struktur ganz erdenfern, wie eine Architektur des Mondes oder wie Spuren der Baukunst eines ausgestorbenen Geschlechtes, das einst von einem fernen Gestirn zur Erde kam.“ Chiffren der Wirklichkeit lesen und verstehen Wer wie Gass diese Chiffren der Wirklichkeit lesen kann und zu verstehen vermag, den treibt es unweigerlich in Zonen der Weltferne, die möglicherweise eine höhere Wirklichkeit darstellen, die aber, so zeigen viele Stellen im „Pisaner Tagebuch“, auf geheimnisvolle Weise auch mit den Forderungen der Gegenwart, der Nation, des eigenen Volkes verknüpft sind und das „Geheimnis unserer geschichtlichen Existenz“ ausmachen. Gass lüftet dieses Geheimnis nicht, sondern umschreibt es in immer neuen Ansätzen, die ausgehen von der deutschen Geschichtsphilosophie der Romantik, von Wilhelm von Humboldt, der den universellen Geist in den nationalen Individualitäten verwirklicht sah, von Kleist, Novalis, aber auch in produktiver Auseinandersetzung mit Benedetto Croce: „Die schwere Frage bleibt, ob die Ebene der Humanität eine höhere, eine wertvollere ist. Ihre Bejahung würde heißen, daß alle höhere Kultur sich von der allzu strengen Bindung an das Nationale zu befreien suchen muß, und damit ist man auf dem besten Wege zur Aufklärungskultur, die stets in Gefahr ist, sich ins Blutlose und Generelle zu verlieren“. Wohlgemerkt: Die Frage bleibt „schwierig“ und wird nicht letztgültig beantwortet, die Ablösung vom Nationalen eröffnet bloß den „Weg“ zu einer nur potentiell blutlosen Abstraktheit. Gass verharrt in subtilen Abwägungen auf der Schwelle, umkreist die Frage nach einer ganzheitlichen Wirklichkeits- und Geschichtsbetrachtung in konzentrischen Kreisen, die immer wieder münden in das „Geheimnis der Wirklichkeit, von dem sich nur abgebrochen und unzulänglich reden läßt“. „Über dem Abgrund schwebend sich halten“ – so hat Gass den labilen Zustand an der Peripherie der Realität und zugleich an der Peripherie der „anderen Seite“ beschrieben. Und hierin liegt die Einzigartigkeit seiner Aufzeichnungen: Daß sie sich nicht dezisionistisch verhalten und die Erkenntnis nicht der Entscheidung opfern, auch wenn die Zeit danach verlangt. Und daß sie die Spannung auszuloten wissen, die zwischen der „seelischen Gebundenheit an das Vaterland“ und dem „ungebundenen Fragen und Erkennen des Geistes, der keine Schranken anerkennen kann“, unweigerlich besteht. Das konzentrische Kreisen um einen imaginären Lebensmittelpunkt, eine „Seelenheimat“, gibt dem „Pisaner Tagebuch“ und den übrigen Aufzeichnungen von Karl Eugen Gass ihre unverwechselbare Gestalt. Abwesenheit und Anschauung sind die Pole seines Denkens – so wie sie in der fast täglichen Korrespondenz mit seiner Frau Ilse, die mit der Tochter in Deutschland lebt, deutlich werden. Über die Entfernung hinweg entsteht in den Briefen eine unmittelbare Gegenwärtigkeit, die sich in gemeinsamer Lektüre, aber auch im Nachleben historischer Lebensentwürfe konkretisiert: So dient der Briefwechsel zwischen Wilhelm und Caroline von Humboldt, der ihr gesamtes Eheleben auch über große, innere wie äußere Distanzen hinweg begleitet und ganz eigentlich dessen innerste Einheit ausmacht, als perspektivischer Fluchtpunkt für das eigene Wirklichkeitsempfinden. Imaginär und höchst anschaulich zugleich sind auch die Fluchtpunkte, an denen sich für Gass die Spannung von Geist und Moral, die die eigene Gegenwart schneidend bestimmen, aufzulösen scheint und an denen sich eine ursprüngliche Einheit zumindest erahnen läßt. Hierzu zählt das italienische Mittelalter, das Curtius erschloß und das Borchardt mit einer Mantelwissenschaft in seiner Totalität zu umfassen gedachte, und hierzu zählt vor allem die Antike, deren unableitbare, fremde Ursprünglichkeit sich Gass vor allem über die griechische Vasenmalerei erschließt. Hier wagt er einen Blick in eine noch ungetrennte Seinsweise, in ein „Übermaß des Lebens“, dessen Verlebendigung seine Prosa auf kanonische Höhen führt: „der Schrei, den ein Krieger ausstoßen mag, der seine Lanze dem Gegner in die Weiche stößt, und zugleich das Stöhnen des Getroffenen, ein Hetzruf und der rasende Hufschlag eines Viergespanns, das schrille Locken der Flöte und das Geschrei der Thyrsusträger, heißes Liebesgeflüster und schamloses Lachen, und all dem gegenüber das sittsame Ruhen bei Tisch, das Wandeln im Gespräch, die hoheitsvolle Haltung einer verschleierten Matrone, die Anmut eines jungen Mädchens, der stille Abschied, wenn der Tod uns ruft. Wann werd ich’s begreifen?“ Endlose Spaziergänge bis zur physischen Erschöpfung Die bloße Ahnbarkeit eines ganzheitlichen Lebens, das greifbar und zugänglich erscheint, sich aber zugleich immer wieder verrätselt und verdunkelt, verdichtet sich in dieser Frage, in der Trauer über ihre Nichtbeantwortbarkeit mitschwingt. Denn in den Labyrinthen der Gegenwart verliert sich die Entschiedenheit der eindeutigen Erkenntnis, treiben Macht und Geist, Feuer und Blut antagonistisch auseinander. Immerhin: im „Philosophieren aus einem reichen, körperlich bewegten Leben, wo der ganze Mensch sich regt und aus der Lust des bewegten Leibes den Aufschwung zum Abstrakten nimmt“, erlebt Gass einen Abglanz jener Ganzheit: endlose Spaziergänge bis zur physischen Erschöpfung, Skitouren, Radfahrten durch das Wüten der Elemente schließen den Geist auf und geben ihm die entschiedene Richtung. Sie führt zur Formulierung einer Erkenntnis, die als Motto über dem Denken des Karl Eugen Gass steht und die als Impuls in unserer Zeit wirken sollte, in der „geradlinige Wahrheiten“ absolute Gültigkeit zu besitzen scheinen: „Stets werden jene Themen, die dem geradlinig denkenden Verstand nicht zugänglich sind und die darum von den meisten gemieden werden, die eigentliche Wahrheit enthalten.“ Dr. Alexander Pschera ist Germanist und arbeitet zur Zeit an einer Neuausgabe der Rivarol-Dissertation von 1938. Er lebt in der Nähe von München.

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