Der lebendige Kosovo-Mythos Carl Gustaf Ströhm

Keine geringe Aufregung hat in Kroatien die Neujahrsbotschaft des Oberhauptes der serbisch-orthodoxen Kirche in Belgrad hervorgerufen. Der greise Patriarch Pavle hatte darin die Gültigkeit des „Kosovo-Mythos“ bekräftigt – jene Lehre oder jenes „Vermächtnis“, das besagt, die christlich-orthodoxe und nationale Identität der Serben gründe sich auf die Schlacht am Amselfeld (Kosovo Polje) im Jahre 1389. Damals vernichteten die Osmanen unter Murad I. das seit 1180 von Byzanz unabhängige serbische Reich, Zar Lazar fiel im Kampf. Erst 1878 entstand wieder ein unabhängiges Serbien. Das alles wäre ein Thema für Geschichtsbücher – hätte nicht dieser Kosovo-Mythos im vergangenen Jahrhundert auf blutige Weise in die Auseinandersetzungen auf dem Balkan eingegriffen. Es war kein Zufall, daß am Veitstag – dem 28. Juni 1914, dem Jahrestag der Schlacht (serbisch: Vivodan) – in Sarajevo jene tödlichen Schüsse fielen, welche den wichtigsten Gegner großserbischer Bestrebungen, den k.u.k.-Thronfolger Franz Ferdinand, niederstreckten. Daraus entstand der Erste Weltkrieg mit Millionen von Toten. Aber es entstand auch das unter serbischer Hegemonie stehende Jugoslawien: 1918-41 unter der Dynastie Karadjordjevic, ab 1945 als kommunistische Diktatur unter Tito. Am 28. Juni 1989 wurde der Veitstag wieder zum Schicksalstag: Am 600. Jahrestag sprach vor über hunderttausend Serben der damalige KP-Chef Slobodan Milosevic. Seine Rede war faktisch eine Kriegserklärung an alle nicht-serbischen Völker des damaligen Jugoslawien. Diese hätten sich dem serbischen Willen zu unterwerfen – oder man werde sie mit Gewalt dazu zwingen. Die Folgen sind bekannt: Im Namen des Kosovo-Mythos entfesselte Milosevic Kriege und Militäraktionen gegen die „abtrünnigen“ Republiken Slowenien und Kroatien. Serbische Militärs und Freiwilligenverbände scheuten vor Massenmorden an katholischen Kroaten, moslemischen Albanern und Bosniern nicht zurück. Wenn es einen faßbaren Plan hinter diesen Morden gab, dann war es der Traum von jenen „ethnisch und religiös reinen“, großen und mächtigen Serbien, der 1389 auf dem Amselfeld unerfüllt geblieben war. Daß das Kosovo inzwischen überwiegend von moslemischen Albaner besiedelt war, machte die Sache nur noch dringlicher. In Kroatien hoffte die im Jahr 2000 ans Ruder gekommene postkommunistische Regierung, mit gewissen sozialistisch-liberalen Belgrader Kreisen zu einer Übereinkunft „jenseits von Kosovo“ zu kommen – mit wenig Erfolg. Inzwischen wurde Premier Racan abgewählt – und die nationale „Tudjman-Partei“ HDZ ist in Zagreb wieder an der Regierung. Nach dem Wahlsieg der serbischen Nationalisten (siehe JF 3/04) meldet sich nun in Belgrad die oberste Autorität der serbischen Orthodoxie mit einer Darstellung zu Wort, die bei vielen Kroaten, aber auch Albanern, Bosniern und Mazedoniern die Furcht hervorruft, es könne demnächst zu einer „neuen Runde“ im Kampf um Groß-Serbien kommen. Auch viele „westliche“ Serben betrachten Katholiken und Moslems als „Verräter“ am Slawen- und Christentum. Solange sich diese Einstellung nicht ändert, kann von einem dauerhaften Frieden in und um Serbien keine Rede sein. Manche im Westen fordern inzwischen mehr „Verständnis“ für Serbien und die Serben – gewiß, aber doch nicht um den Preis einer neuen großserbischen Herrschaft über Völker, die das nicht wollen?

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles