Das Ende in Marienfels

Das war’s – so lange haben wir darum gekämpft, daß man uns wenigstens ein kleines bißchen Würde läßt. Und so sieht jetzt das Ende aus.“ Claus Cordsen betrachtet voller Bitterkeit die Bilder von der Brache auf dem Dorffriedhof von Marienfels, wo bis Ende vergangener Woche noch das befehdete, geschändete und teildemontierte Gefallenendenkmal seines Veteranenverbandes gestanden hat (JF 20/04). Inzwischen hat die Polizei die Reste des nachts von Unbekannten zerstörten Mahnmals abgeräumt. „Zur Spurensicherung“, erklärt Cordsen gegenüber der JF und fügt hinzu: „Die kriegen wir“, habe ihm der Leiter der zuständigen Polizeidienststelle, die die Ermittlungen begonnen hat, versichert. Aber es klingt, als spreche sich Cordsen, Vorsitzender des Kameradschaftsverbandes der Soldaten des 1. Panzerkorps der ehemaligen Waffen-SS e.V., lediglich selbst Mut zu. Tatsache ist, daß das Denkmal schon dreimal zuvor von Unbekannten geschändet worden war und die Ermittlungen jedesmal ergebnislos geblieben sind. Und auch jetzt, nach Abschluß der Spurensicherung, hat die Polizei offiziell keine neuen Erkenntnisse. Dabei ermittelt man inzwischen nicht mehr nur wegen Sachbeschädigung, sondern auch wegen Störung der Totenruhe. Denn bei der Anlage handelte es sich nicht nur um ein Denkmal für 20.000 gefallene Soldaten, sondern auch um eine Grabstelle. Seit 1976 ruht direkt am Fuße des Steins die Urne des ehemaligen Vorsitzenden des Kameradschaftsverbandes Walter Ewert. Dessen Grabplatte war unter der tonnenschweren umgestürzten Steintafel des Denkmals begraben worden. Nun ist das 1971 errichtete Gefallenendenkmal des Kameradschaftsverbandes Geschichte. Gras kann an der leeren Stelle auf dem Dorffriedhof wachsen. Offiziell haben alle jene, die für die Demontage des Steines gekämpft haben, den Anschlag verurteilt, aber klammheimlich, so eine Stimme, die unbekannt bleiben will, gegenüber der JF, „reibt sich so mancher der Herren Honoratioren, die jetzt so scheinheilig tun, die Hände“. Da der Anschlag aber eine erneute Demonstration aus den extrem rechten Kreisen der Freien Kameradschaften am vergangenen Samstag provoziert hatte, dürfte solche Freude nur von kurzer Dauer gewesen sein. Zwar haben die Freien Kameraden des sogenannten Nationalen Widerstandes bei ihrem Aufmarsch erneut angekündigt, nun jedes Jahr in Marienfels demonstrieren zu wollen, tatsächlich kamen aber nach Polizeiangaben nur noch 150 Teilnehmern – rund hundert Personen weniger als bei der letzten Demonstration im November vergangenen Jahres. Die Gegendemonstration einer sogenannten Allianz der Vernunft aus Gewerkschaften, Kirchen und etablierten Parteien kam nach offiziellen Angaben mit 200 Teilnehmern sogar nicht einmal mehr auf die Hälfte ihrer Teilnehmerzahl vom November. Im Gegensatz zu damals, als die Polizei sogenannte „Antifaschisten“ unter den Allianz-Demonstranten auffordern mußte, eine beginnenden Vermummung zu unterlassen, und Stunden später in Koblenz gegen einen einseitigen Gewaltausbruch abreisender Links- gegen abreisende Rechtsextremisten Tränengas einsetzen mußte, gab es diesmal für die Beamten laut Polizeibericht „zu keiner Zeit (die Notwendigkeit), regulierend einzugreifen“. Doch trotz der Erfahrung, daß beim letzten Mal die Gefahr einer Eskalation eher von den extrem linken als von den extrem rechten Demonstranten ausgegangen war, gestatten die Organisatoren der Allianz der Vernunft „Antifaschisten“ erneut die Teilnahme an ihrer Veranstaltung. Laut einem Bericht der linksextremen Antifa-Netzplattform indymedia wurde im Zuge dessen sogar in einem „(Rede-)Beitrag der Antifaschistischen Gruppe die endgültige Zerstörung des Gedenksteins positiv bewertet“. Auf Anfrage der JF bei der zuständigen Polizeidirektion in Montabaur, ob dies nicht den Tatbestand der Billigung einer Straftat darstelle, wurde mitgeteilt, die Polizei habe einen solchen Vorgang nicht feststellen können. Dabei soll laut indymedia bei der Demonstration sogar ein ungefährer Hinweis auf die Urheberschaft des Anschlags auf den Stein geäußert worden sein. Während die Polizei nach wie vor nicht zwangsläufig von einem linksextremen Hintergrund der Tat ausgeht, wird die Beseitigung des Denkmals auf indymedia so erklärt: „Ein Redner einer Antifa-Gruppe aus Rheinland-Pfalz“ habe auf der Demo der Allianz der Vernunft geäußert: „Wir wollen nicht nur, daß in Marienfels keine Verherrlichung der Nazis und ihrer verbrecherischen Taten stattfindet – sondern nirgendwo!“ Und dabei hatte sich doch, so gibt man auf indymedia den weiteren Redeinhalt wieder, „schon eine andere Gemeinde gefunden, die bereit war, dem SS-Gedenkstein einen neuen Standort einzuräumen.“ Auch die lokale Rhein-Lahn-Zeitung ignorierte den Fingerzeig und formulierte statt dessen am Montag die Vermutung, der Stein sei womöglich von Rechtsextremisten zerstört worden, um künftige Proteste der Szene zu provozieren. Überhaupt zeichnete sich die Berichterstattung der lokalen RLZ in den Tagen seit dem Anschlag durch eine fiebrigen „Kampf-gegen-Rechts“-Berichterstattung aus, die dem Leser eine regelrechte Gewaltphantasmagorie von rechts heraufbeschwor. Dazu gehörten Stimmungsberichte über angeblich anmarschierende „braune“ Horden – zu finden war dann aber, so mußte der Reporter schließlich zugeben, nur ein altes Mütterlein beim Einkaufen. Oder Schlagzeilen wie „Marienfels fürchtet neue Krawalle“, über die man sich auch auf der zuständigen Polizeidienststelle vermutlich nur wundern konnte, da man sich auf Anfrage der JF an „alte Krawalle“ in Marienfels nicht erinnern konnte. Im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT räumte ein Redakteur der RLZ indirekt aber kleinmütig schließlich eine gewisse Mangelhaftigkeit der Berichterstattung seiner Zeitung ein. Unterdessen ist die Frage, ob das Denkmal wieder aufgebaut wird, nicht geklärt. Claus Cordsen möchte sich und den Mitgliedern seines Verbandes die Erinnerung an ihre gefallene Kameraden nicht nehmen lassen. „Wir bauen unser Denkmal wieder auf“, meint der 83jährige trotzig gegenüber der JF – wie, darauf hat er allerdings noch keine Antwort. Foto: Abgeräumtes Gefallenendenkmal in Marienfels: „Solange um ein kleines bißchen Würde gekämpft“ / Aufmarsch „Freier Kameraden“

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